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Schrumpfende Städte Diät für die Speckgürtel

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil wie die Städte für ihre Wiederbelebung kämpfen

Zwar machten sich Kabarettisten wie der rheinische Satiriker Achim Konejung immer wieder lustig über die "Klinkerwüsten im Wüstenrot-Stil", die "Doppelhaushälften mit Azteken-Ofen im Sieben-Quadratmeter-Garten" oder die Vorliebe für "Carports, damit der Nachbar auch ja das neue Auto sieht und sich gelb vor Neid in den Hintern beißt". Und doch ist es noch immer der Traum von 80 Prozent aller Deutschen: das Häuschen außerhalb der Stadt, aber noch in Pendelnähe, irgendwo in der Halbidylle zwischen Kuhweiden und Möbelmärkten.

Vor allem junge Familien mit Kindern besiedelten dort frühere Kartoffeläcker mit Häusern im Walmdach-Einheitsstil, oft montiert aus Modulen und verziert mit Applikationen aus dem Baumarkt. So entstanden (und entstehen noch immer) überall im Dunstkreis der Städte jene uniformen Ortsteile aus der Retorte, die von den Alteingesessenen leise bespöttelt werden als "Zuchtburgen", "Schuldnersiedlungen" und "Hypothekenviertel".

Der Nachbar wohnt in Niesweite

Zwar mangelt es den adretten Neubaugebieten, in denen der Nachbar oft in Niesweite wohnt, am rustikalen Reetdach-Charme der Bauerndörfer ebenso wie an der prickelnden Urbanität städtischer Gründerzeitviertel. Und doch: Schon um die Jahrtausendwende wohnten, so das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, "mehr Menschen im Umland der Kernstädte als in den Kernstädten selbst".

Planer und Politiker in den ausblutenden Großstädten wie auch in den vergessenen Landgemeinden noch weiter draußen verfolgten den massenhaften Umzug ins Umland stets voller Missmut. Denn die Milliardensummen, die in den Speckgürteln für immer neue Straßen und Schulen, Strom-, Gas-, Wasser- und Abwassernetze investiert werden müssen, fehlen anderswo, um die von Abwanderung betroffenen Stadtviertel und Dörfer so umzugestalten, dass die dort noch vorhandene Infrastruktur, vom Kindergarten bis zum Altenheim, vom Busnetz bis zum Schwimmbad, halbwegs ausgelastet werden kann.

So leistet sich Deutschland einen gigantischen Schildbürgerstreich. Während es in den Schrumpfstädten wie in den Schrumpfdörfern an Geld und Lust mangelte, die teils wertvolle Bausubstanz zu erhalten und ungenutzten Wohnraum aufzuwerten, wurden Bauwut und Landfraß in den Speckgürteln hoch subventioniert. Allein die Eigenheimzulage, die zum Jahresbeginn abgeschafft wurde, hat sich der Staat jährlich rund 10 Milliarden Euro kosten lassen, während Instandhaltung und Renovierung in der Regel nicht subventioniert wurden.

Kinder profitieren 10 Jahre vom Haus im Grünen

Viele Investitionen in Krippen und Kindergärten, Grundschulen oder Gymnasien der Umlandgemeinden aber werden binnen einer Generation entwertet sein. Denn wo heute noch junge Familien mit Kinderwagen dominieren, leben dann überwiegend gleichaltrige Grauschöpfe, die nach Alten- und Pflegeheimen verlangen, während sich der Nachwuchs davon gemacht hat.

Kinder würden "höchstens zehn Jahre lang", vom zweiten bis zum zwölften Lebensjahr, vom Häuschen im Grünen profitieren, heißt es in einer Studie des Naturschutzbundes Deutschland: "Später erweitert sich der Aktionsradius, draußen zu spielen wird uninteressant, die Erreichbarkeit anderer Freizeitangebote zunehmend wichtiger."

Kenner wie der Kölner Frank Kirsch, Fachmann für Immobilienmarketing, warnen davor, in irgendwelchen Suburb-Häuschen eine wertbeständige Geldanlage zu sehen: "Die Zeiten, in denen Bauträgern das Nullachtfünfzehn-Reihenhaus irgendwo am Stadtrand aus der Hand gerissen wurde, sind vorbei und werden ziemlich sicher nicht wieder kommen." Der Nürnberger Immobilien-Sachverständige Matthias Kirchner hat ebenfalls eine Trendwende wahrgenommen: "Zuerst kam die Landflucht, dann kam die Stadtflucht und jetzt kommt wieder die Landflucht."

Tatsächlich mehren sich nach Jahren der massenhaften Absetzbewegung in die Speckgürtel zunehmend Anzeichen für eine gegenläufige Entwicklung, jüngst noch verstärkt durch den Abbau der Eigenheimförderung wie auch durch sinkende Einkommen, steigende Benzinpreise und erfolgreiche Bemühungen von Städten, ihre Kerne zu revitalisieren. "Die Leute ziehen nach einer Familiengründung nicht mehr reflexartig aus der Stadt," bestätigt Hasso Brühl vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin.

"Wir kämpfen auch in 1A-Lagen mit Leerständen"

So stehen die Chancen nicht schlecht, nach Jahren verfehlter Siedlungspolitik das Steuer herumzuwerfen. "Bei einem Bevölkerungsrückgang und einhergehender Überalterung dürfen wir eigentlich überhaupt nicht mehr auf der grünen Wiese bauen", fordert der international renommierte Architekt Albert Speer: "Wir haben genügend Fläche in den Städten."

Die hätten eine Offensive zur Revitalisierung vorhandener Substanz bitter nötig. Nordrhein-westfälische Kommunen, schlägt der Grünen-Politiker und Ex-Städtebauminister Michael Vesper Alarm, "kämpfen nicht nur in den Randlagen, sondern auch in den 1A-Lagen mit Leerständen, zum Teil von bis zu 30 Prozent".

Mittlerweile haben viele Stadtplaner dazugelernt und nutzen den Stadtumbau, um früher begangene Fehler zu korrigieren. Relativ weit vorn liegt beim Stadtumbau im Westen das arme Bremen.

Dort wurde etwa im Stadtteil Tenever mit dem Abriss und der Neugestaltung von teils verwohnten, teils leerstehenden Hochhäusern begonnen, auf die der Stadtstaat einst stolz war; die Großsiedlung mit ihren insgesamt 2650 Wohnungen, ein Demonstrativbauvorhaben des Bundes aus den siebziger Jahren, galt seinerzeit als letzter Schrei. Auch in NRW werden Hochhäuser am Stadtrand, die zu sozialen Brennpunkten und Hochburgen der Kriminalität verkommen sind, abgerissen oder zurückgebaut.

Und bundesweit ist an die Stelle des einstigen Leitbildes, der 1933 verabschiedeten "Charta von Athen" mit ihrer dogmatischen Trennung von Wohn-, Arbeits- und Freizeitvierteln, weithin der Glaube an einen "New Urbanism" gerückt, der das glatte Gegenteil predigt: Funktionsmischung statt seelenloser Schlafstädte und kalter Büroviertel, dazu Rückkehr zu vertrauten Traufhöhen und anheimelnden Baustoffen - Backstein statt Beton und Glas.

Städte sollen wieder kinder- und altenfreundlich werden

So werden die durch Abriss entstehenden Lücken mehr und mehr genutzt, um die überkommene Monotonie aufzulockern und zu verhindern, dass die geschwächten Städte noch schneller dezimiert werden. Handlungsbedarf bestehe nicht zuletzt in den Kernstädten, sagt Christa Thoben, frühere Direktorin des Regionalverbandes Ruhr. Im einstigen Kohlenpott sind noch immer viele citynahe Straßenzüge als reine Wohngebiete ausgewiesen, ohne Kneipe, Kino und Café. Thoben: "Da können Sie noch nicht einmal eine Werbeagentur eröffnen."

Mit buntem Funktionsmix und der Schaffung "vertrauter Bilder, Räume und Dimensionen" will die Ruhr-Kommune Gladbeck, wie Baurat Michael Stojan ankündigte, sogar zu einer "Modellstadt des New Urbanism" werden. Die neue Bauphilosophie soll die "emotionale Bindung der Bewohner an ihr Quartier" stärken - und damit die Abwanderung bremsen.

Vor allem in Nordrhein-Westfalen ist die Einsicht gewachsen, dass der fällige Bestandsumbau auch genutzt werden muss, um die Städte im Revier den Anforderungen ihrer stetig alternden Einwohnerschaft anzupassen. "Bundesweit als Trendsetter" sieht sich das Düsseldorfer Städtebauministerium, das den Einbau speziell geschnittener Wohneinheiten für Senioren-WGs in bestehende Siedlungen finanziell fördert.

Dass sich auch Großstadt und Kinderfreundlichkeit nicht ausschließen, zeigt sich im wiederbelebten Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg, wo 134.000 Menschen wohnen: Hier sind in Baulücken Dutzende von Spielplätzen entstanden; in fast 180 Kitas werden 13.500 Kinder betreut; Hunderte von Coffeeshops und Kneipen, dazu Programmkinos und Läden aller Art haben den Stadtteil im einstigen Ostberlin aufblühen lassen, nachdem noch vor fünf Jahren Grundschulen wegen Kindermangels geschlossen werden mussten.

"Schrumpfung ist nicht die Schuld des Bürgermeisters"

Allerdings: Ein Patentrezept gibt es nicht, nach dem überalterte Stadtviertel gleichermaßen gesunden können wie die verlassenen Landstriche an den Rändern der Republik.

Forscher der Bertelsmann-Stiftung haben bei der Analyse der Entwicklungstrends in der Bundesrepublik herausgefunden, dass es 15 regional unterschiedliche "Demographietypen" gibt. Für jede dieser Fallgruppen haben sie Grundzüge eines Handlungskonzepts ins Internet gestellt, als Datei zum Herunterladen und zum Ausdrucken, abrufbar unter der Adresse www.wegweiserdemographie.de.

Voraussetzung für eine neue Politik in den Rathäusern ist allerdings die Bereitschaft, die tabuisierten Trends zur Kenntnis zu nehmen und zu begreifen, was der Berliner Urbanistikprofessor Heinrich Mäding unermüdlich predigt: "Schrumpfung ist keine Schande und nicht die Schuld des Bürgermeisters."

Im Übrigen, so der Wissenschaftler, sei in den Rathäusern "Bescheidenheit angesagt": "Bei schrumpfender Gesamtbevölkerung ist es schon ein Erfolg, diesen Prozess für die eigene Stadt zu verlangsamen."

Zuvor in der Serie erschienen:

1. Verlorenes Land, verlassenes Land
2. Keine Zukunft für die Kuhzunft
3. Polinnen als letzte Hoffnung
4. Der Lockruf der Leere

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insgesamt 289 Beiträge
PhilippSchumann 14.03.2006
Die Frage ist natürlich auch, MUSS gegen den Trend etwas getan werden? Muß in jeden sich von alleine entwickelnden Vorgang eingegriffen werden? Muß man die Politiker für alles um Hilfe rufen; wenn nicht eigentlich die vielen [...]
Zitat von sysopGeburtenschwund, Arbeitslosigkeit, Abwanderung: Den ländlichen Gegenden in Deutschland entvölkern sich, die Menschen zieht es in die Städte. Entwickelt sich - wie Wissenschschaftler warnen - auf dem Lande ein "Ozean von Armut und Demenz"? Was kann gegen den Trend getan werden?
Die Frage ist natürlich auch, MUSS gegen den Trend etwas getan werden? Muß in jeden sich von alleine entwickelnden Vorgang eingegriffen werden? Muß man die Politiker für alles um Hilfe rufen; wenn nicht eigentlich die vielen Verantwortlichkeiten und Monopole des Staates zurückgefahren werden sollten, um den Menschen selber wieder die Möglichkeit und die Notwendigkeit zur Entfaltung Ihrer Fähigkeiten zurückzugeben? Industrie und Landwirtschaft nehmen mit zunehmender Automatisierung an wirtschaftlicher Bedeutung ab werden einen immer geringeren Stellenwert einnehmen. Es ist völlig klar, daß viele Dörfer ausbluten. In 10 bis 20 Jahren indes wird es für den Großteil der 'Bürojobs' und 'Wissensjobs' nicht mehr nötig sein, das Haus zu verlassen (es handelt sich um einen heute geringen, beständig wachsenden Prozentsatz). Dann werden viele Städter schon aus Flucht der überfüllten Städte die Dörfer neu besiedeln. Man höre auf, bei jeder kleinen Veränderung im Land nach dem Staat zu rufen. Die Leute verhalten sich eh schon größtenteils wie Kinder, und auch das liegt m.E. am paternalistischen, dirigistischen Staat.
Norbert-FM 14.03.2006
Die Frage ist interessant, aber muß wirklich etwas dagegen getan werden? Es gibt in diesen Landstrichen nichts, es gibt keine Jobs, keine Perspektive, kein kulturelles Leben manchmal sind diese Landstriche nicht einmal touristisch [...]
Die Frage ist interessant, aber muß wirklich etwas dagegen getan werden? Es gibt in diesen Landstrichen nichts, es gibt keine Jobs, keine Perspektive, kein kulturelles Leben manchmal sind diese Landstriche nicht einmal touristisch wertvoll. Warum sollten also dort noch Menschen leben? Wer einmal durch z.B. Südschweden gefahren ist findet in den dortigen Dörfern auch kaum mehr Einwohner. Die meisten der dort befindlichen Häuser verschwinden oder werden kurzerhand zu Ferienhäusern. Entweder für die eigene Familie oder Touristen. Vielleicht sollte eher über Renaturierungsprojekte als über die aussichtslose Ansiedlung von Arbeitgebern o.ä. nachgedacht werden. Das grösste Problem dabei sind die Menschen die in realitätsferner Beharrung dort bleiben wollen. Ob das schon ein Beispiel für die "Verdummung" ganzer Landstriche ist? Ich wage darauf keine Antwort zu geben.
Jürgenk1 14.03.2006
Man sieht ja in Halberstadt wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. Man sollte das einfach akzeptieren. Notfalls kann man die ehemaligen Besatzungsmächte Amerika und Rußland wieder einladen, die meiner Meinung nach viel zu [...]
Man sieht ja in Halberstadt wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. Man sollte das einfach akzeptieren. Notfalls kann man die ehemaligen Besatzungsmächte Amerika und Rußland wieder einladen, die meiner Meinung nach viel zu früh abgezogen sind.
Majikat 14.03.2006
In der Politik ist diese Situation - entgegen der Aussagen in diesem Artikel - längst ein Thema. Auswirkungen der demographischen und finanziellen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren stehen auf der Tagesordnung. [...]
In der Politik ist diese Situation - entgegen der Aussagen in diesem Artikel - längst ein Thema. Auswirkungen der demographischen und finanziellen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren stehen auf der Tagesordnung. In Sachsen-Anhalt hat die SPD eine Reihe von Papieren vorgelegt, in denen genau das analysiert und diskutiert wird. (http://www.zukunftsprogramm.de/files/zukunft8_laendlraeume.pdf) Die Debatte ist längst im Gange. Nur: Patentlösungen hat niemand, und die werden leider auch auf spiegel-online nicht angeboten. Wie wäre es , wenn man - anstatt die Malaise wieder einmal in gefälligem Stil zu beschreiben - konkrete Vorschläge macht? Damit eben nicht die Dementen und die Alten übrigbleiben. Doch selbst der Vorschlag, Wirtschaftsförderung auf die starken Regionen zu konzentrieren, wird in dem Artikel eher negativ bewertet. Was also dann?
E_N 14.03.2006
Na denne, Gute Nacht Deutschland. Der letzte macht das Licht aus... Man kann dieser Entwicklung nicht entgegenwirken. IMHO ist der Point of No Return schon lange erreicht. E_N
Na denne, Gute Nacht Deutschland. Der letzte macht das Licht aus... Man kann dieser Entwicklung nicht entgegenwirken. IMHO ist der Point of No Return schon lange erreicht. E_N
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