Von Carsten Volkery
Berlin - Die Frage war wohl unvermeidlich. "König Kurt - Wird er der nächste Kanzlerkandidat?", spekulierte die "Bild"-Zeitung heute. Das Blatt nahm den glänzenden Wahlsieg des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten zum Anlass, einige Parallelen zu ziehen. War es nicht Gerhard Schröder, der als letzter SPD-Ministerpräsident eine absolute Mehrheit gewonnen hatte? Und startete Helmut Kohl seinen Siegeszug nicht auch in Rheinland-Pfalz?
Der Mann mit den "listigen braunen Augen" und dem "Stoppelbart" sei ein echter "Hoffnungsträger", jubelte das Blatt. Die "Bild"-Zeitung ist nicht allein, wenn es darum geht, sich Gedanken über Becks Karriere zu machen. Die "Frankfurter Allgemeine" hält es für denkbar, dass die SPD in Versuchung geraten und den bisher farblosen Parteichef Matthias Platzeck gegen Beck austauschen könnte. "Die SPD hat nicht viele Sieger wie den Mainzer König Kurt", gibt die Zeitung zu bedenken.
In der SPD wird der Versuch, den Pfälzer auf den Kanzlerkandidatenschild zu heben, mit Unverständnis aufgenommen. "Was soll das jetzt?", fragt ein Mitglied des Parteivorstands. Der Sprecher des Seeheimer Kreises, Johannes Kahrs, wettert gegen die "Scheindebatte, die der SPD schaden soll". Platzeck sitze fest im Sattel und habe als Parteichef automatisch den Zugriff auf die Kanzlerkandidatur.
Wen man auch fragt, die Genossen winken genervt ab. "Dass Kurt Beck Einfluss in der SPD hat, ist doch nichts Neues", wundert sich Juso-Chef Björn Böhning. Der sei seit der Wahl nicht erkennbar gewachsen. "Ein Schmarren", kommentiert Fraktionsvize Ludwig Stiegler die Spekulationen. "Der Kurt ist klug genug, nicht darauf reinzufallen."
Platzeck selbst hatte gestern betont, er arbeite "engstens" mit Beck zusammen und jeglichen Eindruck von Rivalität zurückgewiesen.
Dass die Sozialdemokraten mit den Augen rollen, muss noch nicht viel heißen. Parteien reagieren grundsätzlich allergisch auf die K-Frage. Doch in diesem Fall spricht tatsächlich wenig dafür, dass Beck sich als ein zweiter Schröder entpuppt. Abgesehen vom Wahlsieg gibt es eigentlich nur Argumente, die gegen eine größere bundespolitische Rolle Becks sprechen.
Erstens: In der Partei gilt er als ungeeignet für die Kanzlerschaft. Seine gemütliche Pfälzer Art komme in seinem Bundesland an, sei aber von Nachteil im Rest der Republik, heißt es. "Ich erinnere immer an das Schicksal von Johannes Rau", sagt Stiegler. "Der hatte auch immer die größten Mehrheiten im Land und konnte das nicht auf die Bundesebene übertragen."
Zweitens: Beck strebt überhaupt nicht nach Höherem. Er fühlt sich als Landesvater wohl und hatte deshalb Platzeck auch den Vortritt gelassen, als es um die Frage des Parteivorsitzes ging. Nach dem Rücktritt Münteferings hatten die beiden sich zusammengesetzt und sich eine besonders enge Zusammenarbeit versprochen. Für Beck wurde der Titel des "ersten Stellvertreters" geschaffen, um seine bundespolitische Bedeutung zu unterstreichen. In Interviews hatte Beck hinterher damit kokettiert, dass ihn der Parteivorsitz schon gereizt hätte, aber gleichzeitig seinen Verzicht bekräftigt. An der Kanzlerschaft soll er schlicht kein Interesse haben.
Drittens: Platzeck ist mindestens so ein Siegertyp wie Beck. Der brandenburgische Ministerpräsident hat im Sommer der Hartz-IV-Proteste bewiesen, dass er sogar bei starkem Gegenwind Wahlen gewinnen kann. Für Platzeck spricht zudem sein Alter: Er ist fünf Jahre jünger als der 57-jährige Pfälzer.
Die Beck-Euphorie dürfte daher schnell verebben. An Statur gewonnen hat er zweifellos. Seine Rolle als Retter der SPD wurde von Platzeck in den überschwänglichsten Tönen gewürdigt. Doch der amtierende Parteichef müsste sich schon gravierende Fehltritte leisten, bevor die Partei nach König Kurt ruft.
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