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05.04.2006
 

Rheinsberg in Brandenburg

Brauner Nachwuchs im Touristenstädtchen

Von Olaf Sundermeyer und Jens Todt

Tucholsky beschrieb Rheinsberg als Ort der Liebenden. Doch immer öfter steht das Städtchen für Ausländerhass. 31 rechtsradikal motivierte Straftaten zählte die Polizei 2005. Die Bürger wollen sich mit dem Terror der Neonazis nicht abfinden - sie kämpfen um die Gesinnung ihrer Kinder.

Rheinsberg - "Das war ein ganz Lieber", sagt Karin Schwark und blättert in einem Aktenordner mit Zeitungsausschnitten. "Ich kenne Markus seit der zweiten Klasse", so die Sozialarbeiterin der Heinrich-Rau-Schule, "der ist nie negativ aufgefallen." Sie zeigt auf alte Artikel über Demonstrationen und Aufrufe der Rheinsberger gegen Rechtsextremismus. Schwark möchte nicht, dass ihre Stadt als Neonazi-Hochburg gilt, "wir tun doch alles, was wir können." Der 18-jährige Markus soll an den wiederholten Anschlägen auf ausländische Lokale beteiligt gewesen sein. Schwark versteht die Welt nicht mehr. "Ich kenne die Familie, da ist alles in Ordnung, ganz nette und solide Leute."

Rheinsbergs strahlende Fassade: "Nette und solide Leute." 
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DPA

Rheinsbergs strahlende Fassade: "Nette und solide Leute." 

Die 9000-Einwohner-Stadt im Norden Berlins hat mehr als ein Imageproblem. 31 registrierte rechtsradikal motivierte Straftaten im vergangenen Jahr haben die Politik aufgeschreckt. Nach einer Serie von Brandanschlägen auf einen kurdischen Imbiss schaute die gesamte Republik voller Empörung nach Rheinsberg. Das brandenburgische Innenministerium hat die Devise "Null Toleranz" für die hiesige rechtsradikale Szene ausgegeben und Unterstützung zugesichert. Inzwischen verstärken Bereitschaftspolizisten und Zivilstreifen die zwölf regulären Beamten der Wache vor Ort.

Mehmet Cimendag steht in seinem schlichten Container und säbelt Fleisch von einem Dönerspieß. "Alles klar?", fragt er lachend jeden Gast, der vor seinem "Grillhaus" zwischen Friedhof und Supermarkt stehen bleibt. Viermal innerhalb von zwei Jahren stand sein Imbisswagen in Flammen, beim letzten Anschlag vor einem Jahr brannte er völlig aus. Die Menschen in der Stadt haben anschließend für Cimendag gesammelt, das brandenburgische Innenministerium gab auch etwas dazu, damit der Kurde sich eine neue Existenz aufbauen kann. "Die meisten Rheinsberger sind nicht so wie diese Rechten", sagt Cimendag, "ich komme mit fast allen gut aus."

In den vergangenen Wochen jedoch kehrte die Angst zurück in die Stadt. Mehrfach wurden Anschläge auf ausländische Geschäfte und Lokale verübt. Randalierer schlugen die Tür des China-Restaurants "Große Mauer" ein und zerstörten Teile des Mobiliars. Eine Gruppe Jugendlicher demolierte einen Holzzaun des nahegelegenen italienischen Lokals und versuchte, einen Briefkasten abzureißen. "Die haben überall gewütet", sagt die Betreiberin eines Restaurants. Die resolute kleine Frau steht mit verschränkten Armen vor der Theke ihres Lokals und sagt, dass sie ihren Namen lieber nicht nennen möchte. Die Spuren des Anschlags sind inzwischen beseitigt, "zum Glück hat die Versicherung die Kosten übernommen." Irgendwann stand eine Gruppe Jugendlicher vor der Wohnungstür der chinesischen Familie, am späten Abend. "Ausländer raus, verschwindet hier", hätten sie gerufen, so die junge Frau, "die waren alle betrunken und aggressiv."

47 Ausländer, 31 rechtsradikal motivierte Straftaten

Rheinsbergs Schattenseiten: "Hochkultur und unterster sozialer Alltag auf kleinem Raum"
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SPIEGEL ONLINE

Rheinsbergs Schattenseiten: "Hochkultur und unterster sozialer Alltag auf kleinem Raum"

47 Ausländer leben in Rheinsberg, das entspricht etwa einem halben Prozent der Bürger der Stadt, deren herausgeputzter alter Kern jährlich Tausende Touristen anlockt. Die Fassaden der Häuser strahlen frisch renoviert, vom Rathaus sind es nur wenige Schritte bis zum Grienericksee. "Die Stadt lebt vom Tourismus", sagt Bürgermeister Manfred Richter, "etwas anderes haben wir hier nicht." Einmal im Jahr ist sogar die Hochkultur zu Gast in Rheinsberg. Hunderte Bewerber aus der ganzen Welt wetteifern um eine der begehrten Rollen bei der "Kammeroper Schloss Rheinsberg", einem international renommierten Festival.

Von der Pizzeria "Palermo" aus kann man das Schloss sehen, die strahlend weiße Fassade und die Gerüste am rechten Flügel des Gebäudes, der derzeit renoviert wird. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite warten Jugendliche an einer überdachten Bushaltestelle. "Hier auf dem Triangelplatz treffen sich die Rechten gelegentlich", sagt ein Mädchen, "die saufen und pöbeln einfach." Auf der dreieckigen Rasenfläche, dem Zentrum der Stadt, kündet ein Obelisk von der Feuerkatastrophe, die Rheinsberg im Jahr 1740 in Asche gelegt hat. Im kleinen überheizten "Palermo" stehen blaue Schwaden regungslos in der Luft, drei Gäste haben sich nachmittags hierher verirrt. Alle rauchen, auch die etwa 50-jährige Bedienung in ihrem weißen Kittel. Ein Mann brütet über einem Lottoschein, das Paar am Nachbartisch trinkt schweigend Bier.

Etwa 20 Prozent der Rheinsberger sind arbeitslos, eine gängige Größe im Norden Brandenburgs. Ein Teil der wenigen verbliebenen Arbeitsplätze verschwindet gerade von selbst. Der größte Arbeitgeber der Stadt beschäftigt 200 Leute damit, das abgeschaltete Atomkraftwerk am Stechlinsee "rückzubauen", damit die Industrieruine die Landschaft nicht verschandelt. Auch in Rheinsberg wandern die Jungen und Leistungsfähigen dorthin ab, wo es Arbeitsplätze gibt. Selbst die Heinrich-Rau-Schule schrumpft. Seit diesem Jahr steht die Schule ohne elfte Klassen da, es gibt einfach zu wenig Schüler. Die jetzigen Jahrgänge 12 und 13 können noch ihr Abitur machen, danach wird es keine gymnasiale Oberstufe mehr in Rheinsberg geben. "Wir verlieren jetzt auch noch diejenigen, die die Schwächeren auch mal mitziehen können", sagt Sozialarbeiterin Schwark.

Markus war keiner der Schwächeren. "Der war richtig gut in der Schule", sagt ein ehemaliger Klassenkamerad. "Bis zur neunten Klasse war bei dem nichts auffällig", so der 18-Jährige, nur im Geschichtsunterricht habe Markus oft ein "völlig andere Meinung als die Lehrerin" gehabt, "vor allem, wenn es um die NS-Zeit ging." Später habe Markus einen strengen Seitenscheitel und "Nazi-Klamotten" getragen. "Der ist immer mehr auf die politische Schiene gekommen", so der ehemalige Mitschüler. Heute macht er eine verwaltungstechnische Ausbildung. "Manchmal zieht Markus mit seinen Neonazi-Freunden aus Wittstock durch die Straßen, denen muss man aus dem Weg gehen."

In der Nähe des Stadions sollen die meisten der Jugendlichen leben, die in Rheinsberg der rechten Szene zugeordnet werden, so wie Christian. Die graue Plattenbausiedlung am Rande des historischen Stadtkerns liegt zwar nur wenige hundert Meter vom Schloss entfernt, dennoch trennen Welten diese beiden Orte. Die verwohnte Siedlung unterscheidet sich nicht sonderlich von heruntergekommenen Wohnblocks anderswo, doch selten liegen sozialer Brennpunkt und Touristenidylle so nahe beieinander wie in Rheinsberg. Trotz mehrmaligen Klingelns öffnet bei Christian niemand die Wohnungstür. Ein paar Minuten später taucht ein junges Mädchen am Fenster auf und starrt die fremden Besucher an. Ihr Gesicht ist hart und regungslos.

"Rheinsberg ist ein spezieller Fall, weil hier auf kleinem Raum Hochkultur und unterster sozialer Alltag zusammenkommen", sagt Wolfram Hülsemann, Leiter des Mobilen Beratungsteams Brandenburg, das den Kommunen beim Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit hilft. Die Rheinsberger wollen ihre Gemeinde gegen den Rechtsextremismus verteidigen. In den benachbarten Städten Wittstock und Neuruppin sei die Situation doch viel schlimmer, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Die Stelle der Jugendpflegerin wurde allerdings im vergangenen Jahr aus Kostengründen gestrichen, immerhin ist der Jugendklub wieder geöffnet. Doch die gefährdeten Rheinsberger Jugendlichen werden wohl nicht im schummrigen Freizeitraum des Flachbaus auftauchen. "So ist das leider oft in der Sozialarbeit", sagt Bürgermeister Manfred Richter, diejenigen, um die es geht, erreicht man meistens nicht." Mehmet Cimendag und die Betreiberin des China-Restaurants denken nicht daran, sich von Rechtsradikalen vertreiben zu lassen. "Es sind nur einige wenige, die das anrichten", sagt Cimendag. Die Chefin der "Großen Mauer" sagt, sie kenne die Jugendlichen, die ihren Laden verwüstet haben. "Die waren sogar schon bei mir Essen."

Korrektur: Irrtümlich wurde der Stechlinsee in unserer Reportage Kurt Tucholsky zugeschrieben, der Roman "Der Stechlin" stammt jedoch von Theodor Fontane.

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