Von Jens Todt, Potsdam
Potsdam - Am alten Potsdamer Hafen sind die Spuren des Osterwochenendes nicht zu übersehen. Auf den Betonplatten der heruntergekommenen Uferpromenade liegen braune Scherben zerbrochener Bierflaschen, die Aschereste mehrerer Lagerfeuer hinterlassen graue Stellen im Sand. Das Areal zwischen dem Yachthafen und dem schicken Art Hotel hat schon bessere Tage gesehen. Die kleine Bar am Uferweg, die aus einem Container und mehreren Sperrholzplatten besteht, ist geschlossen. Baustellenzäune aus Metall sichern das Lokal vor Einbrechern.
An den Wochenenden ist hier wesentlich mehr los. Die Gäste der Strandbar schätzen vor allem die niedrigen Preise und die Sicht auf die träge dümpelnde Havel. Hinter der Holzbude ragt die Ruine eines ehemaligen Braunkohlekraftwerks in den Potsdamer Himmel. Die Backsteingebäude des Areals stehen unter Denkmalschutz, die Stadt sucht schon lange nach einem Investor, der der Industriebrache neuen Glanz verleiht.
Armin Burchardi ist sauer auf die Besucher der Strandbar. "Wir haben viele Probleme mit denen", sagt der Betreiber des Potsdamer Yachthafens, der gleich nebenan liegt. "Wenn die sich betrinken, geht viel zu Bruch, auch bei uns auf dem Gelände", so Burchardi. "Schauen sie doch mal, wie es da aussieht."
Seit die Polizei gestern den zufällig entstandenen Gesprächsmitschnitt mit den Stimmen der Täter veröffentlicht hat, gingen viele Hinweise auf die Identität des Duos ein. Einer der Schläger wurde als 1,80 bis 1,90 Meter groß und extrem kurzhaarig, möglicherweise auch kahlköpfig beschrieben. Er soll eine schwarze Bomberjacke mit weißer Aufschrift getragen haben. Die zweite Person soll 1,70 bis 1,80 Meter groß und kurzhaarig mit heller Haarfarbe gewesen sein. Die Ermittler halten es für möglich, dass es sich bei dieser Person um eine Frau handelt, die hohe Stimmlage auf der Gesprächsaufzeichnung weist darauf hin.
Skepsis gegen Bundesanwaltschaft
Generalbundesanwalt Kay Nehm hat das Ermittlungsverfahren übernommen, da die Tat geeignet sei, "die innere Sicherheit der Bundesrepublik zu beeinträchtigen". Große Hoffnungen setzen die Ermittler in den Gesprächsmitschnitt auf dem Anrufbeantworter der Frau des Opfers. Ermyas M. hatte seine Frau Steffi kurz vor der Tat angerufen, die Telefonverbindung war noch intakt, als er von den beiden Schlägern beschimpft wurde. "Seit der Veröffentlichung der Aufzeichnung sind zahlreiche Hinweise bei uns eingegangen", berichtet ein Sprecher der Generalbundesanwaltschaft, "die werden jetzt alle nacheinander abgearbeitet."
Brandenburgs Politik reagiert skeptisch auf die Mitteilung, dass die höchste deutsche Ermittlungsbehörde das Verfahren an sich gezogen hat. "Ich halte die Potsdamer Polizei und Staatsanwaltschaft eigentlich für kompetent und motiviert", sagte Günter Baaske, Fraktionsvorsitzender der SPD im brandenburgischen Landtag, zu SPIEGEL ONLINE. CDU-Politiker Sven Petke, Vorsitzender des Rechtsausschusses, zeigte sich ebenfalls überrascht davon, dass "die originär zuständigen hiesigen Behörden das Verfahren nicht eigenständig führen." Es sei fraglich, so Petke, "ob das für die Ermittlungen eine Beschleunigung bedeutet".
"Netter und lockerer Typ"
Omid Nouripour, Bundesvorstandsmitglied der Grünen, forderte unterdessen Kanzlerin Angela Merkel auf, "ein Zeichen gegen Nazis" zu setzen. "Wir brauchen einen Gipfel gegen Rechtsextremismus und einen nationalen Aktionsplan gegen neue und alte Nationalsozialisten", sagte Nouripour SPIEGEL ONLINE. Auch die Frage eines neuen Versuchs eines NPD-Verbots dürfe "nicht ausgespart werden". Es könne nicht sein, so Nouripour, "dass die NPD mit Steuergeldern Schutzstrukturen für rechte Schläger finanziert".
Das Opfer des Überfalls kämpft nach wie vor im Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum um sein Leben. Der 37-jährige Wasserbau-Ingenieur Ermyas M. lebt seit 19 Jahren in Deutschland und gilt als sehr beliebt. Andreas Bahms spielte gemeinsam mit M. in der "Ü 35"-Mannschaft von Fortuna Babelsberg Fußball. "Das ist ein ganz netter und lockerer Typ, der war bei uns sofort integriert", so Bahms.
M.s Kollegen vom Leibniz-Institut für Agrartechnik in Bornim haben die "Brutalität und Kaltschnäuzigkeit" der Tat in einem offenen Brief verurteilt. Ermyas M. arbeite gerade an seiner Doktorarbeit, heißt es in der Erklärung. Er beschäftige sich insbesondere mit der Frage, "wie man mit möglichst wenig Wasser und Energie Gemüse und andere verschmutzte Oberflächen schnell und schonend reinigen kann". Nach seiner Promotion plane M., "sein Wissen der Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen". Die Stimmung im Institut sei "sehr bedrückt", so M.s Kollegin Christiane von Haselberg. "Wir hoffen alle, dass es gut ausgeht."
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