Von Jens Todt, Potsdam
Potsdam – Ermittler der Potsdamer Polizei entdeckten am Tatort eine zerbrochene Bierflasche. Auf den Scherben konnten Fingerabdrücke sowie Blutspuren gesichert werden. Möglicherweise sind dem Opfer Ermyas M. die schweren Kopfverletzungen mit dieser Flasche zugefügt worden. Das Blut stammt nicht von dem Deutsch-Äthiopier. Das könnte darauf hindeuten, dass einer der Täter sich bei dem Angriff Schnittverletzungen zugefügt hat.
M. war am Sonntagmorgen gegen 4 Uhr von zwei unbekannten Tätern an einer Straßenbahnhaltestelle in Potsdam beschimpft und äußerst brutal zusammengeschlagen worden. Zufällig konnten Teile des Gesprächs aufgezeichnet werden, da das Opfer zu Beginn der Auseinandersetzung auf den Anrufbeantworter seiner Frau gesprochen hatte. Die Polizei hofft, dass die Veröffentlichung des Tondokuments sie zu den Tätern führt.
Außerdem riefen die Ermittler eine Gruppe von Jugendlichen auf, sich als Zeugen zu melden. Die Jugendlichen seien mit Base-Caps und sogenannten HipHop-Hosen bekleidet gewesen und hätten sich kurz vor der Tat in der Nähe der Haltestelle Charlottenhof aufgehalten. Möglicherweise waren sie kurz zuvor aus der nahe gelegenen Diskothek "Art Speicher" gekommen.
Ermyas M. ringt nach wie vor im Potsdamer Ernst von Bergmann-Klinikum mit dem Tod. Bereits am Montag war wegen einer Hirnschwellung ein operativer Eingriff notwendig geworden, in dessen Verlauf dem Patienten ein etwa handtellergroßes Stück Knochen aus der Schädelplatte entfernt werden musste. Die bei dem Überfall erlittenen Verletzungen im Brustbereich seien angesichts der Schwere der Kopfverletzungen "nachrangig", sagte Hubertus Wenisch, der Ärztliche Direktor des Krankenhauses.
Schäuble warnt vor voreiligen Schlüssen
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble warnte unterdessen vor voreiligen Schlüssen über die Motive der Schläger. Man wisse bisher nur, dass ein Mensch Opfer einer Gewalttat geworden sei. "Wir wissen die Motive nicht, wir kennen die Täter nicht. Wir sollten ein wenig vorsichtig sein", sagte der CDU-Politiker im Deutschlandradio Kultur. "Es werden auch blonde blauäugige Menschen Opfer von Gewalttaten, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Das ist auch nicht besser."
Niemand dürfe in Deutschland diskriminiert werden, weder Ausländer noch Deutsche. "Wir akzeptieren keine Gewalt und gehen mit aller Entschiedenheit dagegen vor", fügte Schäuble hinzu. Nur so könnten Toleranz und Friedfertigkeit bewahrt werden. Für Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Ostdeutschland machte Schäuble die Abschottung der Menschen in der früheren DDR verantwortlich. Es habe sich gezeigt, dass rechtsextreme Stimmungen dort am meisten gedeihen, wo wenige Ausländer leben.
Seit dem Überfall leidet Potsdam unter einem gravierenden Imageverlust. So erwägen die Organisatoren eines im Herbst geplanten Ärztekongresses, die Veranstaltung in eine andere Stadt zu verlegen. Der rassistische Angriff sorgt auch im Ausland für Aufsehen. Aufgeschreckt von einer Pressemitteilung hat eine nigerianische Regierungsdelegation ihre Zimmer in einem Hotel in der City der brandenburgischen Hauptstadt storniert. Eigentlich wollten die 15 Teilnehmer eines Wirtschaftskongresses für eine Woche nach Potsdam kommen.
Oberbürgermeister Jann Jakobs ist bemüht, den Schaden für die Stadt in Grenzen zu halten und ein öffentliches Zeichen zu setzen. Gemeinsam mit dem Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit hat er zu einer Solidaritätskundgebung aufgerufen. Unter dem Motto "Potsdam bekennt Farbe" sollen sich die Potsdamer morgen um 17 Uhr auf dem Luisenplatz im Zentrum der Stadt versammeln und "gemeinsam unserem Zorn und unserer Wut über diese Untat Ausdruck zu verleihen". Vertreter der evangelischen Kirche und anderer gesellschaftlicher Gruppen unterstützen die Aktion.
Seit gestern rufen Brandenburger Bürger im Internet dazu auf, sich mit dem Opfer Ermyas M. zu solidarisieren und den Rechtsextremismus im Land zu bekämpfen. Zu den Erstunterstützern der Aktion "Wir sind Brandenburg" gehören Ministerpräsident Matthias Platzeck, Innenminister Jörg Schönbohm und der Parteivorsitzende der PDS, Lothar Bisky.
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