Potsdam - Nach einem Augenzeugenbericht, der der Nachrichtenagentur dpa vorliegt, wurde einer der Verdächtigen gestern Nachmittag im Süden Potsdams nahe der Autobahn 115 festgenommen. An einer Kreuzung wurde demnach die Ampel auf Rot geschaltet. Quer gestellte Wagen blockierten den Verkehr. Dann hätten Polizisten mit schwarzen Sturmhauben einen Mann und eine Frau festgenommen.
Gestern Abend hatte die Bundesanwaltschaft mitgeteilt, zwei 29 und 30 Jahre alte Deutsche seien festgenommen worden. Sie stehen im Verdacht, am vergangenen Sonntag ihr 37 Jahre altes Opfer an einer Straßenbahnhaltestelle brutal zusammengeschlagen zu haben. Ob die Frau etwas mit dem Verbrechen zu tun hat, ist nicht bekannt. Über die Festnahme des zweiten Mannes ist bisher nichts bekannt, er soll ein Arbeitskollege des zuvor festgenommenen Verdächtigen sein.
Die Ermittlungen wurden heute am frühen Morgen fortgesetzt. Vom Ergebnis machen es die Behörden abhängig, ob die Tatverdächtigen dann nach Karlsruhe gebracht und dort dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes vorgeführt werden. Dies war jedoch am Morgen noch nicht entschieden.
"Die Vernehmungen haben bisher nichts erbracht", sagte Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm heute im Deutschlandradio. Es lasse sich aber sagen, dass die beiden Männer "bei den uns bekannten rechtsextremistischen Organisationen nicht aktiv waren". Man müsse sehen, "wo es Verflechtungen gibt, die bisher nicht so bekannt waren".
Über die Vernehmungen ist bisher nichts bekannt geworden. Die Bundesanwaltschaft äußerte sich nicht zu den Medienberichten. Aus Justizkreisen war lediglich zu hören, dass keiner der beiden Männer in der Nacht ein Geständnis abgelegt hätte. Mehr könne man vor weiteren Befragungen nicht sagen.
Die Bundesanwaltschaft geht von einem rechtsextremistischen Hintergrund aus. "Es liegen erhebliche Verdachtsmomente dafür vor, dass die Täter die Tat aus Ausländerhass und auf der Grundlage einer rechtsextremistischen Gesinnung begangen haben", hieß es. Dabei beziehen sich die Ankläger aus Karlsruhe auf Aussagen der mutmaßlichen Täter, die von der Handy-Mailbox des Opfers mitgeschnitten wurden. Dabei fiel unter anderem "Scheiß Nigger".
Nach Medienberichten soll einer der Festgenommenen einen rechtsradikalen Hintergrund haben. Man wisse von dem 29 Jahre alten Mann, dass er der rechten Szene angehöre, berichtete die "Bild"-Zeitung ohne Nennung von Quellen. Der Verdächtige sei Bodybuilder und solle häufig als Türsteher gearbeitet haben. Er sei der Polizei wegen Drogendelikten und Waffenhandels bekannt.
Der Mann habe eine ungewöhnlich hohe Stimme. Freunde des Mannes hätten der Polizei gesagt, der 29-Jährige werde wegen seiner Stimme "Piepsi" genannt. Auch auf der Handymailbox der Frau des Opfers ist eine hohe Stimme zu hören. "Bild" berichtete weiter, zusammen mit dem zweiten Verdächtigen, einem 30-Jährigen, solle der 29-Jährige bei einem Autovermieter in der Potsdamer Innenstadt gearbeitet haben.
Der Deutsch-Äthiopier Ermyas M. hatte bei dem gewaltsamen Angriff ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten und schwebt weiter in Lebensgefahr. "Die Täter ließen erst von ihrem Opfer ab, als dieses reglos mit stark blutenden Kopfverletzungen am Boden lag", teilte die Bundesanwaltschaft mit.
Der Generalbundesanwalt hat das Verfahren wegen der Gefahr für die innere Sicherheit an sich gezogen. "Die außerordentliche Brutalität der Vorgehensweise und der überregionale Fanalcharakter dieser Tat begründen die besondere Bedeutung des Falles", heißt es in der Mitteilung.
Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hat für heute Abend zu einer Solidaritätskundgebung für den zweifachen Familienvater aufgerufen. "Ich rechne mit mehreren tausend Teilnehmern", sagte er. Trotz der Festnahme sei es wichtig, deutliche Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt zu setzen.
Zur Fahndung nach den Tätern war in Potsdam eine 25-köpfige Sonderermittlungsgruppe eingesetzt worden. Zu Einzelheiten der Festnahmen wollte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke- Katrin Scheuten, keine Angaben machen. Sie äußerte sich auch nicht zu der Frage, ob die aufgezeichneten Stimmen der mutmaßlichen Täter die Polizei auf die Spur der Männer geführt haben.
Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) warnte davor, sein Bundesland nach dem Übergriff als generell fremdenfeindlich einzustufen. "So eine abscheuliche Tat schadet jedem Standort", sagte er der "Financial Times Deutschland". "Aber das ist kein Potsdam-typischer Vorfall. Er hätte auch woanders stattfinden können. So ein Extrem darf nicht zur Stigmatisierung dieser Region benutzt werden."
hen/mgb/dpa/ddp
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