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23.04.2006
 

Arbeitswelt Deutschland

Wie ein Betrieb ums Überleben kämpft

Von Fabian Grabowsky

Seit fast zwei Monaten streiken die Beschäftigten des Berliner Maschinenwerks CNH für den Erhalt ihres Standortes. Ihr Kampf ist auch ein Zeichen dafür, wie Entscheidungen in der globalisierten Welt am grünen Tisch getroffen werden - und wie machtlos Politik ist.

Berlin - An diesem Donnerstagvormittag soll sich Franz Müntefering zeigen. So steht es auf der Streik-Homepage. Für halb zwölf habe sich der Bundesarbeitsminister bei den streikenden Arbeitern des Spandauer Nutzmaschinenherstellers CNH angekündigt. Bei ihnen hält sich die Aufregung in Grenzen. Sie kennen das Gefühl, zu warten. Sie sitzen auf weißen Gartenstühlen in der Frühlingssonne. Zu ihnen in den äußersten Berliner Westen sind schon viele gekommen.

Oskar Lafontaine, Klaus Wowereit, Wolfgang Thierse waren zum Beispiel schon da. Friedbert Pflüger, der CDU-Kandidat für den Berliner Bürgermeister-Posten gleich zweimal. In Berlin ist Wahlkampf.

Seit 59 Tagen streiken sie. Das ist ein neuer Berliner Rekord. Der alte stammt aus dem Jahr 1919. Vielleicht ist der Rekord das einzige, was von ihnen und ihrem Betrieb bleibt. Seit 1876 stellt das Unternehmen Baumaschinen her, bis vor kurzem hieß es Orenstein und Koppel. Heute gehört das Werk dem Chicagoer Konzern CNH - der wiederum eine Tochter von Fiat ist. Wie Fiat mit dem Spandauer CNH-Werk umgeht, ist ein Beispiel für Entscheidungen im globalen Wettbewerb: Im November entschloss sich das Management im fernen Turin, das Spandauer Werk zu schließen. Die Belegschaft war konsterniert.

Seitdem steht auf dem Parkplatz vor den Firmentoren ihr eigenes kleines Zeltlager. Am Firmenzaun thront ein großes Versammlungszelt, am Eingang steht eine Cevapcici-Bude - 2,30 Euro, 30 Cent davon in die Streikkasse -, vier Männer bolzen mit einem Fußball, hinten eine Reihe Dixi-Toiletten. Es ist ein bisschen wie im Ferienlager, irgendwo am grünen Rand der Metropole. Jeden Tag, pünktlich um halb eins, strömen sie zur Streikversammlung. Aber die Streikenden haben keine Ferien, sondern Angst. Viele sind in einem Alter, in dem es nur noch wenig Hoffnung gibt, wenn man entlassen wurde.

Ein Streik von zu vielen

Genutzt hat ihnen die durchreisende Politprominenz wenig. Selbst die überregionalen Medien interessieren sich kaum für CNH. Als die Beschäftigten der Nürnberger AEG vor einigen Wochen streikten, wurde darüber ausgiebig in den Sendungen der Fernsehsender berichtet. Kaum ein Tag, an dem die "Tagesschau" oder das "heute-journal" nicht einen Beitrag brachte. Den Spandauern schenken die Medien außerhalb Berlins kaum Aufmerksamkeit. In Deutschland gibt es ein Streik-Überangebot, zu viele Werke werden derzeit geschlossen. Und Berlin hat es ohnehin schwer - die Hauptstadt hat seit der Vereinigung einen beispiellosen Aderlass an Industriearbeitsplätzen erlitten. In diesem Quartal ist die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe zum ersten Mal unter 100.000 gesunken. CNH ist da nur ein weiteres Unternehmen auf der Minusliste - Schließungen in Berlin gehören fast schon zum Alltag. Im Westen der Republik sind sie noch Ausnahmen.  

Die Beschäftigten hoffen trotzdem, dass irgendetwas geschieht. Ob die Besuche helfen, wisse er nicht, sagt Streikleiter Luis Sergio von der IG Metall - "jedenfalls schadet es nicht". Wenn jemand wie Müntefering zu ihnen käme, würde das mehr Aufmerksamkeit bringen. Sergio sitzt mit dickem roten IG-Metall-Anorak in der Streikleiterbaracke. Lieber spricht er vom "Produzentenstolz" in dem Traditionsunternehmen, davon dass von den 400 Streikenden auch in der neunten Woche fast keiner zum Streikbrecher geworden sei, von der "hervorragenden Stimmung".

Sergio hofft auf den Frühling. Dann werde mehr gebaut und dafür brauche man Maschinen. Der Druck auf die Geschäftleitung wächst, hofft er. Und er hofft auf den Berliner Senat. Der habe Fiat gedroht, dass er 70 Millionen Euro Subventionen wiederhaben wollen, wenn das Werk dichtgemacht wird. Und weil bei Fiat irgendwie doch "ordentliche Kapitalisten" säßen, könnte es ein gutes Ende geben - zum Beispiel mit einem neuen Investor.

Nicht einmal zwei Sekunden

Das hofft auch Ibrahim Cakir. Seit 1985 testet er im Werk die fertigen Fahrzeuge. "Mein erster Job und wohl auch mein letzter", sagt er. Cakir war nicht immer so ruhig. "Am Anfang konnte ich nächtelang nicht schlafen. Das ist, als ob man seine Geliebte verliert." Mit seinen 41 Jahren gebe es für ihn in Berlin keine Chance. Er lacht auf. "Zum Glück habe ich nur ein Kind".

Ob Müntefering kommt? "Fragezeichen", antwortet er - "Wenn er Zeit findet". Er klingt nicht so, als ob er vom Bundesarbeitsminister Wunder erwartet. Dafür hätten all die anderen Politiker-Besuche zu wenig bewegt. Eigentlich gar nichts. CDU-Kandidat Pflüger habe ihnen bei seinen beiden Besuchen gut zugeredet - "nachher im Fernsehen hat er dann nichts von uns gesagt." Überhaupt, das Fernsehen: Nicht einmal zwei Sekunden habe die ARD bis jetzt über sie berichtet. "Da ist irgendwas faul."

Lutz Lippmann ist seit neun Jahren dabei. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt er. Das schreiben Fans von abstiegsbedrohten Fußballmannschaften auf ihre Transparente. Die meisten steigen trotzdem ab. Auch ihn hätten die Politiker enttäuscht: "Sprechblasen". Auch Münteferings Besuch werde nichts bringen, "der erzählt dann irgendwas von Solidarität." Lippmanns Fazit: "Wut, dass wir von den Medien totgeschwiegen werden. Für die sind wir 500 Luschen."

Um kurz nach halb zwölf ist klar: Müntefering kommt heute nicht. Eine Journalistin hat im Ministerium nachgefragt. Sergio ist sauer, weil Münteferings Mitarbeiter sich bei ihm nicht gemeldet haben. Aber er hofft noch auf den Coup. "Das ist keine politisch motivierte Absage", sagt er - "sondern ein Panne der Organisation. Müntefering hat fest zugesagt, dass er kommt."

Und so warten sie weiter.  

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