Berlin – Der mutmaßliche Messerstecher, der Freitagnacht wahllos mehr als 30 Passanten verletzt hat, war betrunken. Deshalb fordern Politiker jetzt, bei der WM den Alkoholkonsum zu regulieren. "Notfalls werden wir den Alkoholkonsum per Anordnung auf dem Fanfest einschränken und auch einen weiteren Zustrom von Besuchern durch verstärkte Einlasskontrollen unterbinden", kündigte Ehrhart Körting in der "Welt" an. Zwar sei er nicht dagegen, wenn die Fans ein paar Biere tränken. Entscheidend sei aber, dass sie nicht die Kontrolle verlieren.
Auch der SPD-Innenexperte Sebastian Edathy will den Fuselstrom einschränken: "Die Veranstalter von Übertragungen der Spiele auf Großbildschirmen müssen verpflichtet werden, keine alkoholischen Getränke an offenkundig Betrunkene auszuschenken", sagte er dem Blatt. Wer nach zu starkem Alkoholkonsum andere Besucher anpöbelt, sollte unverzüglich aus dem Verkehr gezogen werden.
Der Sicherheitschef des WM-Organisationskomitees, Helmut Spahn, kündigte an, die Sicherheitsmaßnahmen nochmals zu überprüfen. "Wir werden bei unseren WM-Sicherheitskonferenzen über den Amoklauf in Berlin reden müssen", sagte er. Es müsse geprüft werden, ob im Vorfeld "wirklich alles bedacht" worden sei. Es sei "unheimlich schwer, einen irrational handelnden Menschen in der Masse zu kontrollieren", räumte Spahn ein, warnte aber zugleich vor allgemeiner Panik.
Die Polizeigewerkschaft forderte als Konsequenz Einlasskontrollen bei größeren öffentlichen Übertragungen, um zu verhindern, dass Menschen Waffen mit sich führen. Fans müssten durchsucht werden, sagte der Chef der Polizeigewerkschaft, Konrad Freiberg, der "Welt am Sonntag".
Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) verlangte, die WM-Sicherheitskonzepte "noch einmal zu überdenken". Ihm mache weniger die Sicherheit in den Stadien Sorgen, als die bei den öffentlichen Übertragungen auf Großbildleinwänden, sagte er der Zeitung. Bei den Stadien wüssten die Veranstalter durch den Ticketverkauf, wer komme. Auf Marktplätzen könnten Hooligans dagegen nicht von vornherein ausgesondert werden.
"Gewisse Risiken bei großen Menschenansammlungen"
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wies die Befürchtungen zurück. Das "tragische Ereignis" habe nichts mit der WM zu tun, sagte er in der ARD. Die Sicherheitsvorkehrungen für die WM seien "so gründlich, so umfassend, so sorgfältig wie noch nie" bei einem Ereignis dieser Größenordnung. Niemand müsse sich Sorgen um die Sicherheit der WM machen. "Was immer getan werden konnte, um Risiken zu vermeiden, ist getan, wird getan." Gleichzeitig betonte Schäuble, "große Menschenansammlungen" würden "immer gewisse Risiken" bergen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte gestern mit Blick auf die WM, die Bundesregierung habe alle denkbaren Vorkehrungen mit den Länderministern getroffen. Es werde jedoch noch ein Treffen geben, zudem eines mit Schäuble und den Botschaftern der teilnehmenden WM-Länder geben. Den Amoklauf in Berlin nannte sie "schrecklich".
Eine abschließende Zahl der Opfer in Berlin konnte ein Polizeisprecher heute noch nicht sagen. Sie liege aber höher als 28. Weitere Opfer hatten sich im Laufe des Tages bei der Polizei gemeldet, als sie gehört hatten, dass eines der Opfer mit dem Aids-Virus infiziert sein soll. 28 Opfer haben nach Angaben des Universitätsklinikums Charité damit begonnen, Medikamente zur Vorbeugung gegen Aids einzunehmen.
Haftbefehl gegen den 16-Jährigen erlassen
Nach Angaben des Berliner Vize-Polizeipräsidenten Gerd Neubeck gingen die ersten Notrufe am Freitagabend gegen 23.30 Uhr ein. Der Einsatz der Funkstreifen sei dadurch erschwert worden, dass sie sich durch Tausende entgegenkommende Menschen einen Weg zum Tatort am Ufer der Spree bahnen mussten. Private Sicherheitskräfte hätten den Täter ergriffen, nachdem er einer Frau in den Bauch geboxt hatte, und an die Polizei übergeben. Zeugen hätten den Jungen dann als den Messerstecher identifiziert.
Der Jugendliche, der vor dem Hauptbahnhof bereits wegen seines "alkoholtypischen Verhaltens" aufgefallen war, war offenbar mit der Menge von Hunderttausenden Bahnhofsbesuchern mitgelaufen, hatte wahllos Passanten angerempelt und ihnen mit einem Messer in Rücken, Gesäß und Oberschenkel, aber auch in den Oberkörper gestochen. In dem laut Polizei nur rund zehn Minuten dauernden Amoklauf wurden sechs Menschen schwer verletzt.
Die Staatsanwaltschaft teilte mit, der Täter habe auf seine Opfer teils von hinten eingestochen. Dies werde juristisch als Heimtücke und damit als versuchter Mord gewertet. Gegen den Jungen wurde gestern Haftbefehl erlassen.
Nach Angaben eines LKA-Sprechers bestritt der Jugendliche zunächst die Tat und gab an, sich wegen seines Alkoholkonsums an nichts erinnern zu können. Die Polizei habe jedoch die Tatwaffe sichergestellt, die der 16-Jährige bei sich gehabt habe. Zudem gibt es nach Angaben des Polizeisprechers rund 80 bis 100 Zeugen der Tat, deren Befragung heute abgeschlossen wurde. Der Haftrichter will den Jungen Anfang nächster Woche vernehmen.
kaz/AFP/Reuters/dpa
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