Von Lars Langenau
Hamburg - Offiziellen Zahlen zufolge leben in Deutschland 7,3 Millionen Ausländer. Doch jetzt liefert der Mikrozensus 2005 eine Überraschung: Demnach ist die Zahl aller Personen mit "Migrationshintergrund" in Deutschland mit 15,3 Millionen Personen mehr als doppelt so hoch wie bislang angenommen.
Erstmals war bei der größten jährlichen Haushaltsbefragung in Europa auch nach einem ausländischen familiären Hintergrund gefragt worden. Zur Bevölkerungsgruppe der Menschen mit "Migrationshintergrund" zählt das Statistische Bundesamt neben Ausländern auch Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, wie beispielsweise eingebürgerte Ausländer oder eingebürgerte Kinder von Ausländern sowie Spätaussiedler und Kinder von Spätaussiedlern. In Ausländerstatistiken werden diese Menschen nicht erfasst, Russlanddeutsche oder viele Kinder binationaler Ehen gelten juristisch - und damit statistisch - als Deutsche.
Die Mammutbefragung von rund 390.000 Haushalten mit 830.000 Menschen zeigt jetzt jedoch, dass etwa jeder Fünfte (19 Prozent) Einwohner in Deutschland zugewandert ist oder immigrierte Eltern oder Großeltern hat. "Wenn in einer Gesellschaft 19 Prozent der Menschen einen 'Migrationshintergrund' haben, dann kann man durchaus von einer Zuwanderungsgesellschaft sprechen" meinte denn auch der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen, bei der Vorstellung der sogenannten kleinen Volkszählung heute in Berlin.
Mit insgesamt acht Millionen Menschen oder knapp zehn Prozent der Bevölkerung stellen die Deutschen mit "Migrationshintergrund" sogar die knappe Mehrheit (52 Prozent) aller Personen mit einem ausländischen Hintergrund: Die 7,3 Millionen Ausländer, also Zuwanderer ohne deutschen Pass, machen nur knapp neun Prozent der Gesamtbevölkerung aus.
Die größte Gruppe der Personen mit eigener Migrationserfahrung sind zugewanderte Ausländer mit 5,6 Millionen, gefolgt von drei Millionen Eingebürgerten. Die drittgrößte Gruppe sind die Spätaussiedler mit 1,8 Millionen. Unter den Menschen mit "Migrationshintergrund" aber ohne eigene Migrationserfahrung stellen die 2,7 Millionen Deutschen die größte Gruppe - dabei handelt es sich um Kinder von Eingebürgerten, Spätaussiedlern oder von Ausländern.
Allerdings stellen 67,1 Millionen Deutsche ohne diesen Hintergrund noch rund vier Fünftel oder 81 Prozent der Bevölkerung. Hahlen betonte: Nur die Menschen mit "Migrationshintergrund" konnten in Deutschland "den Alterungsprozess unserer Gesellschaft deutlich bremsen". Im Gegensatz zu den übrigen Deutschen gehe die Zahl derer mit ausländischen Vorfahren in den Altersgruppen bis 40 Jahre nicht zurück.
Deutschland, einig Singleland
Auch zeigt der Mikrozenus 2005, dass es in Deutschland immer weniger traditionelle Großfamilien gibt. In den 39,2 Millionen Haushalten in Deutschland lebte im vergangenen Jahr nur noch ein Prozent nach dem klassischen Familienbild zusammen. Was früher gang und gäbe war, ist heute in Deutschland somit eine aussterbende Lebensform: Ein Haus, in dem Eltern mit ihren Kindern, deren Opa und Oma sowie in seltenen Fällen auch Urgroßeltern gemeinsam wohnen.
Im Schnitt lebten nur noch 2,11 Personen in den deutschen Haushalten. 1991 hatten noch durchschnittlich 2,27 Menschen in einem Haushalt gelebt. In Ostdeutschland sank die Größe der Haushalte mit 1,98 sogar unter die Zwei-Personen-Grenze. Während der Anteil der Mehrgenerationenhaushalte seit 1991 um sieben Prozentpunkte gesunken ist, stieg der Anteil der Singlehaushalte im selben Zeitraum um vier Punkte an - auf mittlerweile 38 Prozent. Zudem lebt in Deutschland inzwischen knapp jeder fünfte Mensch (19 Prozent oder 15,7 Millionen Personen) ohne Partner oder Kinder - ledig, geschieden oder verwitwet. Die Zahl der Familien mit Kindern unter 18 Jahren sank seit 1996 um 528.000 auf 8,9 Millionen.
Auch die alternativen Familienformen sind auf dem Vormarsch: Von den 12,6 Millionen Familien mit minder- oder volljährigen Kindern waren im vergangenen Jahr nur noch 73 Prozent Ehepaare und 21 Prozent Alleinerziehende. Hahlen fügte hinzu: "Seit 1996 ist die Zahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften um 34 Prozent auf 2,4 Millionen gestiegen."
1996 machten die Ehepaare noch 79 Prozent aus. In Ostdeutschland ging der Anteil der Ehepaare von 72 auf sogar 62 Prozent zurück. Insgesamt besteht laut Hahlen im Osten ein Trend zur Ein-Kind-Familie. Als Paare ohne Kinder lebten mittlerweile 28 Prozent der Bevölkerung.
Gut ein Drittel der Akademikerinnen aus den Geburtsjahrgängen 1951 bis 1962 bleibt laut der Erhebung kinderlos. "Das halten wir für eine sehr belastbare Zahl", sagte Hahlen. Andere Zahlen, in denen von 40 Prozent Kinderlosigkeit unter Universitäts-Absolventinnen die Rede ist, bezögen sich auf Frauen im Alter von 35 bis 39 Jahre. Immerhin: Um Akademikerinnen zum Kinderkriegen zu ermuntern, ist ab kommenden Jahr ein einkommensabhängiges Elterngeld von maximal 1800 Euro geplant, das für mindestens zwölf und höchstens 14 Monate gezahlt werden soll.
mit AFP, Reuters und dpa
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