Sonntag, 22. November 2009

Politik



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04.08.2006
 

Überfall auf Ermyas M.

Mysteriöser Zeuge entpuppt sich als Trittbrettfahrer

Die vermeintlich spektakuläre Wende im Fall des Deutsch-Äthiopiers, der in Potsdam brutal zusammen geschlagen wurde, stellt sich wohl als Lügengebilde heraus. Ein Schweizer Zeuge, der sich überraschend der Tat bezichtigt hat, gilt nach Vernehmungen der Luzerner Polizei als sehr unglaubwürdig.

Potsdam - "Es verdichten sich Hinweise, dass der Mann nichts mit der Tat zu tun hat", sagte Benedikt Welfens, Sprecher der Potsdamer Staatsanwaltschaft SPIEGEL ONLINE. "Die Zweifel an den Schilderungen des Mannes haben sich massiv verstärkt", so Welfens weiter.

Potsdamer Tatort: "Massive Zweifel" an neuem Zeugen
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Getty Images

Potsdamer Tatort: "Massive Zweifel" an neuem Zeugen

Der 27-jährige Luzerner Marco S. hatte behauptet, nicht die beiden bisherigen Tatverdächtigen Björn L. und Thomas M., sondern er habe den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. am Ostersonntag dieses Jahres zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Doch seine Version des vermeintlichen Tatgeschehens deckte sich nicht mit den Ermittlungsergebnissen der Potsdamer Staatsanwaltschaft.

Die Ermittler hatten von Anfang an große Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Schweizers, der sich Ende Mai zum ersten Mal bei Björn Ls damaligem Verteidiger gemeldet und sich der Tat bezichtigt hatte. So hatte S. angegeben, in Potsdam geboren und im Alter von drei Jahren in die Obhut einer Schweizer Pflegefamilie gekommen zu sein. Eine Lüge, wie sich schnell herausstellte. "Das ist ein Ur-Schweizer", so Sprecher Welfens.

Über Details aus der zweitägigen Vernehmung des arbeitslosen Bankkaufmannes macht die Staatsanwaltschaft keine Angaben, doch nach Informationen von SPIEGEL ONLINE konnte S. bei der Befragung mit keinerlei Details der Tat aufwarten, über die nicht schon in den Medien berichtet worden war.

Inzwischen ist S. von der Luzerner Kantonspolizei inhaftiert worden, allerdings lediglich, um seine Befragung sicherzustellen und "die Gründe seiner Selbstbezichtigung" herauszufinden, so Welfens. "Die Inhaftierung lässt keinerlei Rückschlüsse auf eine eventuelle Täterschaft zu", heißt es in einer Erklärung der Schweizer Behörden.

Im Dunkeln bleibt das Motiv des Trittbrettfahrers, dem Kontakte zur rechten Schweizer Szene nachgesagt werden. Der rechtsradikale Anwalt Jürgen Rieger sagte, er kenne S. seit etwa einem Jahr und habe ihn bereits "in einer anderen Angelegenheit betreut". S. habe sich vor etwa sechs Wochen bei Rieger gemeldet und sich der Tat bezichtigt.

Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt nach wie vor wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung gegen Björn L. und Thomas M., die eine Tatbeteiligung jedoch bestreiten. Erst am Mittwoch hatte das Brandenburger Oberlandesgericht eine Haftbeschwerde des 29-jährigen L. zurückgewiesen, der derzeit in Untersuchungshaft sitzt. Es bestehe weiterhin dringender Tatverdacht sowie Flucht- und Verdunkelungsgefahr.

Die Ermittlungen gegen die Männer stützen sich insbesondere auf den Mitschnitt des Geschehens von der Tatnacht auf der Handymailbox der Ehefrau des Opfers. Darauf sind Stimmen der Angreifer zu hören. Ermyas M. kann sich bislang nicht an den Vorfall erinnern und wird derzeit in einer Reha-Klinik behandelt.

jto/dpa

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