Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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15.09.2006
 

Philosoph Kallscheuer

"Benedikt sollte sich nicht entschuldigen"

Papst Benedikt wird nach seiner Rede in Regensburg von Muslimen weltweit kritisiert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE rät der Philosoph Otto Kallscheuer dem Vatikan, die Nerven zu bewahren. Die päpstliche Rede werde bewusst von Teilen der muslimischen Welt missverstanden.

SPIEGEL ONLINE: Nach einer Vorlesung in Regensburg wird der Papst von Teilen der muslimischen Welt scharf kritisiert. Er hat sich vor allem zum Verhältnis von Gewalt und Religion geäußert. Stößt der Papst damit eine Debatte an, die längst überfällig ist?

Kallscheuer: Sie liegt Ratzinger seit fast vier Jahrzehnten am Herzen. So hat er denn auch in Regensburg auf seine eigene Antrittsvorlesung von 1958 in Bonn angespielt, in der er versuchte, den Gott der Philosophen und den Gott der biblischen Offenbarung in Verbindung zu setzen. Und das ist eine Debatte, die mit dem Christentum selbst beginnt und die darauf hinausläuft, ob sich das Christentum in Beziehung setzen lässt zur Aufklärung - und die war in seiner Entstehungszeit die griechische Philosophie.

ZUR PERSON

Christian Thiel
Otto Kallscheuer wurde 1950 im Rheinland geboren. Er lehrte als Politikwissenschaftler und Philosoph an der Freien Universität Berlin und am Institute for Advanced Study an der Universität Princeton. Kallscheuer schrieb zahlreiche Bücher zu Fragen der Theologie in der Moderne. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Die Wissenschaft vom Lieben Gott", in dem er über das Verhältnis von Gott und Vernunft nachdenkt.
SPIEGEL ONLINE: In der Tat sprach der Papst von der Beziehung zwischen Vernunft und Religion. Wie hängt dies aber mit seinen Ausführungen zum Verhältnis von Religion und Gewalt zusammen?

Kallscheuer: Ein Gott, der neben der Religion Zwang nötig hätte, wie ihn ja auch der vom Papst zitierte Koran ablehnt, kann nicht der Inbegriff der Herrlichkeit sein. Benedikts erste Enzyklika identifizierte den Gott der sprechenden Vernunft, den Logos, mit der Liebe.

SPIEGEL ONLINE: Der Papst zitiert in seiner Vorlesung den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaelogos im Gespräch mit einem gebildeten Perser. Darin heißt es, er solle ihm zeigen, was Mohammed Neues gebracht habe, "und da wirst Du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten". Wird dieses Zitat deshalb missverstanden, weil die anderen, relativierenden Stellen zum Islam in dem sehr abstrakten Vortrag des Papstes dahinter verschwinden?

Kallscheuer: Möglicherweise. Es war vielleicht ein Fehler, ein harmloses Zitat ausgerechnet von einem Vertreter des letzten byzantinischen Kaiserstums zu verwenden.

SPIEGEL ONLINE: Wieso harmlos? Verwundert Sie, dass Muslime dieses Zitat, gesprochen von einem Papst, als Angriff gegen ihre Religion verstehen?

Kallscheuer: Der Autor des Zitats ist schlecht gewählt. Aber das Argument, das der Papst hier als Zitat benutzt, trifft zu. Muslime, die meinen, dass der "allerbarmende" Gott mit dem Schwerte bekehrte, missverstehen die Botschaft des Propheten.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem zuletzt erschienenen Buch "Die Wissenschaft vom lieben Gott" verwenden Sie zum Teil dieselben historischen Zitate wie der Papst in seiner Rede. Schadet es nicht dem Dialog der Religionen, in der Geschichte zu schürfen?

ORIENT UND OKZIDENT: 14 JAHRHUNDERTE RINGEN ZWISCHEN CHRISTEN UND MUSLIMEN

Das 6. und 7. Jahrhundert nach christlicher Zeitrechnung ist für Europa eine sorgenvolle Zeit. Die Schrecken der Völkerwanderung haben das Ende des römischen Kaiserreichs und damit der Spätantike besiegelt. Handel und Geldwirtschaft verlieren an Bedeutung - Herrschaftsräume werden neu verteilt.

DPA
Eine wichtige Macht in den Zeiten des Umbruchs ist das Papsttum. Erstmals hat der römische Kaiser Justinian I. den römischen Bischof Leo I. (440 bis 461) als Pontifex Maximus bezeichnet. Im Frühmittelalter ist der Papst gleichzeitig mächtigster Kirchenfürst des Abendlandes und politische Figur.

754 und 756 erfährt der Papst durch den Langobarden-Einfall in Rom die Gefahr, die von allen ausgeht, die nicht seiner religiös-politischen Autorität gehorchen.

Zu den Faktoren, die in Rom für Angst sorgen, gehören auch die Auswirkungen einer neuen Religionsgründung im Nahen Osten:

570 wird der Prophet Mohammed in Mekka geboren. Mit der Hidschra, seinem Auszug von Mekka nach Medina, beginnt die islamische Zeitrechnung. Die monotheistische Religion, die Mohammed begründet, verbreitet sich rasch, zunächst auf der arabischen Halbinsel. Die neue Religion erhebt - ebenso wie auch das Christentum und das Judentum - einen Alleinanspruch.

Spätestens 638 nehmen auch die katholischen Europäer die neue Konkurrenz wahr: Araber muslimischen Glaubens erobern Jerusalem, die Christen, Juden und Muslimen gleichermaßen als heilige Stadt gilt. Die christlichen Bewohner werden von den arabischen Eroberern ziehen gelassen.

661 wird das Kalifat der Umayyad-Dynastie begründet. Von der Hauptstadt Damaskus aus erweitern die muslimischen Herrscher ihren Einflussbereich bis Iran und Nordafrika. Militärische Eroberung und religiöse Missionierung gehen einher. Viele Quellen betonen aber auch die Toleranz der Eroberer.

674 spürt das oströmische Reich, zu welcher Macht die muslimischen Herrscher mittlerweile gelangt sind. Sie belagern fünf Jahre lang die Hauptstadt Konstantinopel (Byzanz).
Kallscheuer: Das schadet gar nicht. Der Papst hat ein historisches Argument als ein bloßes logisches verwendet - es ist wichtig, in welchem Kontext er das getan hat. Er hat es gefasst in eine Kritik an der Enthellenisierung des Christentums. Gemeint ist damit eine Reduktion des Christentums auf einen bloßen Glauben. Die hellenistische Vernunft ist im mittelalterlichem Christentum aber nicht zuletzt durch arabische Denker vermittelt worden. Man kann also das eine gegen das andere nicht ausspielen. Wenn man das missverstehen wollte - wonach es Benedikt bestimmt nicht lag, - dann bekommt der Dialog zwischen Religion und Vernunft eine falsche politische Schlagseite.

SPIEGEL ONLINE: Warum dann aber die große Empörung in der muslimischen Welt?

Kallscheuer: Die offensichtlichste Ursache, dass zeigt vor allem die türkische Reaktion, ist eine Retourkutsche, weil Ratzinger sich noch in seiner vorherigen Funktion als Kardinal skeptisch geäußerte hatte zu einem möglichen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Da wollte man ihm offenbar etwas heimzahlen.

SPIEGEL ONLINE: Der Papst hielt seine Rede an der Universität Regensburg. Sie war sehr abstrakt und lädt vielleicht gerade deshalb zu Angriffen ein. Ist dies überhaupt die richtige Form, um über religiöse Legitimität von Gewalt zu sprechen?

Kallscheuer: Warum sollte er nicht darüber so sprechen? Da hat er als ehemaliger Professor das Wort ergriffen. Er hat im Kreise seiner alten Akademie eine Vorlesung gehalten, in der er eines seiner Lieblingsthemen behandelt hat - nämlich das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Wenn er andere Orte besucht, dann spricht er auch anders. Meiner Ansicht nach hätte er aber angesichts der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit stärker achtsam sein müssen. Sein Mitarbeiter, der ihm das gegengelesen hat, hätte sagen müssen: Lieber heiliger Vater, es ist nicht geschickt, einen der letzten byzantinischen Kaiser als Beleg für die Friedfertigkeit des christlichen Gottes zu zitieren. Vor allem nicht, weil der Papst ja demnächst in die Türkei reisen will, das einst zum Herrschaftsgebiet von Byzanz gehörte.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann der Vatikan den Konflikt eindämmen - in dem er um Verzeihung bittet?

Kallscheuer: Nein. Papst Benedikt sollte sich nicht entschuldigen. Der Vatikan sollte darauf hinweisen, dass hier Vertreter der türkischen Gemeinschaft ihn falsch verstanden haben. Da muss sicher Überzeugungsarbeit geleistet werden. Ich empfehle, ruhige Nerven zu bewahren und auf Gott zu vertrauen.

Das Interview führte Tobias Betz

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