Sonntag, 22. November 2009

Politik



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16.09.2006
 

Papst-Kontroverse

Türkischer Kritiker hatte Rede nicht gelesen

An nur wenigen Sätzen der Regensburger Papst-Rede haben sich die heftigen Proteste in muslimischen Ländern entzündet. Nun hat der Chef des staatlichen Religionsamtes in der Türkei zugegeben: Er habe die umstrittene Rede von Papst Benedikt XVI. gar nicht vollständig gelesen.

Ankara/Berlin - Seine scharfe Kritik am Papst habe er auf der Basis von Pressemeldungen über die Äußerungen von Benedikt formuliert, sagte Ali Bardakoglu, der Chef des staatlichen türkischen Religionsamts der Zeitung "Hürriyet". Nun werde er sich den vollständigen Text der umstrittenen Regensburger Rede aus dem Deutschen übersetzen lassen. Ein "Hürriyet"-Kolumnist warf Bardakoglu deshalb Nachlässigkeit vor und kritisierte auch die scharfen Reaktionen in anderen Teilen der islamischen Welt.

Papst Benedikt XVI.: Proteste wegen Passagen aus der Regensburger Rede
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Getty Images

Papst Benedikt XVI.: Proteste wegen Passagen aus der Regensburger Rede

Der "Hürriyet"-Autor Mehmet Yilmaz kritisierte, wenn Bardakoglu den gesamten Redetext gekannt hätte, wäre ihm klar geworden, dass sich der Papst von den Zitaten aus dem Mittelalter distanziert habe. "Es kommt mir so vor, als ob niemand von jenen in der islamischen Welt, die den Papst wegen seiner Rede attackieren, die Papst-Rede auch gelesen haben", schrieb Yilmaz.

Die Reaktionen aus der Türkei zählten zu den heftigsten in den vergangenen Tagen. So hatte der stellvertretende Chef der türkischen Regierungspartei AKP den Papst mit Hitler und Mussolini in Verbindung gebracht. Religionsamtschef Bardakoglu hatte eine Entschuldigung vom Papst verlangt und dem Oberhaupt der katholischen Kirche eine "Kreuzfahrermentalität" vorgeworfen. Auch stellte Bardakoglu den für Ende November geplanten Papst-Besuch in der Türkei in Frage.

Türkei-Reise des Papstes in Frage gestellt

Auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Ayyub Axel Köhler, meldete Zweifel an. "Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass diese Reise in die Türkei vor dem Hintergrund der Proteste noch möglich sein wird. Auch Regierung und Opposition in der Türkei fühlen sich getroffen", sagte er der in Hannover erscheinenden Zeitung "Neue Presse".

Der malaysische Ministerpräsident Abdullah Ahmad Badawi hat vom Papst Benedikt XVI. wegen dessen Islam-Äußerungen eine Entschuldigung gefordert. Badawi ist auch Vorsitzender der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), die gestern die Papst-Äußerungen verurteilt und eine Richtigstellung gefordert hatte. Das Oberhaupt der katholischen Kirche dürfe die Empörung der Muslime nicht auf die leichte Schulter nehmen, warnte Badawi nun.

In Pakistan ist der Botschafter des Vatikan ins Außenministerium einbestellt worden. Zuvor hatte das Parlament eine Erklärung verabschiedet, in der es die Äußerungen des Papstes zurückgewiesen hatte.

ORIENT UND OKZIDENT: 14 JAHRHUNDERTE RINGEN ZWISCHEN CHRISTEN UND MUSLIMEN

Das 6. und 7. Jahrhundert nach christlicher Zeitrechnung ist für Europa eine sorgenvolle Zeit. Die Schrecken der Völkerwanderung haben das Ende des römischen Kaiserreichs und damit der Spätantike besiegelt. Handel und Geldwirtschaft verlieren an Bedeutung - Herrschaftsräume werden neu verteilt.

DPA
Eine wichtige Macht in den Zeiten des Umbruchs ist das Papsttum. Erstmals hat der römische Kaiser Justinian I. den römischen Bischof Leo I. (440 bis 461) als Pontifex Maximus bezeichnet. Im Frühmittelalter ist der Papst gleichzeitig mächtigster Kirchenfürst des Abendlandes und politische Figur.

754 und 756 erfährt der Papst durch den Langobarden-Einfall in Rom die Gefahr, die von allen ausgeht, die nicht seiner religiös-politischen Autorität gehorchen.

Zu den Faktoren, die in Rom für Angst sorgen, gehören auch die Auswirkungen einer neuen Religionsgründung im Nahen Osten:

570 wird der Prophet Mohammed in Mekka geboren. Mit der Hidschra, seinem Auszug von Mekka nach Medina, beginnt die islamische Zeitrechnung. Die monotheistische Religion, die Mohammed begründet, verbreitet sich rasch, zunächst auf der arabischen Halbinsel. Die neue Religion erhebt - ebenso wie auch das Christentum und das Judentum - einen Alleinanspruch.

Spätestens 638 nehmen auch die katholischen Europäer die neue Konkurrenz wahr: Araber muslimischen Glaubens erobern Jerusalem, die Christen, Juden und Muslimen gleichermaßen als heilige Stadt gilt. Die christlichen Bewohner werden von den arabischen Eroberern ziehen gelassen.

661 wird das Kalifat der Umayyad-Dynastie begründet. Von der Hauptstadt Damaskus aus erweitern die muslimischen Herrscher ihren Einflussbereich bis Iran und Nordafrika. Militärische Eroberung und religiöse Missionierung gehen einher. Viele Quellen betonen aber auch die Toleranz der Eroberer.

674 spürt das oströmische Reich, zu welcher Macht die muslimischen Herrscher mittlerweile gelangt sind. Sie belagern fünf Jahre lang die Hauptstadt Konstantinopel (Byzanz).

Der Vatikan versuchte unterdessen, die Lage zu beruhigen. Der Papst habe niemals die Werte des Islam in Frage stellen wollen, sagte Monsignore Dominique Mamberti. Seine Funktion beim Heiligen Stuhl, Sekretär des Vatikans für die Beziehungen zu den Staaten, ist der eines Außenministers vergleichbar. Vielmehr sei der "Dialog mit den großen Kulturen" ein Hauptanliegen Benedikts XVI., sagte Mamberti. Dem Papst sei es um eine "klare und radikale Zurückweisung einer religiösen Motivation von Gewalt" gegangen, hatte zuvor bereits Vatikansprecher Federico Lombardi erklärt.

Der Philosoph Otto Kallscheuer hatte im Interview mit SPIEGEL ONLINE gesagt: "Benedikt sollte sich nicht entschuldigen." Ähnlich hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel reagiert, die den Papst gegen die Kritik verteidigt hatte. Der Grünenpolitiker Volker Beck hingegen äußerte Verständnis für die Reaktionen von muslimischen Organisationen und Staaten mit muslimischer Bevölkerung.

stx/AFP/AP/dpa

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