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27.09.2006
 

Islamkonferenz-Teilnehmer

Von radikal bis liberal

Es soll der Auftakt zu einem mehrjährigen Dialog sein: Im Schloss Charlottenburg treffen sich Vertreter des Staates und der Muslime in Deutschland zur ersten deutschen Islamkonferenz. SPIEGEL ONLINE stellt die muslimischen Vertreter in Kurzporträts vor.

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu, 41, schreibt in seinen Büchern ("Kanak Sprak", "Leyla") über das Schicksal türkischer Migranten. Die türkische Einwanderung nach Deutschland sieht Zaimoglu als Erfolg. Zwar gebe es Konflikte, aber "wenn wir uns das große Bild anschauen, sehen wir, dass es doch ganz gut funktioniert", sagte Zaimoglu vor wenigen Tagen im SPIEGEL-Gespräch. Dort stellte er auch folgende Frage: "Wie kann ein Mensch so bescheuert sein, sich als Ausländer zu fühlen und zu verhalten, wenn er in Deutschland aufgewachsen ist?" Zaimoglu wurde in der Türkei geboren und wuchs in München, Bonn und Berlin auf.

Omid Nouripour, ist Bundestagsabgeordneter der Grünen - er rückte für Joschka Fischer ins Parlament. Nouripour wurde 1975 in Teheran geboren, 1988 wanderte seine Familie wegen des Mullah-Regimes nach Frankfurt aus. Der Germanist promoviert über das Thema "Deutschland: Heimat, Fremde; über Deutsche Literatur von Nicht-Deutschen".

Kenan Kolat, 47 ist Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Der Sozialdemokrat gehört zu den liberalen Kräften, engagiert sich seit Jahren für Integration. Im jüngsten Streit um die Absetzung einer Mozart-Aufführung an der Deutschen Oper, in der symbolisch Jesus, Buddha, Poseidon und Mohammed geköpft werden sollten, nahm er eine mäßigende Haltung ein. Er bedauerte die Absetzung, sie verhindere eine offene Diskussion.

Necla Kelek, 49 gehört zu den wenigen kritischen Autorinnen unter den deutschen Muslimen. Mit ihrer grundsätzlichen Kritik an der Haltung des Islam hat sie wiederholt Zorn auf sich gezogen. Ihre Erwartung an den Gipfel formulierte sie jüngst so: "Ich möchte Konkretes erreichen. Ein generelles Kopftuchverbot an Grundschulen zum Beispiel. Jedes Kind muss Schwimmen lernen dürfen, an Klassenreisen teilnehmen und sich frei bewegen können." Gescheitert wäre der Gipfel, wenn sich die Organisationen lediglich Legitimationen für den Status quo abholen würden.

Navid Kermani wurde 1967 als Iraner in Deutschland geboren, lebt als Schriftsteller und Orientalist in Köln. Seit Jahren setzt er sich kritisch in Artikeln großer deutscher Blätter mit Entwicklungen in den muslimischen Ländern auseinander, insbesondere im Iran. Jüngst kritisierte er die Absetzung einer Mozart-Oper in Berlin.

Badr Mohammed, 40, ist Generalsekretär des Europäischen Integrationszentrums Berlin-Brandenburg. Der Deutsch-Libanese lebt seit 30 Jahren in Berlin und sitzt für die SPD in der Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof-Schöneberg. Für seine Partei ist er in dem Bezirk migrantenpolitischer Sprecher. Mohammed macht sich für die "neuen Deutschen" stark - darunter versteht er die Einwanderer, die die deutsche Verfassung anerkennen und Deutschland als ihre Heimat ansehen.

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IR): Der Islamrat ist der umstrittenste Teilnehmer auf der Islamkonferenz. Zwar ist der Dachverband mit 140.000 Mitgliedern und 30 Organisationen die größte Interessenvertretung der in Deutschland lebenden Muslime. Doch eines ihrer Mitglieder ist die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). Der islamistischen Organisation wird vorgeworfen, die "freiheitlich-demokratische Grundordnung in Deutschland zu unterwandern." Die IGMG wird deshalb vom Verfassungsschutz beobachtet. Ali Kizilkaya war früher ihr Generalsekretär - heute sitzt er dem Islamrat vor. Deshalb wird ihm oft vorgeworfen, dass Milli Görüs einen zu großen Einfluss auf den Islamrat hat. Kizilkaya hält jedoch dagegen und unterstreicht, dass sich die Mitglieder des Islamrats "selbstverständlich an die Regeln des Grundgesetzes halten".

Die Berliner Anwältin Seyran Ates, 43 setzt sich seit Jahren für die Rechte türkischer Frauen ein. Sie vertritt vor allem türkische Frauen bei Scheidungen vor Gericht. Seitdem gehören Anfeindungen und Drohungen von muslimischen Männern zu ihrem Alltag. Im Juni griff ein Mann eine ihrer Mandantinnen nach einem Scheidungstermin tätlich an, Ates selbst wurde massiv bedroht und beleidigt. In dieser Zeit fühlte sie sich von der Politik und den muslimischen Verbänden im Stich gelassen. Ates zog daraufhin die Konsequenzen: Von nun an will sie als Anwältin im Familien- und Scheidungsrecht nicht mehr arbeiten. Für die Rechte muslimischer Frauen will sie sich aber weiterhin engagieren.

Ezhar Cezairli: Die türkischstämmige Zahnärztin aus Frankfurt ist Vorsitzende des Türkisch-Deutschen Clubs Rhein-Main und Mitgründerin einer säkularen Initiative muslimischer Deutscher. Integration ist ihrer Meinung nach erst möglich, wenn auch Muslime die Trennung zwischen Religion und Politik akzeptieren. Der Glaube müsse Privatsache bleiben. Für diese Position möchte die 43-Jährige, die als erste Türkin ihr Abitur in Deutschland machte, auf der Islam-Konferenz werben.

Walid Nakschbandi: Der gebürtige Afghane kam im Alter von sieben Jahren zusammen mit seinen Eltern nach Frankreich und später nach Deutschland. Nakschbandi arbeitete zunächst als Journalist beim Fernsehen. Seit 1999 ist er Geschäftsführer einer TV-Produktionsfirma in Berlin. Zudem lehrt er an der Berliner Universität der Künste und schreibt Beiträge für Zeitungen. Der 38-Jährige wird während der Islam-Konferenz dem Arbeitskreis "Wirtschaft als Brücke" angehören. Nakschbandi will sich besonders für eine Ausweitung der Bildungs- und Ausbildungsangebote für junge Muslime in Deutschland einsetzen.

Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD): Der ZMD ist neben dem Islamrat einer der einflussreichsten islamischen Dachverbände in Deutschland. 1994 wurde er gegründet und steht seit 2006 unter dem Vorsitz von Ayyub Axel Köhler. Deutschlandweit hat der Verband etwa 20.000 Mitglieder, viele von ihnen sind arabische Muslime. Die Positionen des ZMD sind durchaus umstritten. So hat er sich bislang nicht eindeutig von der Scharia oder der Steinigung distanziert. Die westlichen Vorstellungen der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau teilt der ZMD nicht. So schreibt er auf seiner Homepage: "Während der Mann für den Unterhalt verantwortlich ist, ist die Frau bemüht, ihre Kinder … zu erziehen, und das Haus zu einem Hort der Geborgenheit zu gestalten." Trotz anfänglicher Dissonanzen, arbeitet der ZMD mittlerweile mit dem Islamrat zusammen. Gemeinsam setzten sich die Verbände für islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen ein. Ebenfalls möchten sie eine Ausnahmegenehmigung für das Schächten in Deutschland durchsetzen.

Der Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ) wird auf der Konferenz von Mehmet Ylmaz vertreten. Er wurde 1980 gegründet, hauptsächlich als Sammelbecken der "Schüler des Süleyman Effendi", die Mitglieder eines Derwischordens sind und etwa 240 Moscheen und Koranschulen in Deutschland betreiben. Wegen radikaler und antisemitischer Äußerungen geriet der Verband in den siebziger Jahren in die Kritik. Daraufhin bemühten sich die Verantwortlichen um Dialog mit christlichen Kirchen und Staat; der jedoch im Jahr 2000 auf Initiative des VIKZ abrupt endete. Nur vorsichtig öffnet sich der Verband nun wieder und steht gleichwohl im Verdacht, dass in seinen Moscheen und Schulen noch immer fundamentaler Islam vermittelt wird.

Wesentlich gemäßigter gibt sich die Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), die von Mehmet Yldirim als Vorsitzenden auf der Konferenz vertreten ist und als eine der wenigen auch nach der Runde eine Stellungnahme abgeben darf. Der 1984 gegründete staatlich-türkische Moscheeverband ist die größte muslimisch geprägte Organisation in Deutschland, mit fast 870 Moscheen. Fast 70 Prozent aller in Deutschland lebenden Muslime sollen Mitglieder sein, doch diese Zahl gilt als zu hoch gegriffen. Staatsnah ist der Verband in jedem Fall. In den Ditib-Moscheen predigen in der Türkei ausgebildete und vom türkischen Staat bezahlte Imame, die oft nur wenig Deutsch sprechen. Lange sah sich der Verband am interreligiösen und interkulturellen Dialog uninteressiert. Erst das Interesse der Türkei an einem EU-Beitritt hat auch die Stoßrichtung des Verbands geändert. Genau diese Staatsnähe wird von Kritikern bemängelt. Im Vorfeld der Konferenz wurde vor allem kritisiert, dass gerade die Ditb eine so prominente Rolle bekommt.

Alevitische Gemeinde: Die Alevitische Gemeinde diskutiert zurzeit, ob sie sich überhaupt als islamische Glaubensrichtung bezeichnen will. Sie selbst definiert sich als eigenständige Religionsgemeinschaft. Zwar stammt sie aus dem islamischen Kulturraum, weist aber fundamentale Unterschiede zu den sunnitischen und schiitischen Glaubensrichtungen auf. So gelten die Aleviten als besonders liberal. Die Trennung von Staat und Religion, die Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Demokratie auf den Grundlagen des Grundgesetzes akzeptieren sie vorbehaltlos. Die islamischen Gesetze der Scharia lehnen sie ab. In der Türkei stellen sie mit den sunnitischen Muslimen mit 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung die zweitgrößte Religionsgruppe. In Deutschland leben etwa 700.000 Aleviten, in 105 Städten betreiben sie Interessensvertretungen.

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