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05.10.2006
 

Rechtsradikale auf Usedom

Ein Paradies für die NPD

Von Ulrike Putz, Usedom

Sogar im luxuriösen Urlauber-Idyll Usedom macht sich die NPD breit. Auf Vorpommerns Vorzeigeinsel fürchten manche jetzt das Ende des Tourismus-Booms. Die wenigsten reden offen über das Problem und die Ursachen - ein Klima der Angst hat die Bewohner ergriffen.

Wenn Jutta Arnold an die nächste Saison denkt, bekommt sie Bauchgrimmen. Eigentlich hat sie einen Traumjob. Sie ist Hoteldirektorin auf Usedom und Regionalvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Das Geschäft brummt. Luxussanierte Hotels aus der Kaiserzeit, traumhafte Promenaden mit Seebrücken, lange weiße Strände - die Insel lockt jedes Jahr mehr und mehr Touristen in den nordöstlichsten Winkel Deutschlands.

Leere Strände auf Usedom: "Wir schneiden uns doch ins eigene Fleisch"
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DPA

Leere Strände auf Usedom: "Wir schneiden uns doch ins eigene Fleisch"

Bisher zumindest.

Jetzt aber war Landtagswahl, vor zwei Wochen, und die NPD feierte auch auf Vorpommerns Vorzeige-Insel Erfolge. Fast allerorten holte sie mehr als zehn Prozent der Stimmen. Nun fürchtet Usedoms Tourismusbranche, dass die Urlauber wegbleiben.

"Um ganz ehrlich zu sein: Das Wahlergebnis kann den Tourismus in der Region schädigen", sagt Arnold. Usedom floriert dank des Tourismus, zumindest im Sommer. "Deshalb verstehe nicht, wie die Leute hier die Rechten wählen konnten. Wir schneiden uns doch ins eigene Fleisch."

Die NPD weiß inzwischen umzugehen mit den Vorwurf, sie schrecke Urlauber ab. "Touristen willkommen, Asylbetrüger raus!", forderte sie auf Plakaten, die auch Tage nach der Wahl noch an vielen Straßenlaternen hängen. Arnold hat selbst erfahren, dass das eine hohle Parole ist. Vor einiger Zeit sei ein farbiger Badegast angepöbelt worden, erzählt sie. Dieser Tourist war offensichtlich nicht willkommen. "Entweder habe ich da was nicht verstanden", sagt Arnold über den NPD-Slogan, "oder die NPD hat es nicht." Klar ist: "Wir können unsere Gäste nur auf dem Hotelgelände schützen", das gibt Arnold ganz offen zu.

Das Besondere an Jutta Arnold ist: Sie redet über die Gefahr von Rechts. Als Tourismusfunktionärin gehört das zwar zu ihrem Job. Trotzdem ist es keine Selbstverständlichkeit auf Usedom.

Die NPD ist ein Tabu, kaum einer redet offen über sie

Wer in den Tagen nach dem NPD-Erfolg die Insel bereist, findet wenige Menschen wie sie. Viele Usedomer, die man auf der Straße fragt, schweigen lieber. Manche reden, sagen dann aber: Nennen Sie meinen Namen nicht. Andere sprechen erst ziemlich offen, bitten jedoch Tage später per E-Mail: Zitieren Sie mich um Gottes Willen doch nicht. Wie groß muss die Angst sein auf Usedom, dass so viele verstummen?

Jene Leute, die anonym über die Rechten reden, sagen nicht, dass sie NPD gewählt haben. Niemand sagt das. Das ist die erste Erkenntnis. Zweitens hat fast jeder Verständnis für die NPD-Wähler: Das gehe gegen die "etablierten Parteien", sagen viele. Drittens bekommt man zu hören, dass die Rechten ja keine Probleme machen. "Die sind immer ordentlich angezogen, grüßen, benehmen sich."

Auf Usedom haben derlei wohlerzogene Rechtsradikale mit Angriffen auf campende Schulklassen Schlagzeilen gemacht. Vor sechs Jahren wurde in Ahlbeck ein Obdachloser tot geprügelt. Heute sitzen in Ahlbeck Senioren auf einer Parkbank, lassen den Urlaubertrubel an sich vorbeiziehen und sagen, wiederum anonym: Das eine seien die Schläger. Die gebe es überall. Das andere sei die NPD - eine nicht verbotene Partei.

Ahlbeck, Bansin und Heringsdorf sind Vorpommerns drei Kaiserbäder, gebaut für hochherrschaftliche Sommerfrische. Da liegen die Urlauber im weißen Sand, verdrücken Schlemmereis, kaufen die beliebten Bernstein-Andenken, genießen das Ostsee-Idyll - und müssen sich jetzt einen Reim darauf machen, wie ausgerechnet hier die NPD in der Mitte der Gesellschaft ankommen kann. Ein Ost-Urlauberpaar aus Bernau bei Berlin versucht es so: "Das kann man schon verstehen, dass die Leute hier ihr Kreuzchen aus Protest machen." Viel konkreter werden die beiden nicht, nur so viel: Grund zur Klage hätten die Menschen in Vorpommern sehr wohl. Auch wenn es im Westen ja "viel schlimmer ist mit den Ausländern".

Im Winter wird es erst richtig trostlos

Differenziertere Antworten auf die Frage nach den Ursachen findet man hinter den Strandpromenaden, dort, wo das Ferienparadies endet und eine ganz andere Region beginnt. Vor allem im Winter, wenn auch die Saisonkräfte arbeitslos sind, ist das Leben hier grau. Das Hinterland auf Usedom kann sehr trostlos sein, vom Festland ganz zu schweigen.

So trostlos, dass sich die NPD sicher sein konnte: Hier würde sich ihr massiver, teurer Wahlkampf auszahlen. Vorpommern ist eine der strukturschwächsten Regionen Deutschlands. Hohe Arbeitslosigkeit, wenig Perspektiven, eine Landbevölkerung, die "schon immer 'n büschen schlicht war" - so nennt es einer hier, ebenfalls nur anonym. Nährboden für eine Partei, deren prominenteste Mitglieder aus dem Westen hergezogen sind, um mit ebenfalls schlichten Parolen Ämter zu erobern.

"Dorfschulen erhalten. Bonzen auf die Finger hauen", forderten NPD-Wahlplakate. An sich nichts Verwerfliches, sagt der Wolgaster PDS-Fraktionschef Lars Bergemann: "Die NPD ist nicht blöd. Sie hat den Leuten aufs Maul geschaut und es verstanden, deren Bedürfnisse geschickt umzusetzen. Das ist ihnen geglückt, und wir haben das Nachsehen."

Der Politiker leitet den Jugendhilfeausschuss des Landkreises und sitzt im Präventionsrat gegen Rechtsextremismus. Auch er redet offen über die NPD - und versucht, das Klima der Angst in der Gegend zu erklären. "Das ist ein großes Tabu. Die Leute trauen sich gegenseitig nicht", sagt er. Selbst offensichtliche NPD-Wähler wollen nicht über ihre Motive und die Partei sprechen. Und weil die Rechten unerkannt bleiben, trauen sich auch jene nicht aus ihrem Versteck, "die demokratisch gegenarbeiten wollen. Teilweise ist diese Angst berechtigt. Nicht so sehr wegen der Gewalt, sondern weil man Menschen auf dem Dorf schnell das Leben zur Hölle machen kann".

"Das war nicht nur Protest, da muss man sich nur umhören"

Dass die NPD dort inzwischen eine Stammwählerschaft hat, davon geht Bergemann aus. "Das war nicht nur Protest. Da muss man sich nur mal in der eigenen Verwandtschaft umhören." Die NPD habe sich etabliert, "weil die alteingessenen Parteien versagt haben": Das bekommt Bergemann dann zu hören, aber auch draußen auf der Straße sagen das immer wieder Leute. Die NPD habe gewonnen, weil die anderen Parteien nichts tun.

Ein Jugendclub, Lagerfeuer, das wird der NPD hier als Leistung angerechnet. Einige Kilometer inseleinwärts, in Zirchow, sagt ein muskelbepackter junger Mann mit Glatze: "In den vergangenen 15 Jahren" hätten die Leute alle Parteien durchprobiert. Keine habe genug getan. "Also haben sie NPD gewählt. Die machen auch nicht weniger als die anderen." Er selbst habe übrigens die Grünen gewählt. "Dass ich Glatze trage, ist reiner Zufall."

Ein anderer Einheimischer, der nicht genannt werden will: "Die Hälfte ist nicht zur Wahl gegangen, weil sie sich geärgert hat. Die andere Hälfte ist genau deshalb hingegangen." Enttäuschte Erwartungen, gefühlte Vernachlässigung - darum geht es in Vorpommern. "Das kann ja auch nicht die Lösung sein, dass unsere Jugend nach Norwegen muss und nach Bayern, um da zu arbeiten", sagt eine Frau in dem Örtchen Lassan. Dort bekam die CDU 158 Stimmen, die SPD 138, die NPD 129. "Irgendjemand muss sich um uns kümmern."

Angst vor den ersten NPD-Bürgermeistern

Tatsächlich gehen viele: vor allem die gut Ausgebildeten, die jungen Menschen, die Frauen. Wer bleibt, sind die Alten "und junge Männer mit relativ schlechter Bildung. Das ist idealer Nährboden für die NPD", sagt der PDS-Politiker Bergemann. Vorpommerns Probleme lassen sich schwer lösen. Auf der einen Seite die Zukunftsangst, der soziale Abstieg der Älteren seit der Wende, deren Arbeitsplätze abgebaut wurden. Auf der anderen Seite die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen, die empfänglich sind für rechtsextreme Identitätsstiftung mit Worten wie Stolz und Ehre und deren Selbstbewusstsein aufgepäppelt wird, wenn große Teile der Gesellschaft Angst vor ihnen bekommen. Da greift dann dasselbe Prinzip wie bei Jugendgangs in Großstädten - nur dass dort keine Partei die Jugendlichen vereinnahmt.

Der PDS-Politiker Bergemann sieht den kommenden Jahren skeptisch entgegen. 2009 ist die nächste Wahl, es geht um die Bürgermeister und Landräte. Da werde es der NPD helfen, dass sie gut an der Basis gearbeitet habe, befürchtet Bergemann. "In einigen Dörfern hat die NPD jetzt schon über 30 Prozent der Stimmen. Es kann sein, dass die als Bürgermeister Fuß fassen", sagt er, "davor habe ich Angst."

Die Hoteldirektorin Jutta Arnold drückt es so aus: "Wenn nichts passiert, wird es für uns schlecht werden. Und ich sehe kommen, dass nichts passiert."

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