Von Hubertus Knabe
Berlin - Wer in Ostdeutschland zu einer Landpartie aufbricht, könnte leicht auf die Idee kommen, die SED sei dort immer noch an der Macht: Ernst-Thälmann-Straße, Rosa-Luxemburg-Straße, Straße der Einheit, Straße der Freundschaft – so heißen fast in jedem Dorf die wichtigsten Straßen. Sie haben nicht nur die friedliche Revolution im Herbst 1989 überdauert, sondern auch Wiedervereinigung und 16 Jahre Demokratie.
Vereinigungsparteitag zur SED 1946 in Ostberlin, links KPD-Vorsitzender Wilhelm Pieck, rechts SPD-Vorsitzender Otto Grotewohl: 285 Straßennamen erinnern weiter an den Zwangsakt
Vieles davon hat bis heute überlebt – obwohl die SED noch selbst die schlimmsten Auswüchse beseitigte. Der sowjetische Diktator Josef Stalin wurde ebenso getilgt wie der in Ungnade gefallene SED-Chef Walter Ulbricht. Die Berliner Stalinallee erhielt schon 1962 ihren alten Namen Frankfurter Allee zurück.
Nach dem Sturz der SED-Diktatur richtete sich der Zorn der Bevölkerung auch gegen den Missbrauch des öffentlichen Raumes als Propagandainstrument. Vor allem in den großen Städten wurden Namen wie Otto Grotewohl (erster DDR-Ministerpräsident), Otto Winzer (DDR-Außenminister) oder Georgi Dimitroff (Chef der Komintern) beseitigt. Doch da der Elan bald verflog, hat der sozialistische Straßenalltag vor allem in der ostdeutschen Provinz überlebt.
Eine Untersuchung der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen hat jetzt ergeben, dass in Ostdeutschland die DDR vielerorts überdauert hat. Allein der Gründungsvater der kommunistischen Bewegung, Karl Marx, ist auf Deutschlands Straßen noch 550-mal verewigt. Sein Mitstreiter Friedrich Engels kommt auf 243 Straßen oder Plätze. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die nach einem kommunistischen Putschversuch 1919 ermordet wurden, kommen zusammen auf 596 Straßen. Absoluter Spitzenreiter ist jedoch Ernst Thälmann, der die Weimarer Republik beseitigen wollte und im Nazi-KZ getötet wurde – an ihn erinnern ganz 613 Straßen und Plätze.
Selbst kommunistische Parteifunktionäre, die an der Errichtung und Aufrechterhaltung der SED-Diktatur beteiligt waren, werden noch in zahlreichen ostdeutschen Orten verewigt: 90 Straßen erinnern an den ersten SED-Chef und DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck, 17 an Regierungschef Otto Grotewohl, der den Volksaufstand am 17. Juni niederschlug. ZK-Mitglieder wie Otto Arndt, Kurt Bürger, Erwin Kramer und Otto Winzer haben ebenfalls überlebt. Sogar Walter Ulbricht, der bereits 1972 aus dem öffentlichen Leben in der DDR verbannt wurde, hat noch eine Straße: in Chemnitz. Da fallen die 20 Straßen, die an im Dienst getötete Grenzsoldaten erinnern, kaum noch ins Gewicht.
Während die Diktatur der SED in den Straßennamen des Ostens fortlebt, spielt der Widerstand gegen das Regime so gut wie keine Rolle. Ein Aufruf prominenter Bürgerrechtler aus dem Jahr 2003 hat daran kaum etwas geändert. An den Volksaufstand von 1953 erinnern heute lediglich 16 Straßennamen, an Robert Havemann zehn. Ansonsten kommen Opfer des SED-Regimes wie Arno Esch, Jürgen Fuchs, Walter Janka oder Walter Linse in Deutschland auf zusammen gerade einmal ein Dutzend Straßen.
Eine Marginalie? Es stimmt etwas nicht in Deutschland, wenn wir im siebzehnten Jahr der Einheit noch immer in jedem Dorf die kommunistische Diktatur verherrlichen, die Opfer und den Widerstand jedoch vergessen. Die Politiker haben die Aufgabe, endlich dieses Missverhältnis zu beseitigen – auch wenn dies bei Anwohnern oder DDR-Nostalgikern auf Widerstand stößt.
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