Berlin - Wochenlang hat er geschwiegen, zumindest gegenüber der Öffentlichkeit. Nun redet Murat Kurnaz. In einem langen Interview mit dem Hamburger Magazin "stern" hat der heute 24-jährige Bremer Details seiner Inhaftierung in dem berüchtigten US-Terror-Gefängnis Guantanamo Bay berichtet. Dort war der junge Mann aus der Türkei, der in Deutschland Aufenthaltsrecht genießt, vier Jahre von den USA als feindlicher Kämpfer festgehalten worden.
Erst nach zähen Verhandlungen mit der deutschen Regierung wurde er kürzlich freigelassen. Die schwersten Vorwürfe aber richtet Kurnaz gegen deutsche Stellen. Demnach sei er in einem geheimen US-Gefängnis in der südafghanischen Stadt Kandahar von deutschen Elitesoldaten misshandelt worden. "Ich war noch keine zwei Wochen dort, da wurde ich abends hinter zwei Lastwagen geführt", so Kurnaz. "Es hieß, zwei deutsche Soldaten wollten mich sehen. Sie trugen Camouflage-Uniformen, das Tarnmuster war aus kleinen Punkten zusammengesetzt, wie vom Computer gemacht, und sie trugen die deutsche Flagge am Ärmel".
Solche Uniformen, so der "stern", trügen auch die deutschen Sondertruppen der KSK. Laut Kurnaz hätten ihn die vermeintlichen Deutschen anschließend misshandelt. "Ich musste mich hinlegen, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Der eine zog mich an den Haaren hoch. 'Weißt Du, wer wir sind?' Der wollte angeben. 'Wir sind die deutsche Kraft.' Er hat jedenfalls meinen Kopf auf den Boden geschlagen, und die Amerikaner fanden das lustig." Ebenso sei er in dem Lager von US-Soldaten misshandelt worden, unter anderem mit Elektroschocks.
Der Vorwurf gegen deutsche Soldaten wiegt schwer. Zu dem Zeitpunkt, der zwischen Dezember und Januar 2002 liegen muss, waren in Afghanistan ausschließlich die Elitetruppen der KSK stationiert. Sie agieren streng geheim, selbst der Bundestag und die Gremien werden nicht oder erst im Nachhinein über die Missionen der Sondertruppe informiert.
Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums erklärte in der Bundespressekonferenz, im Moment gebe es keine Anhaltspunkte, dass deutsche Soldaten bei Verhören dabei gewesen seien. "Von Misshandlungen ist nichts bekannt". Nach der Presseanfrage vom 2. Oktober habe man unverzüglich gehandelt: So müsse nun jeder deutsche Soldat, der damals in Afghanistan stationiert war, eine dienstliche Erklärung abgeben. Der Sprecher betonte, das Ministerium werde die Staatsanwaltschaft einschalten, wenn es nötig erscheint. Am nächsten Mittwoch wollen Vertreter der Behörde im Verteidigungsausschuss Bericht erstatten.
Kurnaz' Aussage deutet darauf hin, dass die deutschen Soldaten während ihrer Geheimmissionen in Afghanistan sogar Zugang zu den so genannten Geheimgefängnissen der USA hatten. Dass es in Kandahar ein solches Gefängnis gab, in dem Hunderte Terrorverdächtige ohne Rechte und teilweise auch mit Folter vernommen wurden, ist zwar nicht geheim. Hätten jedoch deutsche Soldaten, auch wenn sie einer geheimen Einheit angehören, dort agiert, geriete die Bundeswehr unter erheblichen Erklärungsdruck.
Kurnaz berichtete auch, dass er entgegen bisherigen Angaben zweimal in Guantanamo von Deutschen vernommen worden sei. Bisher hatten die deutschen Behörden nur einen einzigen Guantanamo-Besuch ihrer Beamten eingeräumt, und zwar im September 2002. Die Frage des zweiten Besuchs, der laut Kurnaz rund zwei Jahre später stattgefunden haben soll, wird sicherlich den Untersuchungsausschuss beschäftigen.
Offen bleibt weiter die Frage, warum Kurnaz nicht früher freikam. Schon 2002 war sich auch die damalige Bundesregierung sicher, dass Kurnaz völlig unschuldig sei. Auch die USA signalisierten damals Bereitschaft, den Bremer freizulassen. Im Kanzleramt in Berlin beurteilte man diese Pläne jedoch "sehr kritisch".
mgb/cvo/ddp/AP
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