Von Marc Widmann
Mannheim - Die beiden Militärpolizisten saßen neben seiner Frau im Wohnzimmer, sie warteten. Ihr Ton war rau. Seine Sachen solle er packen, befahlen sie, und zwar schnell. Sie beratschlagten, wie sie ihn am schnellsten zum Flughafen bringen könnten. Dort warteten seine Kameraden der 1. Infanteriedivision längst. Auf den Abflug in den Irak.
US-Soldat Augustin Aguayo stand in seinem Schlafzimmer im fränkischen Schweinfurt und wusste, dass er auf keinen Fall in den Krieg ziehen wollte. Nicht noch ein Jahr. "Ich dachte nur: Diese Leute werden mich nicht mitnehmen." In der Nacht zuvor hatte er im Auto geschlafen, verpasste mit Absicht den Abmarsch seines Bataillons morgens um 7.30 Uhr. Jetzt, in seinem Schlafzimmer, lärmte er etwas, als würde er seine Ausrüstung packen. Dann öffnete er das Fenster und sprang aus dem Erdgeschoss ins Freie.
In voller Tarnuniform rannte er los. Der 34-jährige US-Soldat desertierte mitten in Deutschland, an einem sonnigen Tag Anfang September.
Mindestens 8000 US-Soldaten sind seit Beginn des Irak-Krieges im Frühjahr 2003 weltweit von ihren Einheiten geflohen, berichtete kürzlich die Zeitung "USA Today". Das Fachmagazin "Air Force Times" schreibt gar von 40.000 desertierten GIs seit dem Jahr 2000. Hunderte suchen Zuflucht im Nachbarland Kanada, wo eine Gruppe engagierter US-Deserteure derzeit um politisches Asyl kämpft. Doch einige tauchen auch in Deutschland unter.
Gleich zwei Organisationen kümmern sich in Deutschland um kriegsmüde US-Soldaten. Der Verein Connection e.V. in Offenbach und das Military Counseling Network (MCN) in Bammental bei Heidelberg. "Allein letzte Woche haben vier Soldaten bei uns angerufen", sagt Michael Sharp vom MCN, "und sich nach Strafen für Deserteure erkundigt." Der Amerikaner berät mit zwei Mitarbeitern GIs kostenlos in Rechtsfragen. Auch Augustin Aguayo.
Versteck in Bayern
Aguayo rannte, so schnell er konnte. Nur etwas Unterwäsche und eine Bankkarte hatte der 34-Jährige eingepackt. Eine Woche lang versteckte er sich bei einer befreundeten Familie in Bayern. Sie gab ihm Geld, kochte für ihn, schenkte ihm Jeans, einen grünen Pullover, weiße Turnschuhe. "Ich habe mir Sorgen um meine Frau gemacht", sagt Aguayo. Sie saß noch immer in seinem Haus auf der US-Basis in Schweinfurt, täglich klingelten die Militärpolizisten.
Der gebürtige Mexikaner wirkt sanft, als er an einem geheimen Ort von seiner Flucht erzählt. Er spricht mit leiser, hoher Stimme. Nur selten unterstreicht er seine Worte mit vorsichtigen Gesten. Er sagt selbst, dass er in der Armee fehl am Platz gewesen sei: Schon "das Gröhlen gewalthaltiger Songs in der Grundausbildung" habe ihn belastet.
Wie viele US-Soldaten trat Aguayo wegen des Geldes in die Berufsarmee ein. Er war arm, jobbte als Lagerarbeiter in Los Angeles. Eines Nachts hörte er bei der Arbeit einen Radio-Spot, der mit gewaltigen Worten für den Eintritt in die Army trommelte. Aguayo beschloss, sich die Sache einmal anzusehen.
Der Mann im Rekrutierungsbüro versprach ihm einen Job als Sanitäter und die Möglichkeit, nach vier Jahren aktivem Dienst ein Bachelor-Studium zu beginnen, unterstützt von der Army. "Ich dachte mir: Sanitäter hört sich gut an", sagt Aguayo. Als er das Büro verließ, hatte er einen Vier-Jahres-Vertrag unterschrieben. "Ich wusste nicht, dass ich meine Seele dem Teufel verkaufen würde", sagt er heute. Ein Jahr später flog er in den Irak.
Er wollte "kein Werkzeug des Krieges sein"
Kaum war er angekommen, begegnete ihm das Grauen. Es war sein dritter Tag im Einsatz. Die Türe seines Feldlazarets in Tikrit sprang auf, und Soldaten trugen zwei Männer herein, mehr tot als lebendig nach der Explosion einer Autobombe. Sanitäter Aguayo tat, was er gelernt hatte, spritzte Medikamente in die Venen, versuchte, Blutungen zu stoppen. "Er wollte am Leben bleiben", sagt Aguayo über seinen Patienten, "er zitterte wie verrückt." Aber Aguayo konnte dem Mann nicht mehr helfen, dessen Arme abgerissen waren, die Haut verbrannt. Als der Patient tot war, ging Aguayo nach draußen. Er musste sich übergeben.
Ein Jahr blieb Aguayo in Tikrit, bis Februar 2005. Sein Lohn waren 1600 Dollar und 600 Euro Zulage im Monat. Dafür steckte er Überreste von Menschen in Leichensäcke, stand nächtelang auf Wachtürmen, erlebte wie seine Kameraden bei Durchsuchungen Iraker schikanierten. Er hörte, wie ein GI sagte: "Ich will jemand umlegen, ich will endlich sagen, dass ich's getan habe."
Dem sanften Soldaten war es zuwider. Er wollte "kein Werkzeug des Krieges sein", wie er sagt. Er weigerte sich, seine Waffe zu laden. Er beschloss, zu kämpfen wie ein echter Soldat - gegen seine eigene Armee.
Aguayo stellte einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung aus religiösen Gründen – die Army lehnte ihn ab. Aguayo verweigerte in Deutschland den Befehl zum Tragen einer Waffe – seine Vorgesetzten kürzten sein Gehalt. Aguayo zog vor ein ziviles Gericht in Washington – der Richter wies seine Klage auf Entlassung aus der Armee ab. Aguayo ging in Berufung – die Armee schickte ihm den Marschbefehl in den Irak, "zur Unterstützung des globalen Krieges gegen Terror", wie es hieß, "für mindestens 365 Tage". Die Flucht aus dem Fenster war in seinen Augen der letzte Ausweg.
Ein Leben im Untergrund hält kaum einer aus
In seinem Versteck in Bayern hatte Aguayo die Wahl. Er konnte jahrelang ausharren und auf eine Amnestie hoffen, wie sie Deserteure nach dem Vietnam-Krieg rehabilitierte. "Aber ich dachte an meine Familie." Er beschloss, sich zu stellen. "Die meisten Fahnenflüchtigen kehren früher oder später zurück", sagt GI-Berater Sharp, kaum einer hält ein Leben im Untergrund lange aus.
Über einen Umweg reiste Aguayo zurück in die USA. Nach vier Wochen unerlaubter Abwesenheit meldete er sich in Kalifornien bei der Militärpolizei. Er hoffte auf einen schnellen Prozess und ein mildes Urteil. Doch so einfach ging das nicht.
Aguayo, Dienstgrad "Specialist", ist noch immer Mitglied des 118. Infanteriebataillons der 1. Infanteriedivision in Schweinfurt. Seine Vorgesetzten ließen ihn sofort wieder zurück nach Deutschland fliegen, diesmal in Handschellen. Seit Dienstag sitzt er im US-Militärgefängnis in Mannheim. Dort wartet er auf seinen Prozess. Ihm drohen mehr als zwei Jahre Haft.
"Ich weiß, was mich im Irak erwartet", sagt er leise. Das Gefängnis ist ihm deutlich lieber.
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