Von Lisa Erdmann und Olaf Sundermeyer
Hamburg - Haben die polnischen Grenzschützer mit scharfer Munition auf das deutsche Ausflugsboot geschossen - und wenn ja, wieso war die Situation so eskaliert? Das sind die zentralen Fragen bei dem Zwischenfall am Dienstag auf der Ostsee, und Klärung ist nicht in Sicht. Beide Seiten beharren auf ihrer Darstellung und machen sich gegenseitig Vorwürfe.
Ein Sprecher der polnischen Grenzwacht in Swinemünde sagte zu SPIEGEL ONLINE, es habe sich bei den Warnschüssen um zwei Schüsse aus einer sogenannten Signalpistole gehandelt. Er sprach von blauer Signalmunition. Die Pistolen würden nur als Signalgeber eingesetzt, auch in der Seerettung. Die Schüsse kamen demnach von einem Schnellboot der polnischen Grenzwacht mit der Signatur SG-145. Es habe Funkkontakt zwischen den Kapitänen beider Schiffe gegeben. "Unsere Grenzschützer wussten gar nicht, dass sich in diesem Augenblick polnische Zöllner auf dem Schiff befanden", sagte der Sprecher - was die Verwirrung um den Vorgang allerdings nicht gerade lichtet. Im Übrigen verwies er darauf, die Zöllner selbst würden gar keine Waffen tragen.
Die Adler-Reederei stellt das anders dar. Sowohl der Kapitän der "Adler Dania" als auch mehrere Passagiere hätten ihm glaubhaft versichert, dass drei bis vier Schüsse aus einer Handfeuerwaffe auf das Schiff abgefeuert wurden, sagte der Reederei-Betriebsleiter Alwin Müller zu SPIEGEL ONLINE. Die internen Untersuchungen dauerten allerdings noch an. Müller hatte nach Rücksprache mit dem Reedereibesitzer beim Kapitän den Rückzug aus polnischem Gewässer angeordnet.
Hintergrund des Konflikts waren Probleme bei einer Zollkontrolle auf dem Schiff, die polnische Zivilbeamte planten. Unstrittig ist, dass drei Zöllner in Zivil das Schiff prüfen wollten. In polnischem Hoheitsgewässer gaben sie sich der Mannschaft zu erkennen. Eine ausführliche Untersuchung sollte dann in Swinemünde stattfinden. Doch statt den Hafen anzulaufen, kehrte das Schiff kurz vor dem polnischen Anleger um - mitsamt den polnischen Beamten an Bord. Schiffe der polnischen Grenzwacht versuchten daraufhin, die "Adler Dania" zu stoppen.
"Wir sind doch keine Piratentruppe"
Der Zwischenfall ist der Höhepunkt eines Zwists zwischen der deutschen Reederei und den polnischen Behörden, der schon seit Jahren geht und sich um die Frage dreht: Versteuern die Händler die an Bord verkauften Waren ordnungsgemäß?
Alwin Müller wirft den polnischen Behörden unverhältnismäßige Mittel vor: "Wir sind doch keine Piratentruppe!", echauffiert er sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir sind seit Jahren hier aktiv." Er bestreitet nicht das Recht der Polen auf Kontrolle, wirft ihnen aber regelrechten Diebstahl vor: Schon mehrmals seien die kompletten Zigarettenbestände an Bord von polnischen Beamten konfisziert worden - und dann in privaten Autos abtransportiert. Ohne Beleg, ohne schriftliche Begründung.
Erst vor zehn Tagen seien 380.000 Zigaretten von Zöllnern in Zivil in Swinemünde beschlagnahmt worden. Dieses Mal hatte er Sorge um die Schnapsbestände an Bord.
Den Kapitän zur Umkehr angewiesen zu haben, findet er nach wie vor richtig: "Wir sind doch kein Selbstbedienungsladen!" Außerdem sei für ihn nicht ausgeschlossen gewesen, dass Schiff und Mannschaft in Gefahr waren. Schließlich hätten sich die Zöllner nicht mit einem internationalen Ausweis legitimiert. Daraufhin habe der Kapitän die Regeln des ISPS-Codes befolgt, einer internationale Sicherheitsvorschrift zur Verhinderung von Anschlägen auf Schiffen und Hafenanlagen. Das Bundesamt für Seeschifffahrt habe ihm die Richtigkeit seiner Entscheidung anschließend bestätigt, sagt Müller.
"So etwas habe ich noch nicht erlebt"
In Polen führte der Zwischenfall ebenfalls zu Protesten - allerdings aus anderen Gründen. "So etwas hat es noch nie gegeben!", schrieb die Lokalzeitung "Glos Szeczinski" aus ihrer Swinemünder Redaktion. Die drei polnischen Beamten hätten das Schiff nicht in Swinemünde verlassen können und gegen ihren Willen an Bord der "Adler Dania" bleiben müssen. Das sei Entführung, ist der Vorwurf in Polen. Die Zeitung wertet das Verhalten des Kapitäns als Flucht und zitiert einen Zöllner anonym: "Seit Jahren arbeite ich hier schon beim Zoll, aber so etwas habe ich noch nie erlebt - und das auch noch vom Kapitän des Bootes."
Auch die polnische Grenzwacht interpretiert das Verhalten der Deutschen als Flucht. Was den Vorwurf der Entführung angeht, ist es tatsächlich so, dass die Zöllner nach Schiffskontrollen für gewöhnlich gleich wieder in Swinemünde an Land gehen. Zwar gibt es regelmäßig gemischte deutsch-polnische Grenzontrollen von Grenzwacht und deutschem Bundesgrenzschutz. Der Zoll ist allerdings eine rein nationale Angelegenheit - auf deutscher wie auf polnischer Seite.
Wie es weitergeht, ist offen. Alwin Müller von der Adler-Reederei hat im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE angekündigt, dass er die Touren nach Swinemünde morgen wieder aufnehmen will - nach dem Zwischenfall vom Dienstag waren die Ausflugsschiffe zunächst nicht mehr in Richtung Polen gestartet. Der "Ostsee-Zeitung" zufolge hat dagegen der polnische Grenzschutz die "Adler Dania" inzwischen auf die Liste der unerwünschten Schiffe gesetzt. Müller sagte zu SPIEGEL ONLINE, er wolle sich auf keinen Fall einschüchtern lassen.
Reger Alkohol- und Zigarettenhandel
Im deutschen Außenministerium in Berlin bemüht man sich, die Lage zu entschärfen. Den Vorgang bewertet man vorsichtig: Das Ministerium bemühe sich mit den zuständigen Innenbehörden um Aufklärung, sagte ein Sprecher. Das geschehe "im Geist der gutnachbarschaftlichen deutsch-polnischen Beziehungen". Schon diese Formulierung ließ das Interesse des Ministeriums klar erkennen: Bloß keine neue Eskalation im heiklen deutsch-polnischen Verhältnis.
Inhaltlich war den Beamten von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) das Problem nicht neu. Immer wieder kommt es an der Grenze zu Beschwerden - von beiden Seiten. Die Polen kritisieren oft, ihre Arbeitnehmer würden von deutschen Grenzern schlecht behandelt, manchmal gar wie Kriminelle. Die Deutschen klagen über lange Formalien an den Übergängen.
Dass gerade im Grenzgebiet der Handel mit Alkohol und Zigaretten blüht, weil die Steuersätze sehr unterschiedlich sind, heizt die Debatte auf. Trotzdem gibt man sich in der Bundesregierung gelassen. "Die Gemüter werden sich schnell beruhigen, wenn die Fakten klar sind", sagt ein Beamter und fügt hinzu: Von scharfen Schüssen der polnischen Grenzer habe man hier nichts erfahren.
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