Berlin - Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat seinen Fernsehauftritt am Abend nach der knapp verlorenen Bundestagswahl im September 2005 mit persönlicher Verärgerung über das Verhalten einiger Journalisten begründet. Diese hätten "nicht zur Kenntnis nehmen" wollen, dass die Wahl "nicht so gelaufen war, wie sie selber dachten und wie ihre eigenen Meinungsbefrager es ausgerechnet hatten", sagte Schröder im Interview des Nachrichtensenders N24.
Dies habe ihn dermaßen geärgert, dass er sich irgendwann gesagt habe, "so, jetzt lass' deinen Ärger auch mal raus. Und deswegen bereue ich auch nichts", so der Altkanzler. Schröder sagte, dass er angesichts der schlechten Prognosen für die SPD vor der Wahl "wirklich Angst" gehabt habe, sowohl um seine eigene Partei "und auch um die historische Schuld, die man dann auf sich geladen hätte".
In dem Fernsehinterview reagierte Schröder auch auf die Vorwürfe der Gewerkschaften, mit den Hartz-Reformen die Verarmung in Deutschland befördert zu haben. "Das trifft mich nicht, weil ich diejenigen kenne, die das formulieren, und nicht ernstnehme", sagte Schröder. Das sei "grober Unfug".
Eine Ursache für die Verschlechterung der sozialen Situation vieler Menschen sei vielmehr die Globalisierung. Schröder sagte, um dem entgegenzuwirken, müsse man einerseits "mehr Bildung zur Verfügung stellen", die man andererseits aber auch nutzen müsse. Das Prinzip seiner Agenda 2010, "Fordern und Fördern", bleibe "nach wie vor richtig".
Der Altkanzler bekräftigte seine Kritik an den Führungsqualitäten seiner Nachfolgerin Angela Merkel (CDU): "Ich habe das gesagt, was von vielen so empfunden wird." Für die tägliche Regierungsarbeit wolle er aber keine Ratschläge geben.
Schröder warb auch erneut um Verständnis für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er sei der "optimale Präsident", um Russland in die Demokratie zu führen. Den Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja dürfe man nicht bei Putin "abladen". Es sei Putins "historische Leistung", nach Jahrhunderten der Zaren-Despotie und der kommunistischen Herrschaft den Staat wieder "ins Recht zu setzen".
Insgesamt sei er mit den Reaktionen auf die Vorabdrucke seines Buches sehr zufrieden, sagte Schröder. Nicht alle Äußerungen seien fair gewesen, "aber das war auch nicht anders zu erwarten". Die Memoiren werden am Donnerstag offiziell vorgestellt.
DGB-Chef Michael Sommer erneuerte die Kritik an Schröder und wies eine Mitschuld der Gewerkschaften an Schröders Abwahl von sich. "Die Wahlen sind von ihm verloren worden", sagte Sommer. Er reagierte auf den Vorwurf des Altkanzlers an die Adresse der Gewerkschaften, sie hätten wegen der Sozialreformen systematisch auf seinen Sturz hingearbeitet.
"In der Schröder-Zeit ist im Verhältnis zwischen Gewerkschaften und SPD sehr, sehr viel kaputt gegangen", sagte Sommer. Daran trügen beide Seiten Schuld. Zur heutigen Rolle von Schröder in der SPD sagte Sommer: "Das Wort "Agenda 2010" ist ein Unwort und Schröder ist Geschichte."
Schröder hatte dem DGB-Chef im SPIEGEL zu wenig Standfestigkeit vorgeworfen: Auf die Frage, ob er möglicherweise zu wenig getan habe, um jemanden wie Sommer auf seine Seite zu ziehen, hatte Schröder erklärt: "Wenn Sie jemanden ziehen, dann muss er anschließend auch stehen und nicht ständig umfallen."
TITEL
Andere wollten sich nicht an dem Schröder-Hype beteiligen. "Wenn ich einmal gar nichts zu tun habe, lese ich das Buch vielleicht", sagte Florian Pronold, der Vorsitzende der bayerischen Landesgruppe in der SPD-Bundestagsfraktion und Mitglied der Parteilinken. Vorher habe er aber noch eine Biografie von Fidel Castro und eine von Edmund Stoiber auf dem Nachttisch.
"Mich interessiert diese rückwärtsgewandte Debatte überhaupt nicht", fügte Pronold hinzu. "Schröder hat sich immer darüber profiliert, dass er den sozialdemokratischen Tabubruch inszeniert."
Viele Sozialdemokraten wollen sich überhaupt nicht zu dem Buch äußern. "Ich will mich nicht an der Verkaufsstrategie beteiligen", sagte ein weiterer Vertreter des linken Flügels.
jaf/cvo/dpa/ddp
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