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05.12.2006
 

CSU-Generalsekretär Söder

Der grüne Schwarze

Von Sebastian Fischer, München

Die Union will moderner werden, und CSU-Generalsekretär Markus Söder prescht voran: Mit mehr Klimaschutz und Zurückhaltung bei der Gentechnik will er den Grünen Stimmen abjagen. Söder bastelt sich ein neues Profil - der Mann hat ja noch viel vor.

München - Der Generalsekretär hat da mal wieder so eine Idee. Und Markus Söder ist schon eine ganze Menge eingefallen in seinem erst 39-jährigen Leben. Es waren nicht selten Ideen, die die Leute an den Stammtischen draußen im Land gewöhnlich mit "Jawoll!" und "So ist das!" zu kommentieren pflegen. Mal ging es um Sexualverbrecher, mal um Jugendschutz - oder auch mal um die Rettung des Sandmännchens im Fernsehen.

CSU-Generalsekretär Söder in der Natur: Auf der Spur der "Lebensthemen"
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DPA

CSU-Generalsekretär Söder in der Natur: Auf der Spur der "Lebensthemen"

Der neueste Söder ist grün: Es geht um Umweltschutz, um das "ökologisch-bürgerliche Profil" der Partei. Es ist die Skizze für die Ökopartei CSU. Und es ist der Karriereplan des Dr. Markus Söder.

Die CSU bastelt zwar gerade an einem neuen Grundsatzprogramm, worin sich natürlich auch ein Umweltkapitel finden wird - doch Söder wäre nicht Söder, würde er erst einmal die Partei diskutieren lassen. Der gelernte Fernsehmann weiß nicht erst seit seiner Zeit als JU-Vorsitzender Ideen zu inszenieren. Söder: "Es braucht auch mal ein klares Signal, damit etwas voran geht." Das geht nur in den Medien.

Ran ans "moderne bürgerliche Lebensgefühl"

Im November schreibt Söder auf zwölf Seiten zusammen, wie die CSU an jene 18- bis 45-jährigen Wähler rankommen könnte, die "bislang eher für die Grünen offen" waren. Aufgrund ihrer "wertkonservativen Einstellung" seien sie zwar auch bisher "für christlich-soziale Politik ansprechbar", doch müsse die CSU insbesondere deren "modernes bürgerliches Lebensgefühl" aufgreifen.

Söder schreibt von mehr Klimaschutz, gesunden Lebensmitteln, Tierschutz und einer gerechteren Weltordnung. Das schüttelt er dann alles ordentlich durch und nennt es "Lebensthemen". Klingt ein bisschen Wischiwaschi - aber es passt. Vor einem Jahr hatte er bereits das "Wohlfühlland Bayern" proklamiert.

Klimaschutz ist dem grünen Schwarzen besonders wichtig: "Das treibt mich um." Im Kapitel zur Energiepolitik schwärmt er von Wasserstoffautos, Erdwärme und Biomasse. Alles "neben dem bewährten Energiemix" - und das bedeutet natürlich auch: die Atomkraftwerke laufen erstmal weiter. Das allerdings steht nicht so explizit in Söders Papier.

Beim Thema Lebensmittel und grüne Gentechnik verordnet der Generalsekretär seiner Partei "die Forschung" und lehnt "den vorschnellen Einstieg in die kommerzielle Nutzung ab". An anderer Stelle hat sich Söder für ein fünfjähriges Moratorium bei der Nutzung ausgesprochen. Das kam gut an in Bayern, bei den Verbrauchern - aber insbesondere bei einer CSU-Stammklientel: den Bauern. Die nämlich befürchten Verunreinigungen ihrer Ernte durch Gentechnik.

Nun stellt die CSU mit Horst Seehofer in Berlin den Landwirtschaftsminister. Derzeit müht er sich um eine Novellierung des Gentechnikgesetzes. Das haben SPD, CDU und CSU im Koalitionsvertrag so vereinbart. "Die Regelungen sollen so ausgestaltet werden, dass sie Forschung und Anwendung in Deutschland befördern", heißt es dort. Das passt jetzt allerdings nicht mehr so recht zur neuen, grünen CSU-Linie.

"Willst Du, dass unsere Kinder Mausgene essen?"

Teilnehmer aus diversen Runden in Staats- und Parteiführung berichten, Söder habe "wesentlich mitbestimmt" beim neuen Kurs in der Gentechnikfrage. Deshalb ist er zuletzt auch ziemlich oft gefragt worden nach seiner ganz persönlichen Ökowende. Söder hat dann immer von Mausgenen im Genmais zu erzählen gewusst und seine Frau Karin zitiert: "Willst Du, dass unsere Kinder Mausgene essen?"

Schöne Geschichte. Lässt sich gut verkaufen. Ist die grüne Farbe nur der neue Anstrich des Markus Söder, des begnadeten Themensurfers? Oder steckt mehr dahinter? Strategisch allemal: Mit Blick auf die Bundespolitik sagt Söder, er diskutiere "doch nicht über schwarz-grüne Koalitionen. Wir müssen alle potentiellen Wähler auf uns vereinigen - auch von den Grünen". Die 68er-Generation sei zwar für die Union verloren, doch von den jüngeren Grünen-Wählern seien "viele bürgerlich, da haben wir neue Chancen".

CSU-Umweltpolitiker loben den neuen Mitstreiter: "Markus Söder hat längst Überfälliges gesagt", rühmt ihn Henning Kaul, Vorsitzender des Umweltausschusses im Landtag. Und Marcel Huber, Sprecher der CSU-Fraktion für grüne Gentechnik, assistiert: "Es ist nicht falsch, ab und zu mal Korrekturen unserer Linie vorzunehmen." Es finde sich eben "auch in Kreisen der Konservativen ökologische Sensibilität". Und Markus Söder sagt sehr zufrieden: "Ich habe aus der Partei nur positive Resonanz bekommen."

Hinter vorgehaltener Hand aber reden Mitglieder der CSU-Führung Tacheles: Die Ökothesen seien "zuallererst ein Marketingpapier für den Generalsekretär", der habe eben "Gespür und Instinkt für Themen". Ein anderer kritisiert den "völligen Alleingang", man könne nicht "hektisch von Thema zu Thema springen". Aber das sei "typisch Söder".

Söders Ideen

Markus Söder ist erst seit drei Jahren CSU-Generalsekretär. Doch es sprudelt seither nur so aus ihm heraus. Im August 2006 will er Empfängern von Hartz-IV den Urlaubsanspruch streichen: "Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet". Im Rahmen eines Sexualmords an einem Kind zählt er die rot-grüne Bundesregierung im Frühjahr 2005 zum "Kartell der Schuldigen", weil sie die Gesellschaft nicht ausreichend vor Kapitalstraftätern schütze. Im November 2004 profiliert sich Söder mit seiner Forderung nach Schulgebeten im nationalkonservativen Lager. Im Juni 2004 verschickt er weißblaue Bikinis an Berliner Journalistinnen und wünscht eine "perfekte Performance bei Badewetter". Für Jugendliche unter 14 Jahren denkt sich Söder im Januar 2004 etwas aus: Ausgangssperre nach 20 Uhr. Ende 2003 klagt er, "die Mainzelmännchen haben ihre Seele verloren", nachdem das ZDF seinen Werbeträgern ein neues Image verpasst hatte. Schon zuvor hat er maßgeblich zur Rettung des ostdeutschen Sandmännchens beigetragen, das der RBB absetzen wollte.

Die Auflistung nervt Markus Söder, besonders gegen Ende. Er sei nun mal auch Vorsitzender der CSU-Medienkommission. Als Preis für die mediale Aufmerksamkeit in der Vergangenheit allerdings ist bei nicht wenigen im Polit-Geschäft das Bild des Spaßpolitikers Söder hängen geblieben.

Nein, so was würde er jetzt nicht mehr machen, sagt Söder und nippt an seinem Latte Macchiato: "Zum Sandmännchen stehe ich. Aber Medienpolitik allein ist heute nicht mehr mein Aufgabengebiet. Ich muss nicht mehr zu allem meinen Senf abgeben." Er spricht von einem "gewissen Reifeprozess bei mir". "Geerdet" sei er jetzt durch die Familie: Frau und drei Kinder. Ein 39-jähriger Politiker dürfe sich doch auch einmal ändern.

Klar. Und Markus Söder ändert sich gerade, er macht sich kompatibel für höhere Aufgaben. Das Thema Umwelt ist dafür ideal: Es ist ernsthaft, kann in Zukunft nur bedeutender werden und hat Charme für Söders Generation. Bei ihm klingt das dann so: "Wenn Inhalt politischen Nutzen bringen kann, dann ist das ein Gewinner-Thema."

Aber Inhalt ist anstrengend. "Man muss da lange umsteuern, die CSU ist ein Riesen-Tanker", sagt Söder und dreht mit beiden Händen, entschlossener Miene und zusammengepressten Lippen kräftig am virtuellen Steuerrad über dem Kaffeetisch. Das Sandmännchen ist jetzt sehr weit weg. Am Anfang habe er den Job des Generalsekretärs eher "als Manager, als Kommunikator" aufgefasst, sagt Söder: "Doch der General ist mehr als nur der Sprecher seiner Partei." Er verstehe sich nun "auch als Vordenker". "Man muss inhaltliche Führerschaft übernehmen und manchmal hart bleiben." Sagt der neue Söder.

Überhaupt, "ein super Amt" sei das: Generalsekretär der CSU. Und im übrigen sei ja auch aus den meisten Parteigenerälen "was geworden". Stimmt. Franz Josef Strauß zum Beispiel war mal Generalsekretär. Und später Ministerpräsident, Kanzlerkandidat gar. Max Streibl war ebenfalls Generalsekretär. Und später Ministerpräsident. Edmund Stoiber - klar, der war auch alles.

In der CSU sagen sie, Markus Söder strebe in die bayerische Regierung. Zufällig wackelt vor lauter Gammelfleisch gerade Stoibers Umwelt- und Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf (CSU). In Söders Sprache müsste Schnappauf so eine Art "Lebensthemen"-Minister sein. Eigentlich ein schöner Job, oder?

"Ach wissen Sie", sagt Markus Söder, zieht die Augenbrauen hoch und lächelt siegesgewiss, "da habe ich keine Ambitionen". Natürlich könne es "langfristig diverse Aufgaben geben. Aber in meinen jungen Jahren habe ich bereits viel Erfahrung mit Karriereplänen anderer erlebt - ich konzentriere mich lieber auf das Hier und Jetzt".

So redet einer, der weiß, dass eh alles auf ihn zuläuft. Die Sache mit dem Öko-Papier und der grünen Gentechnik ist ein weiter Schritt auf dem Weg nach oben. Wenn Markus Söder in einigen Jahren nicht nur virtuell am großen Steuerrad des Tankers CSU dreht, wird die grüne Thematik schon ein Stück weit hinter ihm liegen.

Wie heute das Sandmännchen.

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