München/Berlin - Der Termin war für 9 Uhr angesetzt. Doch Alois Glück erschien erst gegen 9.20 Uhr in der Staatskanzlei. Eine halbe Stunde später war er auch schon wieder weg. Draußen für die Reporter nur Stillschweigen. Inhaltliches wollte Glück nicht sagen. So bleiben nur Mutmaßungen: Als kein gutes Zeichen, werten Beobachter vor Ort die Stippvisite. Glück hatte im Vorfeld aber betont, er habe keinen Auftrag erhalten, Stoiber zum Rücktritt zu bewegen.
Edmund Stoiber jagt heute von einem Termin zum nächsten: Um 11 Uhr übergab er die Leitung der Kabinettssitzung an seinen Stellvertreter Günter Beckstein. Routine. Aber im aktuellen Zusammenhang doch eine Szene von großer Bildkraft.
Stoiber musste los, um den Chef der CSU-Landtagsfraktion, Joachim Herrmann, zu treffen. Der versuchte sich vor der Staatskanzlei in Deeskalation: "Ich würde nicht von einer Krise sprechen", wiegelte Herrmann vor dem Treffen ab. Es gebe keinen Grund, jetzt über eine Nachfolge für Stoiber zu sprechen.
Eine gute Stunde später, beim Verlassen der Staatskanzlei, sprach er von einem sehr guten und ernsthaften Gespräch. Er habe mit Stoiber sehr offen gesprochen, erklärte der Fraktionschef: "Ich habe ihm meine Wahrnehmungen mitgeteilt." Ob die CSU mit Stoiber in den Wahlkampf 2008 ziehen werde, werde in Kreuth besprochen.
Herrmann hatte zur Debatte gestellt, ob die Landtagsfraktion mit Stoiber als Spitzenkandidaten in die Landtagswahl 2008 gehen will. Er appellierte an die Partei, "mehr miteinander als über einander zu reden". Um einen Rückzug Stoibers aus dem Amt des Ministerpräsidenten geht es in dem Gespräch angeblich nicht: "Es gibt keinen Grund dazu."
Doch einen guten Grund lieferte heute der "Stern": In einer Umfrage für das Hamburger Magazin sprachen sich 69 Prozent der Wahlberechtigten im Freistaat dagegen aus, dass Stoiber bei der nächsten Landtagswahl 2008 wieder als Spitzenkandidat antritt. Ende Dezember waren bei einer "Stern"-Umfrage 60 Prozent der Bayern dagegen gewesen. Nur noch knapp ein Viertel der Bayern (24 Prozent) wünscht jetzt, dass Stoiber auch über 2008 hinaus regiert - vor zwei Wochen wollte dies mit 32 Prozent noch fast jeder Dritte.
Ganz deutlich verliert der Ministerpräsident der Umfrage zufolge auch in der eigenen Klientel an Rückhalt: Vor zwei Wochen sprachen sich noch 52 Prozent der CSU-Anhänger für eine erneute Stoiber-Kandidatur aus. Jetzt stimmen nur noch 32 Prozent dafür. Eine überwältigende Mehrheit von 64 Prozent der CSU-Anhänger ist der Auffassung, Stoiber solle nicht erneut antreten.
Am Morgen hatte Herrmann in einem Interview vor einer überstürzten Entscheidung über die politische Zukunft Stoibers gewarnt. "Es gibt überhaupt keinen Grund, jetzt in Panik zu verfallen", sagte er im Berliner Inforadio. Stoiber besitze die grundsätzliche Solidarität der Landtagsfraktion. "Es kann kein Zweifel sein, dass die CSU-Fraktion zu ihrem Ministerpräsidenten steht", sagte er. Man müsse aber auch die Stimmung in der Bevölkerung ernst nehmen.
Auch Bayerns Innenminister Günther Beckstein versicherte öffentlich, die CSU stehe hinter Stoiber, ließ aber Fragen nach einer etwaigen Kandidatur als Ministerpräsident bei einem Rückzug von Stoiber offen. Auf derartige "Wenn-Fragen" wolle er keine Antworten geben, "das müsste man dann in der konkreten Situation" diskutieren, sagte Beckstein im Deutschlandfunk. Gegen Stoiber werde er nicht kandidieren, sagte Beckstein.
Der CSU-Politiker bekräftigte seine Position, seine Partei solle mit Stoiber als Kandidat in die Landtagswahl 2008 gehen. Wie lange Stoiber dann regieren werde, "muss die nächste Legislaturperiode zeigen". Eine Trennung Stoibers von den Ämtern des Ministerpräsidenten und des Parteivorsitzenden lehnte Beckstein ab. Er halte dies nicht für eine sinnvolle Lösung.
Am Nachmittag ab 14 Uhr will Stoiber an der Sitzung des CSU-Fraktionsvorstands in Kreuth teilnehmen. Die heute beginnende traditionelle CSU-Fraktionsklausur in Wildbad Kreuth gilt als entscheidend für sein weiteres politisches Schicksal. Der CSU-Chef will sich in Kreuth morgen der gesamten CSU-Landtagsfraktion stellen.
ler/hen/dpa/AP/ddp
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