Dennoch haben sich die Befürworter des Ausstiegs bereits Anfang der neunziger Jahre auf die Frage eingelassen, ob die Atomenergie dem Klimaschutz hilft. So in der Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" des Bundestages, die zwischen 1987 und 1994 die Fragen des Klimawandels intensiv bearbeitet hat. Das Ergebnis war für die Atomfreunde ernüchternd. Auch nach der FUSER-Studie der Weltenergiekonferenz, die von einem Ausbau der rund 440 AKW auf über 5000 Atommeiler (!) bis Mitte unseres Jahrhunderts ausgeht, steigen die CO2-Emissionen von 21 Milliarden Jahrestonnen auf über 40 Milliarden an – eine Katastrophe für das Klima.
Atomstrom und Energiesparen schließen sich aus
Obwohl dem Sachverständigengremium, das für seine Arbeiten national und international hohe Anerkennung fand, ausgewiesene Kernkraftbefürworter angehörten, war die Bewertung einmütig: "Lösungswege versprechen keinen Erfolg, die nur auf die Verschiebung der Energieträger abzielen, statt einer weitgehenden Substitution von Energie durch Investitionen und technisches Wissen (Energiequelle Energieeinsparung) den Vorrang zu geben."
Mit anderen Worten: Das heutige Energiesystem kann das Klima nicht schützen. Eine erfolgreiche Gegenstrategie, so die Schlussfolgerung, muss die Einbindung erneuerbarer Energien auf kommunale und industrielle Kraft-Wärme-Kopplung und auf Effizienztechnologien setzen, um den Einsatz nicht notwendiger fossiler Brennstoffe zu vermeiden. Genau das aber widerspricht der inneren Logik eines großtechnischen (Atom-)Energiesystems mit seinen technischen, betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Zwängen. Deren Philosophie liegt in der Ausnutzung großer Erzeugungskapazitäten, die weit weg sind vom Verbraucher. Atomkraftwerke sind Grundlastkraftwerke, die systembedingt für den Ausgleich der Angebotsschwankungen wenig geeignet sind. Sie sind keine flexible Energietechnik, die heute gebraucht wird. Die Barrieren sind so hoch, dass sich Atomkraft und Effizienzstrategien weitgehend ausschließen.
Der mächtige Mega-Watt-Clan will Strom wie im Supermarkt anbieten. Von daher lassen sie "Einsparkraftwerken" keinen Markt, weil sie am hohen Stromverbrauch kräftig verdienen. Deshalb zeigen nahezu alle Strategien, die an der bisherigen Verbrauchsstruktur festhalten, dass sie mit mehr Risiken, mehr Strom, mehr Gas, Öl und Kohle und mit mehr Emissionen verbunden sind.
Mutiger Beschluss von Helmut Kohl
Die Erzeugung in Kondensationskraftwerken, die von den großen Stromkonzerne EnBW, E.on, RWE und Vattenfall weit überwiegend betrieben wird, ist eine gigantische Verschwendung, typisch für das letzte Jahrhundert, aber nicht wegweisend für die Zukunft. Energie wird über Kühltürme sinnlos in die Luft geblasen oder in Flüsse geleitet, obwohl sie im Winter als Fernwärme und im Sommer zur Klimatisierung genutzt werden könnte, was Millionen von Tonnen CO2 vermeidet.
Der Haken ist nur: An der effizienten Energienutzung haben die großen Stromerzeuger wenig Interesse. Doch sie ist machbar. Deshalb empfahl die Kommission, dem Vertreter von Union, SPD, FDP und Grüne sowie elf renommierte Wissenschaftler angehörten, die nationalen Kohlendioxid-Emissionen um 30 Prozent bis zum Jahr 2005 gegenüber 1990 zu reduzieren. Die Bundesregierung unter Helmut Kohl machte daraus den mutigen Beschluss, die Emissionen um 25 Prozent abzusenken. Bis heute gilt er als beispielhaft.
Drei unterschiedliche Szenarien, die bei der Atomkraft entweder Ausstieg, Status quo oder Ausbau vorsahen, konkretisierten die CO2-Reduktion um bis zu einem Drittel bis zum Jahr 2005. Das technisch machbare Einsparpotenzial wurde sogar auf über 40 Prozent geschätzt, acht Prozent könnten durch bewusstes Sparen erreicht werden, ebenfalls um acht Prozent könnte der Anteil der Erneuerbaren Energien wachsen. Vor diesem Hintergrund unterstützte niemand den Ausbau-Pfad. Selbst für den Erhalt des Anteils an Atomstrom sprachen sich nur sieben der 22 Kommissionsmitglieder aus.
Im Ausbauprogramm wären übrigens über 40 neue Reaktorblöcke notwendig, um den Stromsektor "CO2-frei" zu machen. Selbst dann wären in Deutschland höchstens 30 Prozent der Energieversorgung klimaverträglich. Die Neuordnung der Energieversorgung mit Hilfe der Kraft-Wärme/Kälte-Kopplung (KWK) und der massiven Effizienzsteigerung bei Geräten, Häusern und Autos kann dagegen kostengünstig eine weit höhere Einsparung und damit CO2-Reduktion erzielen. Allein das wirtschaftlich sinnvolle - und preiswerte - Einsparpotenzial der KWK ist in Deutschland höher als der Anteil der Atomenergie. Und das sind Technologien, denen die Zukunft gehört, weil sie weltweit gebraucht werden. Die Nachfrage wird in den nächsten Jahren massiv steigen.
Als letztes Argument bleibt den Befürwortern die Behauptung, dass der Umbau mehr Zeit bräuchte. Tatsächlich haben wir schon viel Zeit verloren. Denn bis Mitte des nächsten Jahrhunderts kann bereits nicht mehr verhindert werden, dass die Wetterextreme weiter zunehmen. Damit der Eispanzer von Grönland nicht völlig schmilzt, der Golfstrom nicht zum Erliegen kommt, das Auftauen der sibirischen Permafrostböden nicht zum totalen Klimakiller wird, der El Nino nicht jedes Jahr auftritt und schwere Monsune über einer Milliarde Menschen die Ernährungsgrundlagen nehmen, muss schnell gehandelt werden, um endlich die umweltverträglichen Technologien zu nutzen.
Wann begreifen wir endlich, dass wir noch nie so wenig Zeit hatten, so viel zu tun? Tatsächlich verhindert die Atomenergie den Umstieg in die effiziente und solare Energieversorgung. Klimaschutz braucht den Atomausstieg.
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