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22.02.2007
 

Jugendkriminalität in Berlin

Mehr Gewalt, weniger Haftbefehle

Baseballschläger, Totschläger, Messer: Eine neue LKA-Statistik zeichnet ein schockierendes Bild von Jugendgewalt in Berlin. Über fünf Prozent ist die Gewalt gestiegen, achtzig Prozent aller Delikte werden von Jugendlichen aus Einwandererfamilien verübt.

Berlin - Dass jugendliche Straftäter in Berlin immer härter zuschlagen, hatte Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch schon im Interview mit SPIEGEL ONLINE gesagt. Laut einem Senatsbericht vom letzten Herbst ist die Gewalt an Schulen in der Hauptstadt im vergangenen Jahr um 75 Prozent gestiegen. Erschreckende Zahlen, die jetzt eine neue Dimension bekommen und düstere Befürchtungen noch übertriffen: Ein neuer Bericht des Landeskriminalamts (LKA) verunsichert Berlins Politiker. Nach Angaben des "Tagesspiegel" enthüllt das LKA-Papier, dass bei Jugendgewaltdelikten der Gebrauch von Waffen in den ersten drei Quartalen des Jahres 2006 um 31 Prozent gestiegen ist - besonders häufig schlugen Jugendliche mit Knüppeln und Totschlägern zu. Um mehr als fünf Prozent ist die Jugendgewalt in der deutschen Hauptstadt insgesamt gestiegen - 5662 Fälle von Gruppengewalt verzeichnet der LKA-Bericht.

Noch in anderer Hinsicht spricht das Papier, das dem "Tagesspiegel" vorliegt, eine sehr deutliche Sprache: In Berlin werden achtzig Prozent aller Gewaltdelikte von Jugendlichen aus Einwandererfamilien verübt. In Tempelhof-Schöneberg waren 82,3 Prozent der 271 ermittelten Täter nichtdeutscher Herkunft, in Berlins Bezirk Mitte sind es 85 Prozent. Die Polizei bestätigte diese Zahlen gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Immer brutaler schlagen Jugendliche zu, die Zahl der Festnahmen stieg - und trotzdem sank die Zahl der anschließenden Haftbefehle um neun Prozent.

Erst ab zwei Jahren wird Erziehung wirksam

Sind Berlins Richter zu milde? Im "Tagesspiegel" jedenfalls forderte ein Berliner Jugendrichter, dass seine Kollegen den Straftätern "eindeutige Grenzen" setzen müssten. Ein Aufenthalt im Jugendknast erziele nur dann erzieherische Wirkung, wenn die Haft mindestens zwei Jahre dauere.

Erste Schritte im Kampf gegen die steigende Jugendgewalt sind bereits genommen. Gerade zwei Tage ist es her, dass die Berliner Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) ein neues Modell im Umgang mit jungen Straftäter ankündigte - das "Schwellentäter"-Modell. Jugendliche, die mehr als fünfmal straffällig geworden sind, sollen einen festen Jugendstaatsanwalt zugeordnet bekommen, der die Täter kennt und ihre Entwicklungen beobachtet. Um zu verhindern, dass aus "Schwellentätern" Intensivstraftäter mit mehr als zehn Straftaten im Register werden, wollen Gerichte noch stärker auf die Familien der Täter zu gehen.

Die Gewerkschaft der Polizei in Berlin (GdP) kritisiert: "Ein schlüssiges Gesamtkonzept zur Bekämpfung der Gewalt in Berlin haben Parlament und Senat aber nicht." Aufgeschreckt durch die neuen Zahlen beschäftigen sich heute auch Berlins Politiker mit der Jugendgewalt. Im Abgeordnetenhaus soll über die neuen Zahlen gesprochen werden. Thomas Kleineidam, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion in Berlin, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Bei der interkulturellen Kompetenz von Sozialarbeitern und Lehrern muss erheblich nachgesteuert werden". Die LKA-Daten bestätigten einen Trend, der sich bereits seit längerem abzeichne.

anr

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