Von Lisa Erdmann
Der Anwalt der Familie von Oury Jallow, Ulrich von Klinggräff, hält diese Version des Ablaufs für wenig überzeugend. Er nennt das im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE eine Hypothese der Staatsanwaltschaft. "Wir glauben nicht, dass das die Wahrheit ist. Da stinkt einiges zum Himmel." Eine Gegenhypothese hat er jedoch nicht. Er will wissen, was da unten im Keller tatsächlich geschehen ist. Gab es möglicherweise weitere Beteiligte? "Wir hoffen, dass wir es schaffen, eine Aufklärung des Vorfalls während des Prozesses zu erreichen - vor allem für die Eltern." Das sei mindestens genauso wichtig, wie die Verurteilung der Angeklagten. Eine große Chance räumt er dem jedoch nicht ein. Denn Gegenstand der Verhandlung sind nicht die Ereignisse in der Zelle im Keller, sondern das Verhalten der beiden Polizisten oben.
Lange Zeit ist vergangen zwischen der Tat und dem Prozess. Zeit für viele Spekulationen: Wie kann ein an Händen und Füßen gefesselter Mann eine feuerfeste Matratze anzünden, war es Mord, vielleicht um rassistisch motivierte Misshandlungen zu vertuschen, ist das Verfahren absichtlich so lange verschleppt worden? Genährt wurden solche Gedanken etwa dadurch, dass eine Obduktion der Leiche ein gebrochenes Nasenbein nachgewiesen hat, dass Telefonmitschnitte auf der Polizeiwache zumindest rassistische Anklänge haben und dass das Landgericht Dessau mehrfach die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen die beiden Polizisten nicht zugelassen hat. Dort weist man solche Vorwürfe jedoch weit von sich und erklärt die Verzögerungen mit ungeklärten Details: etwa Widersprüche im Ergänzungsgutachten des Brandexperten.
Anwalt von Klinggräff moniert auch, dass eine ungewöhnlich lange Zeit bis zum Prozessbeginn vergangen sei. "Es ist ein kompliziertes Verfahren, das muss man in Rechnung stellen. Dennoch ist die Zeit sehr lang. Das verwundert schon." Einen explizit rechtsradikalen Hintergrund sieht er in dem Fall bisher nicht - eine latente Ausländerfeindlichkeit allerdings schon.
Antirassistische Parolen an der Wand
Der Vorwurf passt ins Klischee: Das Land hat seinen Ruf als Hort rechten Gedankenguts längst weg. Bei den rechtsextremistischen Straftaten ist Sachsen-Anhalt bezogen auf die Einwohnerzahl längst bundesweiter Spitzenreiter. Selbst Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) sieht inzwischen "bis in die Mitte der Bevölkerung hinein eine unterschwellige Sympathie für rechtes Gedankengut".
Dieser Fall hat jedoch auch Linksradikale auf den Plan gerufen. Im Dezember verübten Unbekannte zwei Anschläge. Auf das Haus des Arztes, der die Blutrobe bei Jallow entnommen hatte, wurde ein Molotow-Cocktail geschleudert. Bei dem nun angeklagten Polizisten Andreas S. schrieben die Täter kurz vor Weihnachten Parolen an die Hauswand. Auf über fünf Metern Länge stand dort unter anderem "Rassist und Mörder". Zu den Anschlägen bekannte sich zwei Tage später die "militante Gruppe" in einem Bekennerschreiben, die seit dem Jahr 2000 diverser Taten verdächtigt wird. Die Bundesanwaltschaft schaltete sich ein und ermittelt laut Sprecher Frank Wallenta noch immer in dem Fall.
Nur der mutigen Aussage einer Polizistin und einer Dessauer Opferinitiative ist es zu verdanken, dass der Fall überhaupt verhandelt wird. Seitdem haben Berliner und Brandenburger Flüchtlingsinitiativen unermüdlich dafür gearbeitet, dass Oury Jallow nicht in Vergessenheit gerät. Andreas S. muss sich wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten, sein Kollege Hans-Ulrich M. wegen fahrlässiger Tötung.
Sie werden der Familie des jungen Mannes in die Augen sehen: Oury Jallows Mutter und sein Bruder sind für den Prozess nach Deutschland gekommen.
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