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25.03.2007
 

Eine Demo gab es auch

„Scheiß’ auf Euer Europa!“

Von Reinhard Mohr

Ganz Berlin feierte die EU, den kleinen Knut oder einfach nur die Sonne. Ganz Berlin? Nein. Ein kleines Häuflein (eigentlich sollten es zehntausend sein) stemmte sich tapfer gegen den Gute-Laune-Tag.

Berlin - Janz Berlin is’ eene Wolke. Zumindest an diesem herrlichen Frühlingssonntag unter einem strahlend blauen Himmel. Rund ums Brandenburger Tor feiern Hunderttausende aus aller Welt das 50-jährige Jubiläum der Europäischen Union, während viele tausend andere zu Knut dem Eisbär in den Zoo pilgern – auch er inzwischen ein Berliner Weltereignis.

Die „Europäische Clubnacht“ zog bis in den frühen Morgen Partygänger aus ganz Europa an, indes andere, meist ältere Feierlustige, lieber die „Nacht der Schönheit“ in den Staatlichen Museen Berlins genossen. Nach sommerzeitbedingt verkürzter Nacht verwandelte sich die Karl-Marx-Allee, einst Panzeraufmarschzone des SED-Regimes, in eine einzige, kilometerlange Flaniermeile fröhlicher Menschen – und selbst die deutsche Fußballnationalmannschaft versäumte es gestern Abend in Prag nicht, ihren fälligen Beitrag zur Super-Sonntagslaune zu liefern.

Ganz Berlin is eene Wolke.

Ganz Berlin?

Nein. Ein kleines Häuflein stemmt sich tapfer gegen jede Feierlaune. Wäre ja noch schöner. Unter dem Motto „Nein zum Europa des Kapitals“ versammelten sie sich heute Nachmittag in der Wüstenei des Alexanderplatzes, der vor lauter Baustellen selbst für Einheimische kaum noch wieder zu erkennen ist. Mit 10.000 Teilnehmern hatten die Veranstalter gerechnet. Am Ende waren es gerade einmal 500 Demonstranten.

"Auch die anderen Gefangenen der RAF müssen rauskommen"

Sie machten sich vom trostlosen Mittelstreifen der achtspurigen Karl-Marx-Allee gegenüber dem „Park Inn“ mit gut einstündiger Verspätung auf den Weg in Richtung Friedrichstraße, von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet. Viele Revolutionäre hatten die europäische (!) Zeitumstellung nicht mitbekommen und trafen so verspätet zur Kampfdemonstration ein, mutmaßte ein Redner, als er die wartenden Genossen zur Geduld mahnte.

Dafür hatte er gleich eine „gute Nachricht“ zu vermelden: „Brigitte Mohnhaupt ist frei!“ Unter Beifall fügte er hinzu: „Wir hoffen, dass jetzt auch die anderen Gefangenen der RAF schnell rauskommen!“

Eine Stunde vorher, während die ersten EU-Gegner eintröpfeln und gemächlich ihre mitgebrachten Transparente entrollen, dröhnt laute Musik aus dem oliv-militär-farbenen Bus des „Jugendkollektivs“ vom „Thomas-Weisbecker-Haus“. „Tommy“ Weisbecker war Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ und starb im März 1972 durch Polizeikugeln.

Ein paar Meter weiter reckt ein mittelalter Mann ein Plakat in die Höhe: „Die Merkel/Müntefering-Regierung soll abtreten!“ Ein noch etwas älterer Herr mit grauem Karl-Marx-Bart schwenkt eine blutrote Fahne mit dem stilisierten Konterfei von Ché Guevara. Darunter steht fein säuberlich „DKP Berlin-Mitte“. Das muss aussagemäßig reichen.

Eine rote Fahne mit Hammer & Sichel. Dass es das noch gibt

Nach und nach gesellen sich ihm Altersgenossen zu, bei denen man vermuten darf, dass sie schon vor Jahrzehnten auf der Karl-Marx-Allee für den Sozialismus demonstriert haben. Damals eher in Marschformation.

Nicht ganz ausgeschlafene Zwanzigjährige versuchen derweil, das Transparent „Nein zum Europa des Kapitals“ gegen den steifen Ostwind zu verteidigen. Da hat es die ältere Dame mit ihrem Pappschild „Gorleben ist überall – wir stellen uns quer“ schon etwas leichter. Über dem ansehnlichen Bierbauch eines in jeder Hinsicht fortgeschrittenen Genossen prangt die klassische Zeile „J’accuse!“.

Andere werden konkreter und sagen es ganz direkt: „I hate capitalism“ oder „Fight European Fortress!“. Erfreulich eindeutig auch folgende Zeile: „No war but classwar – For Social Revolution!“ Überhaupt sind viele rote Fahnen zu sehen, auf denen die Botschaften einfach am kürzesten, prägnantesten und dazu noch mehrsprachig rüberkommen: „Revolution!“ Besonders originell ist eine rote Fahne mit geschwungenem Herz, in dem alleine Hammer & Sichel wohnen, das unvergängliche Symbol der proletarischen Weltrevolution. Dass es das noch gibt.

Für eine Gesellschaft ohne Geld und Staat

Es sind nicht nur auffallend viele englischsprachige Kapitalismuskritiker da, sondern auch sehr viele junge. Einer der jüngsten ist etwa fünf Jahre alt und hält eine der gut sichtbaren gelbroten Flaggen der ILPS hoch, der „International League of People’s Struggle“. Das Transparent mit der Aufschrift „Anadolu Federasyonn“ konnte leider nicht unmittelbar entschlüsselt werden.

Viele Gruppen mühen sich allerdings durchaus, verständlich zu sein, und verteilen zahllose Infos und Flugschriften. Da ist manchmal schon die Überschrift ein untrügliches Zeichen für kommunikative Kompetenz im internationalen Klassenkampf.

Im Blick auf den G8-Gipfel in Heiligendamm heißt es da zum Beispiel unmissverständlich kurz und knapp: „Bald sind die G-8-Fürsten ‚zu Gast bei Freunden’. Die Welt in der Hand von Gangstern."

Die jungen Europagegner, die für "eine Gesellschaft ohne Geld und Staat" eintreten und den in Berlin versammelten Staats- und Regierungschefs nicht mehr und nicht weniger vorhalten als "verbrecherische Pläne" zur "imperialistischen Weltherrschaft", sind überwiegend schwarz gekleidet und haben meist ihre Kapuzen über den Kopf gestülpt.

Anarchos, Atomgegner und DDR-Rentner

In den fernen achtziger Jahren war das "der schwarze Block", Antifas und Autonome. Und tatsächlich, die "Antifaschistische Aktion" ist auch da. Nur die versprengten Mitglieder von "Attac" wirken ein wenig verloren in dieser Szene aus Post-Punks, (Ex-)Hausbesetzern, Anarchos, Atomgegnern und DDR-Rentnern im zeitlosen Erich-Honecker- Beigegrau.

Kurz vor dem Aufbruch Richtung Hackescher Markt stellt eine Rednerin noch die "Systemfrage", bedankt sich bei den "so zahlreich erschienenen Leuten" und wünscht eine kämpferisch "knackige Demo".

Dann geht es los.

"Scheiß’ auf Euer Europa" gellt es aus dem Lautsprecherwagen.

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