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29.03.2007
 

Puzzleprinzip Lebenssinn

Tausche Weltanschauung gegen Lottogewinn

Von Franz Walter

Das ideologische Feuer ist bei den alternden 68ern erloschen, der Charme großer Ideensysteme längst verflogen. Die Suche nach Sinn wird heute individuell befriedigt. Was bleibt, ist der Tagtraum vom Lottogewinn.

Göttingen - "I have no Weltanschauung." Mit dieser trotzigen Bemerkung trat Günter Grass in den späten sechziger Jahren den rebellierenden Studenten entgegen, die den Autor der "Blechtrommel" mit wohlfeilen Zitaten aus den Werken von Karl Marx als üblen Reformisten brandmarkten. In der Tat, beim akademischen Nachwuchs jener Jahre herrschte an weltanschaulichem Eifer kein Mangel. Es wurde für einige Jahre üblich, sich eindeutig zu bekennen, sich ohne Wenn und Aber einer Richtung zuzuordnen, an unumstößliche Wahrheiten zu glauben.

Die Jahre sind vergangen. Seit etwa 20 Jahren ist der Charme großer Prinzipien und Ideensysteme verflogen. Seither sind die modernen Menschen in den modernen europäischen Gesellschaften pragmatisch, nüchtern und – wie sie gern von sich sagen - "lösungsorientiert". Überhaupt scheinen die Komplexitäten derart zugenommen zu haben, dass die gesellschaftliche Vielfalt nicht mehr durch die eine große Erzählung zu bändigen ist. Und daher ist sich nahezu jedermann sicher, dass sich das Zeitalter der Weltanschauungen final verabschiedet hat.

Kundige Historiker indes wissen, dass die Nekrologe auf die Ideologien über die Jahrhunderte hinweg schon häufig gehalten worden sind. Doch in schöner Regelmäßigkeit tauchten dann neue Religions- und Sinnstifter wieder auf den Markplätzen auf, um abermals erfolgreich Jünger und Propheten zu sammeln. Es mag also sein, dass der Hunger nach holistischen Erklärungen zu den anthropologischen Konstanten gehört, dass Menschen immer wieder die Welt von einem Punkt und aus einem Guss gedeutet bekommen, nicht zuletzt: Hoffnung auf Licht und Erlösungen vermittelt haben möchten.

Kurzum: Ganz auszuschließen ist es nicht, dass Ideologien eine unverzichtbare Funktion für menschliche Gesellschaften besitzen. Unzweifelhaft stiften Ideologien Gemeinschaft und Zusammenhalt, was die jeweils Einzelnen nicht voraussetzungslos können. Ideologien geben Zusammenschlüssen nicht nur Sinn und Ziel, sie weisen den Menschen dort auch Rollen und Aufgaben zu, kreieren so sichere Orte und Geborgenheiten. Ideologien weisen zudem in der Regel über den Status quo hinaus, aktivieren dadurch, mobilisieren Energien für die großen Märsche aus der defizitären Diesseitigkeit. Ganz große Aufbrüche jedenfalls sind ohne ein Minimum an ideologischer Leuchtkraft schwer vorstellbar.

Das Feindbild eingewoben

Nun standen am Ende der langen Wanderungen in die gelobten Länder der Menschheitsgeschichte bekanntlich oft genug Enttäuschungen – oder auch Schlimmeres: Ideologisch angetriebene Bewegungen pflegen nicht gutmütig mit Personen anderer Gesinnungen umzugehen; ihre Neigung zu Differenzierungen und Selbstkorrektur durch Einsicht ist denkbar gering. Ideologien ist das Feinbild quasi eingewoben. Und so münden ideologische Rivalitäten nicht selten in erbitterte politische Polarisierungen, Religionskriege oder gar doktrinäre Despotien. Die ursprüngliche Strahlkraft erschlafft oder diskreditiert sich. Dann wird wieder das Ende der Weltanschauung ausgerufen – bis eben neue Heilsprediger in die weltanschaulich entleerten Landschaften treten und Proselyten machen.

Nach Auffassung von Soziologen, Psychologen und Zukunftsforschern stehen wir unmittelbar vor einer neuen Ära der Respiritualisierung und des Sinnverlangens. Schließlich habe der Individualisierungsprozess während der letzten drei Jahrzehnte etliche Menschen einsam und bindungslos gemacht. In der Optionsgesellschaft müssen immer wieder grundlegende Entscheidungen getroffen werden, die zahlreiche Menschen angesichts des Fehlens verbindlicher Urteils- und Wertmaßstäbe regelmäßig überfordern. Die Moderne habe traditionelle Überzeugungen verschlissen und produziere im Zuge der Unterversorgung eben dadurch die vermehrte Nachfrage nach neuen, orientierungsstiftenden Identitäten, um das geistige Vakuum der postideologischen Gesellschaft zu füllen.

Werden also ausgerechnet die Jüngeren in der Republik demnächst skandieren: "I have a Weltanschauung"? Wie steht es mit dem normativen Haushalt der Menschen in Deutschland, mit ihren Sinnkonstruktionen und Lebensphilosophien? Schauen wir genauer hin, bedienen wir uns dabei der Expertise des Heidelberger Sinus-Sociovisions-Instituts und beginnen in der Tat bei den Jüngeren der bundesdeutschen Gesellschaft.

Bei Sinus firmiert diese Gruppe als "Experimentalisten". Vermutlich wird auch der Begriff "Generation Praktikum" auf viele von ihnen zutreffen. Zuweilen wird bei Liebhabern französischer Sprache und Soziologie von der "Génération Précaire" gesprochen. Auf der Suche nach der einen, großen und fixierten Weltanschauung ist diese Generation nicht. Im Gegenteil, sie scheut sich vor der verbindlichen Entscheidung, möchte sich nicht für längere Zeit festlegen, sich nicht einer exklusiven Gemeinschaft oder konsistenten Botschaft verschreiben. Diese Generation ist ziemlich rastlos unterwegs, sammelt dabei an Deutungen und Entwürfen auf, was nützlich sein könnte und setzt dann die einzelnen Partikel je nach Situation und Individualität autonom zusammen.

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