Von Franz Walter
Benutzt wird, was der mentalen Verfassung guttut; ungebraucht bleibt, was nicht in einem unmittelbar hilfreichen Bezug zur gegenwärtigen Befindlichkeit steht. Der Wert von Sinnangeboten ist somit relativ; er kann sich jederzeit ändern. Ihre Bedeutung liegt nicht in der inneren Erklärungsstringenz und philosophischen Anspruchsdichte, sondern in der - wechselhaften – Funktionalität für den Alltag des Individuums. Darin liegt der unsentimentale Pragmatismus, den man dieser Generation gerne attestiert. Doch auffällig ist, das etliche Angehörige dieser Kohorte Achtung und Bewunderung für eine andere Lebensart äußern: Für diejenige der wenigen in der Gesellschaft, die mutig Flagge zeigen, unbeirrt sich selbst treu bleiben, zu ihren Positionen trotz aller Widrigkeiten und Nachteile stehen, so also "authentisch" agieren.
Bemerkenswerterweise stößt man bei den älteren Geschwistern der "Generation Praktikum" ebenfalls auf einen solchen, ihnen eigentlich nicht unbedingt wesenseigenen Respekt. In den Sinus-Studien werden die großen Schwestern und Brüder aus den höheren Schichten der Gesellschaft als "Moderne Performer" bezeichnet. Christian Schüle hat für sie den Begriff "ICHlinge" geprägt; Florian Illies ordnet sie – und sich selbst - der "Generation Golf" zu. Es handelt sich jedenfalls um die Kohorte, die den 68ern folgte, sich schon habituell von den Ökopaxen distanzierte, Vortrupp der New Economy war und den vielzitierten Pragmatismus gewissermaßen verkörpert. Auf das vereinnahmende Autoritätsgebaren von in sich geschlossenen Weltanschauungen reagiert diese Gruppe nahezu aggressiv. Schließlich sieht man sich selbst als vielgestaltige, komplexe, wandlungsfähige Persönlichkeiten, die von einer einzigen Ethik nicht abgedeckt und repräsentiert werden können.
Die Sinnofferten in den spirituellen Regalen werden ebenfalls nach Nutzen, Brauchbarkeit und Funktionalität für den je gegebenen Moment ausgesucht, bei anderer Gelegenheit wieder verworfen, neu ersetzt. Nicht nur symbolisch ist der moderne "ICHling" der "Generation Golf" ständig auf der Reise, dockt hier, dockt dort an. Aber vielleicht gerade deshalb sind in dieser Generation und Soziallage seit einiger Zeit Ermüdungserscheinungen erkennbar. Man sucht nach sicheren Häfen, verlässlichen Geborgenheiten. Und mit einiger Faszination beobachtet man in dieser postideologischen Formation par excellence mittlerweile diejenigen, die ihre Biografie konsequent nach einem festen Prinzip durchleben, die ihren lebensgeschichtlichen roten Faden und handlungsleitenden Ethos gefunden haben.
Im konservativen Establishment, aber auch in traditionsverwurzelten Lebenswelten der "kleinen Leute" ist die Integration in eine stabile Werteordnung durchweg selbstverständlich. Hier findet man noch das klassische Motiv für weltanschauliche Unzweifelhaftigkeiten: Man bekommt in diesem System als Teil eines größeren Ganzen Platz, Aufgabe und Rolle zugeteilt, was Sicherheit, Sinn und auch Entlastung von den Mühen wie Unstetigkeiten ungebundener Freiheit bereithält. Den konservativen und traditionsverwurzelten Schichten der Bevölkerung bot (und bietet) das christlich fundierte Normensystem Halt, ließ sie Krisen und Qualen durch die Aussicht auf spätere Erlösung demütig ertragen. Und daher verstehen sie gegenwärtig die moderne Welt und Gesellschaft nicht mehr, die sich all dieser Fundamente beraubt, so dass die Individuen heillos auf sich allein zurückgeworfen sind.
Bei der 68er-Generation ist das weltanschauliche Feuer aus
In der einst so ideologiebeladenen Generation und Kultur der 68er – bei Sinus als Postmaterielle charakterisiert – ist das weltanschauliche Feuer im Zuge des Älterwerdens und beruflichen Aufstiegs mehr und mehr erloschen. Inzwischen dominiert auch dort das alte Grass’sche Motto: "We have no Weltanschauung". Von einer ernsthaften Gesellschaftskritik hat sich diese Gruppe arrivierter Akademiker mit luxushedonistischen Neigungen nahezu vollends verabschiedet. Der spirituelle Bedürfnisrest wird durch eine eklektische Auswahl jeweils originell klingender Philosophien abgedeckt. Die systemverändernden Theorien früherer Jahre sind durch melancholische Tagträume ersetzt worden. Der eine oder andere möchte deshalb auf den Spuren von Francesco Petrarca den "Heiligen Berg" der Provence besteigen, um zugleich des Mittelmeers, der Alpen und der Pyrenäen ansichtig zu werden.
Höchst weltanschaulich ging es bekanntlich über ein Jahrhundert im sozialdemokratisch organisierten Proletariat zu. Gerade die vom Marxismus entworfene Transzendenzperspektive, die Aussicht auf Befreiung in einer anderen, neuen Gesellschaft wirkte aktivierend und stabilisierend auf die deutsche Linke. Doch das alles ist zerronnen. Die unteren Schichten der deutschen Gesellschaft im Jahr 2007 wollen von Weltanschauungen und Zukunftssystemen nichts wissen. Sie leben im Hier und Jetzt, konzentrieren alle ihre Kräfte darauf, nicht noch weiter abzugleiten, unter schwierigen sozialen Bedingungen Tag für Tag durchzuhalten. Religiösen Tröstungen und ideologischen Verheißungen begegnen sie mit abgrundtiefem Misstrauen, halten diese für Betrugsmanöver der herrschenden Cliquen in Wirtschaft, Politik, Kirchen und Verbänden. Es bleibt allein der Tagtraum vom großen Lottogewinn.
Zusammen: Ein Schrei nach weltanschaulicher Orientierung tönt nicht durch die Republik. Sinn und Perspektive spielen in einigen Lebenswelten zwar unzweifelhaft eine große Rolle, aber sie werden eher individuell, situationistisch, nach Maßgabe der Alltagstauglichkeit in freier Kombination oft ganz heterogener Philosophien befriedigt. Ein wenig aber - und noch eher untergründig - ist erkennbar, dass die Individualisierung und das Puzzleprinzip des Lebenssinns an Grenzen stößt.
Die Bewunderung jedenfalls für diejenigen, die gleichsam aus einem Guss in fester innerer Überzeugung handeln, ist gestiegen. Weltanschaulich unterversorgt sind zweifelsohne die unteren Schichten. Dem gesellschaftlichen Unten fehlt, was Identitäts- und Transzendenzideen – bei allen negativen Eigenschaften und Folgen, die ihnen fraglos inne wohnen – positiv zu leisten vermögen: Sie können dazu beitragen, die Vereinzelung zu überwinden und Gruppenzusammenhänge zu formen, Veränderungsleistungen zu initiieren, Zuversicht zu spenden, Bilder für ein anderes Sein zu liefern.
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