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Puzzleprinzip Lebenssinn Tausche Weltanschauung gegen Lottogewinn

2. Teil: Von "modernen Performern", "ICHlingen" und der Unterschicht

Benutzt wird, was der mentalen Verfassung guttut; ungebraucht bleibt, was nicht in einem unmittelbar hilfreichen Bezug zur gegenwärtigen Befindlichkeit steht. Der Wert von Sinnangeboten ist somit relativ; er kann sich jederzeit ändern. Ihre Bedeutung liegt nicht in der inneren Erklärungsstringenz und philosophischen Anspruchsdichte, sondern in der - wechselhaften – Funktionalität für den Alltag des Individuums. Darin liegt der unsentimentale Pragmatismus, den man dieser Generation gerne attestiert. Doch auffällig ist, das etliche Angehörige dieser Kohorte Achtung und Bewunderung für eine andere Lebensart äußern: Für diejenige der wenigen in der Gesellschaft, die mutig Flagge zeigen, unbeirrt sich selbst treu bleiben, zu ihren Positionen trotz aller Widrigkeiten und Nachteile stehen, so also "authentisch" agieren.

Bemerkenswerterweise stößt man bei den älteren Geschwistern der "Generation Praktikum" ebenfalls auf einen solchen, ihnen eigentlich nicht unbedingt wesenseigenen Respekt. In den Sinus-Studien werden die großen Schwestern und Brüder aus den höheren Schichten der Gesellschaft als "Moderne Performer" bezeichnet. Christian Schüle hat für sie den Begriff "ICHlinge" geprägt; Florian Illies ordnet sie – und sich selbst - der "Generation Golf" zu. Es handelt sich jedenfalls um die Kohorte, die den 68ern folgte, sich schon habituell von den Ökopaxen distanzierte, Vortrupp der New Economy war und den vielzitierten Pragmatismus gewissermaßen verkörpert. Auf das vereinnahmende Autoritätsgebaren von in sich geschlossenen Weltanschauungen reagiert diese Gruppe nahezu aggressiv. Schließlich sieht man sich selbst als vielgestaltige, komplexe, wandlungsfähige Persönlichkeiten, die von einer einzigen Ethik nicht abgedeckt und repräsentiert werden können.

Die Sinnofferten in den spirituellen Regalen werden ebenfalls nach Nutzen, Brauchbarkeit und Funktionalität für den je gegebenen Moment ausgesucht, bei anderer Gelegenheit wieder verworfen, neu ersetzt. Nicht nur symbolisch ist der moderne "ICHling" der "Generation Golf" ständig auf der Reise, dockt hier, dockt dort an. Aber vielleicht gerade deshalb sind in dieser Generation und Soziallage seit einiger Zeit Ermüdungserscheinungen erkennbar. Man sucht nach sicheren Häfen, verlässlichen Geborgenheiten. Und mit einiger Faszination beobachtet man in dieser postideologischen Formation par excellence mittlerweile diejenigen, die ihre Biografie konsequent nach einem festen Prinzip durchleben, die ihren lebensgeschichtlichen roten Faden und handlungsleitenden Ethos gefunden haben.

Im konservativen Establishment, aber auch in traditionsverwurzelten Lebenswelten der "kleinen Leute" ist die Integration in eine stabile Werteordnung durchweg selbstverständlich. Hier findet man noch das klassische Motiv für weltanschauliche Unzweifelhaftigkeiten: Man bekommt in diesem System als Teil eines größeren Ganzen Platz, Aufgabe und Rolle zugeteilt, was Sicherheit, Sinn und auch Entlastung von den Mühen wie Unstetigkeiten ungebundener Freiheit bereithält. Den konservativen und traditionsverwurzelten Schichten der Bevölkerung bot (und bietet) das christlich fundierte Normensystem Halt, ließ sie Krisen und Qualen durch die Aussicht auf spätere Erlösung demütig ertragen. Und daher verstehen sie gegenwärtig die moderne Welt und Gesellschaft nicht mehr, die sich all dieser Fundamente beraubt, so dass die Individuen heillos auf sich allein zurückgeworfen sind.

Bei der 68er-Generation ist das weltanschauliche Feuer aus

In der einst so ideologiebeladenen Generation und Kultur der 68er – bei Sinus als Postmaterielle charakterisiert – ist das weltanschauliche Feuer im Zuge des Älterwerdens und beruflichen Aufstiegs mehr und mehr erloschen. Inzwischen dominiert auch dort das alte Grass’sche Motto: "We have no Weltanschauung". Von einer ernsthaften Gesellschaftskritik hat sich diese Gruppe arrivierter Akademiker mit luxushedonistischen Neigungen nahezu vollends verabschiedet. Der spirituelle Bedürfnisrest wird durch eine eklektische Auswahl jeweils originell klingender Philosophien abgedeckt. Die systemverändernden Theorien früherer Jahre sind durch melancholische Tagträume ersetzt worden. Der eine oder andere möchte deshalb auf den Spuren von Francesco Petrarca den "Heiligen Berg" der Provence besteigen, um zugleich des Mittelmeers, der Alpen und der Pyrenäen ansichtig zu werden.

Höchst weltanschaulich ging es bekanntlich über ein Jahrhundert im sozialdemokratisch organisierten Proletariat zu. Gerade die vom Marxismus entworfene Transzendenzperspektive, die Aussicht auf Befreiung in einer anderen, neuen Gesellschaft wirkte aktivierend und stabilisierend auf die deutsche Linke. Doch das alles ist zerronnen. Die unteren Schichten der deutschen Gesellschaft im Jahr 2007 wollen von Weltanschauungen und Zukunftssystemen nichts wissen. Sie leben im Hier und Jetzt, konzentrieren alle ihre Kräfte darauf, nicht noch weiter abzugleiten, unter schwierigen sozialen Bedingungen Tag für Tag durchzuhalten. Religiösen Tröstungen und ideologischen Verheißungen begegnen sie mit abgrundtiefem Misstrauen, halten diese für Betrugsmanöver der herrschenden Cliquen in Wirtschaft, Politik, Kirchen und Verbänden. Es bleibt allein der Tagtraum vom großen Lottogewinn.

Zusammen: Ein Schrei nach weltanschaulicher Orientierung tönt nicht durch die Republik. Sinn und Perspektive spielen in einigen Lebenswelten zwar unzweifelhaft eine große Rolle, aber sie werden eher individuell, situationistisch, nach Maßgabe der Alltagstauglichkeit in freier Kombination oft ganz heterogener Philosophien befriedigt. Ein wenig aber - und noch eher untergründig - ist erkennbar, dass die Individualisierung und das Puzzleprinzip des Lebenssinns an Grenzen stößt.

Die Bewunderung jedenfalls für diejenigen, die gleichsam aus einem Guss in fester innerer Überzeugung handeln, ist gestiegen. Weltanschaulich unterversorgt sind zweifelsohne die unteren Schichten. Dem gesellschaftlichen Unten fehlt, was Identitäts- und Transzendenzideen – bei allen negativen Eigenschaften und Folgen, die ihnen fraglos inne wohnen – positiv zu leisten vermögen: Sie können dazu beitragen, die Vereinzelung zu überwinden und Gruppenzusammenhänge zu formen, Veränderungsleistungen zu initiieren, Zuversicht zu spenden, Bilder für ein anderes Sein zu liefern.

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In einer ein paar Jahre alten Süddeutschen Zeitung wurde in einem großen Artikel über das Patent- und Erfindungswesen in Deutschland berichtet. Schon damals wurden 97% aller Patente nie genutzt. Patente scheinen demnach nicht mehr [...]
In einer ein paar Jahre alten Süddeutschen Zeitung wurde in einem großen Artikel über das Patent- und Erfindungswesen in Deutschland berichtet. Schon damals wurden 97% aller Patente nie genutzt. Patente scheinen demnach nicht mehr dem Fortschritt, sondern vielmehr der Fortschritsverhinderung zu dienen. Man investiert in teure Patente, um noch teurere Investitionen in Besseres vermeiden zu können. Es geht schließlich nicht um Fortschritt, sondern um zu maximierende Gewinne. Nicht in ferner Zukunft, sondern möglichst sofort. Derart visionslos und ausschließlich am hier und jetzt interessiert macht man es der Konkurrenz leicht, besser zu werden und verliert damit gleichzeitig den Anschluss an die Weltwirtschaft.
Kurt2 29.03.2007
Es ist wie in der Politik. Die Zeit der Mittelmäßigkeit. ....und nichts ist am Horizont erkennbar.
Zitat von sysopHaben sich die Intellektuellen weit gehend aus der Entwicklung von Entwürfen für Gesellschaft, Politik und Philosophie abgemeldet? Gibt es keine diskussionswürdigen Visionen mehr?
Es ist wie in der Politik. Die Zeit der Mittelmäßigkeit. ....und nichts ist am Horizont erkennbar.
abcbw 29.03.2007
im Reich der Blinden benötigt man keine Visionäre, der (politisch)Einäugige fürchtet den Visionär .., um das bekannte Sprichwort abzuwandeln.
Zitat von sysopHat der Autor Recht: Haben sich die Intellektuellen weit gehend aus der Entwicklung von Entwürfen für Gesellschaft, Politik und Philosophie abgemeldet? Gibt es keine diskussionswürdigen Visionen mehr? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,474452,00.html
im Reich der Blinden benötigt man keine Visionäre, der (politisch)Einäugige fürchtet den Visionär .., um das bekannte Sprichwort abzuwandeln.
SaT 29.03.2007
Die Frage ist wer „die Intellektuellen“ sind? Laut Franz Walter wohl mal wieder die linksliberalen 68 – als gäbe es keine konservativen Intellektuelle. Wie auch immer, linke Visionen die sich hauptsächlich auf das Wirtschaften [...]
Die Frage ist wer „die Intellektuellen“ sind? Laut Franz Walter wohl mal wieder die linksliberalen 68 – als gäbe es keine konservativen Intellektuelle. Wie auch immer, linke Visionen die sich hauptsächlich auf das Wirtschaften bezogen gehören glücklicherweise der Vergangenheit an. Das liegt hauptsächlich daran, dass im letzten Jahrhundert die sozialistische Planwirtschaft grandios scheiterte. Kaum lohnt es sich noch auf die Unfähigkeit vom Staat geplanter Unternehmen hinzuweisen, wir kenne ja die Bundesbahn oder die „Agentur für Arbeit“. Trotzdem kann ich nicht so ohne weiters in das Loblied für die freie Marktwirtschaft einstimmen. Aus der anfänglich gesunden Konkurrenz entwickelt sich immer mehr ein gnadenloser Wettkampf wobei die Gesundheit und Freizeit der Menschen (wir haben zwar recht viel Freizeit, doch werden wir pausenlos durch aggressive Werbung dazu angehalten diese mit Konsumieren zu verbringen), die Umwelt und der Zusammenhalt der Gesellschaft auf der Stecke zu bleiben droht. Auch wird in der Marktwirtschaft nach meiner Ansicht zu wenig Grundlagenforschung betrieben. Insofern sehe ich auch kein Sieg neoliberaler Visionen. Die eigentliche Lehre aus dem letzten Jahrhundert lautet: keine Ideologien – weder sozialistisch, noch nationalistisch, religiös aber auch eben keine liberale. Die Staatskunst sollte darin bestehen den gesunden Mittelweg zwischen diesen Ideologien zu finden. Ich denke aber, Visionen sind nicht mit Ideologien gleich zusetzten. Vernünftige nichtideologische Visionen wie wir das Zusammenleben der Menschen und den Umgang mit der Umwelt besser regeln können sind heute wichtiger denn je. Wir sollten Visionen entwickeln, wo die Menschheit in sagen wir mal 100 Jahren stehen soll. Wird es eine Menschheit sein, die sich nur selbst berieselt oder eine die das Weltall, die tiefen der Meere und andere unbekannte Regionen erobert bzw erforscht? Werden wir unverändert immer gleich bleiben, womöglich auch immer weiter degenerieren oder uns Richtung Cyborg oder auch genetisch weiterentwicklen? Wie auch immer die Menschheit der Zukunft aussieht, die Weichen werden heute von uns gestellt - egal ob wir dies bewusst oder unbewusst tun.
E. Bär 29.03.2007
Der heute dominante Glaube ist der Glaube an die Wundertätigkeit des Marktes, und an Gläubigen, vor allem in den oberen Etagen der Gesellschaft, herrscht kein Mangel. Ich finde das erschreckend - nicht, weil ich diesen [...]
Zitat von sysopHat der Autor Recht: Haben sich die Intellektuellen weit gehend aus der Entwicklung von Entwürfen für Gesellschaft, Politik und Philosophie abgemeldet? Gibt es keine diskussionswürdigen Visionen mehr? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,474452,00.html
Der heute dominante Glaube ist der Glaube an die Wundertätigkeit des Marktes, und an Gläubigen, vor allem in den oberen Etagen der Gesellschaft, herrscht kein Mangel. Ich finde das erschreckend - nicht, weil ich diesen Wunderglauben nicht teile, sondern weil der Glaube an eine Art naturgesetzliche Wundertätigkeit an die Stelle menschlichen Planens, Handelns und Hoffens tritt. Es ist so etwas wie eine Kapitulation. Der leere Raum, der hier entsteht, ist jedoch nicht das Reich anarchischer Phantasie, sondern Herrschaft wird nur maskiert, denn natürlich ist "der Markt" Ausdruck planenden Handelns.
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