Von Tobias Kaufmann
In Deutschland zeugen zudem gerade diejenigen zu wenige Kinder, die sie sich leisten könnten. Schuld daran ist, so Bernd Ulrich 2005 in der "Zeit", eine "bedrückende Lebensängstlichkeit, die nicht im Materiellen wurzelt." Die These wird inzwischen vom Ergebnis der rund 20.000 Tiefeninterviews gestützt, die das Kölner Forschungsinstitut "Rheingold" geführt hat. Sie belegen den Eindruck einer "gelähmten Nation". Vor lauter Angst, wir könnten draußen vom Regen überrascht werden, bleiben wir Deutschen drinnen sitzen. Das Leben aber spielt draußen.
Männer werden merkwürdig, wenn sie sich in moderne Väter verwandeln
Und zum Leben gehören nun mal Kinder. Es ist sicher richtig, dass es kaum Krippenplätze in Westdeutschland gibt, mangelnde Möglichkeiten für Frauen, Kind und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Aber dieses Problem haben die USA in viel schärferer Form - trotzdem bekommen die Amerikaner deutlich mehr Kinder als wir. Wer je mit Kindern in einem Restaurant in den USA war, ahnt, woran das liegen könnte: Die Amerikaner mögen Kinder. In Deutschland dagegen genießen kleine Menschen ein schlechteres Ansehen als große Hunde. Doch Gesellschaften, die emotional nicht vollkommen degeneriert sind, tolerieren Kinder nicht nur, sie setzen ihre Hoffnungen in sie - sie geben sogar öffentlich mit ihnen an.
Sicher, gerade Männer werden etwas merkwürdig, wenn sie sich in die Spezies "moderner Vater" verwandeln. Sie werden peinliche Beschützer, die morgens feststellen, dass auf dem Hemd von gestern ein Bäuerchen-Fleck ist - und es genau deshalb noch mal anziehen. Sie haben das Kicken und die Kneipen aufgegeben, zumindest vorübergehend, und stehen morgens extra eine Stunde früher auf, um vor der Arbeit noch ihr Baby anziehen und füttern zu können. Zu diesem Klub gehöre ich. Aber ich sehe nicht ein, warum mir das peinlich sein sollte.
Eine Errungenschaft der freien Welt ist, dass Frauen wie Männer die Möglichkeit haben, sich der "Zeugungspflicht" zu entziehen, egal warum. Weder moralische Zeigefinger noch Geschenke und Geschlechterdebatten sollen oder können das ändern. Trotzdem braucht eine Gesellschaft, die vital sein möchte, eine Mindestzahl von Menschen, die sich für Kinder entscheiden. Dass diese Zahl derzeit nicht erreicht wird, liegt nicht an falschen Männer- oder Frauenrollenbildern. Schuld ist unser Kinderbild.
Niemand sehnt sich danach, ein Produkt im Haus zu haben, das ein vollkommen mieses Image hat. Warum sollte das ausgerechnet bei etwas so grundlegendem wie Kindern anders sein? Doch gerade dieses Produkt hätte es verdient, dass man endlich mal positiv über es debattiert, statt darüber, wie man all das Negative abfangen kann, was mit ihm verbunden ist.
Für meine Entscheidung, Kinder in die Welt zu setzen, möchte ich weder einen Orden noch Geld. Meine Töchter sind Belohnung genug, obwohl sie die Nebenwirkung haben, dass ich manchmal nachts wach liege vor lauter Existenzangst. Wer erleben will, wie wunderbar es ist, demütig zu sein, unindividuell, verletzlich, der muss Kinder haben. Sie sind das Beste, was einem Menschen passieren kann. So wie das kleine Mädchen, das mich anstrahlt, mich in den Arm nimmt und "Mein Papi" sagt, wenn ich nach Hause komme. Die abgeklärten Kinderlosen mögen das kitschig finden, aber richtig ist es doch: Nicht Geld fehlt in diesem Land, sondern Liebe.
Tobias Kaufmann, Jahrgang 1976, ist Redakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger und Vater von drei Töchtern. Soeben ist zum Thema sein "Trostbuch für versklavte Eltern" erschienen: "Die kleine Chefin", Eichborn, März 2007, 9.95 Euro.
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