Von Carsten Volkery
Berlin - Kurt Becks Pechsträhne will einfach kein Ende nehmen. Erst gerät der SPD-Chef mit Äußerungen zu Raketenabwehr und Taliban in die Schlagzeilen und muss sich als "Hobby-Außenpolitiker" verspotten lassen. Dann ziehen die Kommentatoren zum ersten Jahrestag seines Amtsantritts eine überaus kritische Bilanz und schwelgen in Platzeck-Nostalgie.
Und nun auch das noch.
Zwei Drittel der Deutschen wissen nach Becks erstem Jahr an der Parteispitze nicht, wer SPD-Chef ist. Das ergibt eine Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern". Viele Deutsche halten immer noch Franz Müntefering für den obersten Sozialdemokraten, fast die Hälfte tappt völlig im Dunkeln.
Die Umfrage rundet den Eindruck ab, der SPD-Vorsitzende quäle sich auf einer Durststrecke, deren Ende noch nicht in Sicht ist. Nichts will gelingen, seine Vorstöße verhallen wirkungslos, die Partei verharrt im Umfragetief. Als Gipfel der Demütigung musste sich Beck heute obendrein noch Ratschläge von Henrico Frank erteilen lassen - jenem Arbeitslosen, dem er im Dezember auf einem Weihnachtsmarkt Rasiertipps gegeben hatte.
Frank, inzwischen bei einem Radiosender als Punk-Experte beschäftigt, sagte der "Financial Times Deutschland": "Natürlich könnte ich Herrn Beck ebenfalls nahelegen, sich zu rasieren. Aber das verlange ich nicht von ihm." Man habe ja gesehen, dass man auch mit Bart einen Job finde, fügte Frank hinzu. Beck könne allerdings gemeinsam mit ihm eine CD produzieren und anschließend in einem Musikvideo auftreten. "Danach würden wir ihn auch in unseren Sender einladen. Das würde zeigen, dass er humorvoll ist", sagte Frank.
SPD: Beck ist bestens bekannt
Die SPD-Führung stemmt sich nach Kräften gegen das Verlierer-Image, das sich zu verfestigen droht. Franks Revanche wurde ignoriert, die Forsa-Umfrage erklärte Generalsekretär Hubertus Heil flugs zur Ente: Fragestellung und Interpretation der Daten seien fragwürdig. "Nach allen anderen Umfragen genießt Kurt Beck etwas, was vielen Politikern nicht zugeschrieben wird: Glaubwürdigkeit", sagte Heil. Als Beispiel für eine gelungene Umfrage zitierte der Generalsekretär den jüngsten Deutschlandtrend von infratest dimap im Auftrag der ARD: Demnach ist Beck bei 86 Prozent der Wahlberechtigten bekannt.
Laut der Forsa-Umfrage wissen dagegen nur 35 Prozent der Deutschen, dass Beck an der Spitze der SPD steht. Das hielt allerdings 39 Prozent der Befragten nicht davon ab, die Arbeit des großen Unbekannten mit "gut" zu bewerten. 33 Prozent hielten sie für "weniger gut oder schlecht". Von den Anhängern der Sozialdemokraten fanden sogar 47 Prozent die Arbeit ihres Vorsitzenden "gut".
In der Partei schrillen angesichts der schlechten Bekanntheitswerte noch nicht die Alarmglocken. Die Umfrage sei auch das Ergebnis der kritischen Beck-Berichte der vergangenen Wochen, sagt ein SPD-Abgeordneter. "Das wird die Partei nicht beeindrucken".
Becks Mätzchen im Schatten von "Knut" Merkel
Allerdings hinterlässt die ständige Kritik am Frontmann ihre Spuren. "Natürlich sind die Leute nervös", sagt ein Genosse. Insbesondere Becks Äußerungen über die "gemäßigten Taliban" wurden als verunglückt empfunden, andere Vorstöße als halbherzig wahrgenommen. Die Wirkung der Beck-Diskussion in den Medien ist aber bisher durch die Osterferien gedämpft. Erst in zwei Wochen geht der Berliner Betrieb wieder richtig los.
Doch selbst wenn die Zweifel an Becks Führungsqualitäten und Profil bis dahin andauern: Als Parteichef und Kanzlerkandidat bleibt der Mainzer unumstritten - und zwar schon allein deshalb, weil es keine Alternative gibt. "Wie sagt Beck so schön: Man kann nur mit den Mädchen tanzen, die auf der Kirchweih sind", witzelt ein Berliner Sozialdemokrat.
Beck habe mit der Neubegründung der Mittelschichten durchaus das richtige Thema angeschnitten, sagt ein führender Vertreter des linken Parteiflügels. Aber die anständige Mittelschicht bloß zu verkörpern, reiche nicht aus. "Dieses Profil muss er in der Programmdebatte noch zuspitzen und erweitern", fordert er. Die Programmdebatte allerdings liegt Beck nicht so wie seinem Vorgänger Platzeck, der den Begriff des "vorsorgenden Sozialstaats" geprägt hatte.
Die meisten Sozialdemokraten machen sich keine Illusionen. Ein Visionär werde Beck nicht mehr werden, sagt einer. Aber immerhin sei er "ein ausgesprochen gefährlicher Wahlkämpfer". Beck sei in Wahlkämpfen immer gut, Merkel hingegen schlecht. Der Glaube an die eigenen Wahlkampfqualitäten scheint bisweilen der einzige Trost der SPD zu sein.
Vom Parteichef wird für die nächsten Monate ein klarerer Kurs erwartet. "Beck muss aufpassen, dass er nicht das Schicksal des Kragenbären neben Knut erleidet", sagt ein Abgeordneter. "Er sollte nicht zu viele Mätzchen machen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Dann wird er irgendwann nicht mehr ernstgenommen".
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