Von Michael Schlieben
Lafontaine gab einen durchaus unterhaltsamen, unkonventionellen Kanzlerkandidaten. Mit zerzausten Haaren, schriller Krawatte und offenem Hemd war er ein anderer Anwärter-Typ als seine Vorgänger Vogel und Rau. Letztlich aber verfestigte sich vor allem ein anderes Bild: das des ignoranten, unreifen Wahlkämpfers. Denn auch Lafontaines größter Fehler, wie er ihn selbst rückblickend nennt, hängt mit diesem Vorwurf der mangelnden Reife zusammen. Er unterlief ihm in einer psychologischen Extremsituation: Die SPD verfügte 1990, zeitweilig, über eine Blockade-Mehrheit im Bundesrat. So kam es, dass der Staatsvertrag, der die Kompetenzen der DDR aufheben sollte, in ihrer Hand lag. Lafontaine litt zu dieser Zeit an den Folgen eines Attentats, das eine psychisch gestörte Frau auf ihn verübt hatte. Für einige Wochen ans Bett gefesselt, gab er dennoch dem SPIEGEL ein Interview, in dem er seiner Partei zu einer Doppelstrategie riet: Im Bundestag sollte sie den Staatsvertrag aus symbolischen Gründen ablehnen, im Bundesrat aber aus staatspolitischer Räson durchwinken.
Für seine Kandidatur war das der Genickbruch, sofort setzte ein nationaler Aufschrei ein: Die Springerblätter und die "Zeit" rieten der SPD zum Kandidatenwechsel; ostdeutsche Intellektuelle äußerten sich bestürzt über die Verrohung der westdeutschen Demokratie-Sitten. Am gravierendsten: Bei den persönlichen Popularitätswerten erlitt Lafontaine in diesem Monat einen bundesweiten, einzigartigen Einbruch.
Es war eine verfahrene Situation. Lafontaines Forderung offenbarte einzig die Zerrissenheit der SPD. Sie brachte faktisch nichts ein, sondern nur wichtige Parteiorgane gegen den Kanzlerkandidaten auf. Und so vereinsamte der frühere Partei-Rebell an der Spitze; ein Kompetenzteam oder Schattenkabinett benannte er erst gar nicht. Darauf angesprochen, fragte er später lakonisch zurück: "Wen hätte ich aufstellen sollen?" Etwa, so könnte man weiterfragen, die Spitzenpolitiker der Bundestagsfraktion, die Papiere verbreiteten, die seine Vorgaben konterkarierten? Oder die Altvorderen, die er früher verhöhnt hatte, die ihn nun kritisierten? Oder gar die prominenten Ost-Politiker, die ihn für einen verrückten Postmaterialisten hielten, und deren Treffen er mied? Nein, Lafontaine wusste, dass er sich verrannt hatte - mit seiner Niederlage fand er sich frühzeitig ab: Gegenüber Journalisten beschönigte er seine Lage nicht, sondern bezeichnete sich selbst als "wahrscheinlichen Verlierer", dem die Kandidatur "aufgenötigt" worden sei.
Helmut Kohl dagegen erlebte in diesem Wahlkampf seinen absoluten Zenit. Nie wieder verfügte er über solch Ansehen und tatsächliche Gestaltungsmacht wie im Einheitsjahr. Alte Schwächen erfuhren eine ins Positive gewandelte Bewertung. Plötzlich philosophierten die Feuilletonisten über eine "Kultur des Aussitzens"; selbst der SPIEGEL – für Kohl an sich ein Magazin des "Kampfjournalismus" – war voll des Lobes. Lafontaine indes, dessen Aufstieg nicht ohne die Medien denkbar gewesen wäre, verlor mit dem veränderten Meinungsklima die Presse, die "linke" zumal, als Unterstützerorgan. Er erfuhr, wie eine Langzeitstudie nachwies, eine für einen Kanzlerkandidaten "historisch negative Bewertung in der Presse", deren Berichterstattung wegen der parallelen Staatsereignisse ohnehin wenig personalisiert war.
Und so verlief der eigentliche Wahlkampf nicht besonders spannend. Der Amtsinhaber ignorierte seinen Herausforderer, er erwähnte ihn namentlich nie und überließ es anderen, ihm zu antworten. Am Tag der Deutschen Einheit, zwei Monate vor der Bundestagswahl vom 2. Dezember 1990, führte die Union in Meinungsumfragen mit zweistelligem Vorsprung vor der SPD. Auch weil die FDP sich frühzeitig zu einer Fortsetzung der einheitsstiftenden Regierungskoalition bekannte, war Lafontaines Niederlage absehbar.
Für ihn war es die erste bedeutsame Niederlage. Sein Nimbus litt darunter, nicht allerdings seine Karriere. Im Gegenteil, anders als fast alle anderen gescheiterten Kanzlerkandidaten stieg Lafontaine nach der missglückten Kandidatur noch bis zum Vorsitzenden seiner Partei auf. Vermutlich lernte er ja tatsächlich aus der Niederlage gegen Helmut Kohl: Lafontaine wurde für einige Jahre hochgradig Partei-kompatibel. Denn, war nicht ausgerechnet er derjenige, der später die entscheidende Integrationsarbeit für den Machtwechsel leistete, der 1998 als Garant sozialdemokratischer Werte galt? Dass er allerdings wenige Monate später von allen Ämtern zurücktrat, zur "Bild"-Zeitung, dann zur Linkspartei wechselte, offenbarte, ein ums andere Mal mehr, die Widerspenstigkeit, die Eitelkeit und auch die Gebrochenheit Oskar Lafontaines.
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