Von Sebastian Fischer und Severin Weiland
Dass Oettinger ausgerechnet Rohrmosers einstigen Assistenten Grimminger mit der Konzeption der Filbinger-Trauerrede betraute - das mag auch der Versuch gewesen sein, sich konservative Sporen zu verdienen.
Denn Baden-Württembergs CDU gilt als äußerst traditionell und konservativ. So war der umstrittene Filbinger in dieser Christenunion bis zuletzt eine anerkannte Größe und hatte seine Auftritte auf Parteitagen. Nach Aufdeckung seiner Richterzeit während des Nationalsozialismus und dem folgenden Amtsverlust 1978 gründete Filbinger das "Studienzentrum Weikersheim" als "Antwort auf die so genannte Kulturrevolution der sechziger Jahre".
In dessen Präsidium sitzen heute stramme Konservative wie Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) oder Philipp Jenninger (CDU), der 1988 wegen einer missverständlich betonten Rede über die NS-Zeit als Präsident des Bundestags zurücktreten musste.
Mitglieder von Baden-Württembergs Landesregierung, zum Beispiel der frühere Ministerpräsident Teufel, sind immer gern zu Vorträgen angereist. Nur Oettinger hielt bisher auf Abstand. Weggefährten aus der CDU wundern sich deshalb besonders über die Trauerrede: "Ich war überrascht von seiner Positionierung", sagt einer.
Möglicherweise wollte Oettinger mit seiner Rede den eigenen CDU-Fraktionsvorsitzenden Stefan Mappus auskontern. Der jung-agile 41-Jährige, einst politischer Ziehsohn von Erwin Teufel, hat sich mit einer betont konservativen Positionierung im Blitztempo an Platz zwei der Landes-CDU geschoben. Immer wieder geht er auf Konfrontationskurs zu Oettinger. So positionierte er zum Beispiel die CDU-Fraktion zuletzt beim Thema Ladenschluss gegen den eigenen Ministerpräsidenten. Oettinger wollte weitergehende Liberalisierungen. Und scheiterte.
"Gute Piloten starten gegen den Wind"
Als Oettinger nach der Landtagswahl im März 2006 in Sondierungsgesprächen mit den sehr willigen Grünen eine Koalition auslotete, grätschte der in Stuttgart als "Grünen-Fresser" bekannte Mappus dazwischen und sprach sich gegen ein solches Bündnis aus. Im vergangenen Oktober schloss Mappus eine schwarz-grüne Koalition erneut "auf absehbare Zeit" aus.
Stefan Mappus macht Oettinger die Handlungsspielräume eng. Und er scheint mehr zu wollen. "Gute Piloten starten gegen den Wind", hat er einmal im Interview der "Stuttgarter Zeitung" gesagt. Denn da sei "der Auftrieb am stärksten".
Mag also sein, dass Oettinger dem vorbeugen wollte, indem er sein politisches Portefeuille mit konservativen Elementen komplettiert. Doch genau daran könnte er scheitern.
Die Trauerrede auf Filbinger war zwar wohlüberlegt, doch könnte Oettinger von der überbordenden Reaktion im schlimmsten Fall aus dem Amt gespült werden. Eilig wurde heute schon der Regierungssprecher aus dem Osterurlaub nach Stuttgart zurück beordert. Oettingers Strategen basteln zur Stunde mit Hochdruck an einer adäquaten Vorwärtsverteidigung.
Am späten Freitag Nachmittag räumte Oettingers Staatsministerium noch das Gerücht ab, der Ministerpräsident habe die Rede frühestens auf der Fahrt zur Trauerfeier das erste Mal gelesen. Stattdessen sei sie in enger Abstimmung mit Oettinger entstanden, der auch die Schwerpunkte vorgegeben habe, so ein Sprecher. Noch am Dienstagabend habe der Ministerpräsident historische Details aus der Nachkriegszeit recherchieren lassen.
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