Spießbürgerliches Unverhältnis zur Vergangenheit
Im letzten Satz des öffentlichen Formbriefes an seine Kritiker nimmt Günther Oettinger "die Gebrüder Graf von Stauffenberg" als Vorbilder in Anspruch. Die kuriose Formulierung komplettiert das Bild eines spießbürgerlichen Unverhältnisses zur Vergangenheit: Im Goldrähmchen über dem christdemokratischen Ohrensessel hängen neben den Gebrüdern Grimm die Gebrüder Grafen Claus und Berthold. Die in unserem Kulturbürgerkreis anzutreffende Meinung, die Rede von den Gebrüdern Grimm sei falsch, weil als Gebrüder nur die Brüder firmieren, die gemeinsam ein Gewerbe betreiben, hat der Historiker Hermann Heimpel in einer Miszelle zurückgewiesen: Tatsächlich hätten Jacob und Wilhelm Grimm eine wirtschaftliche Gemeinschaft gebildet, als Unternehmer des Geistes. Zu Günther Oettinger, dem Mustermann wirtschaftsliberaler Gesinnung, passt es jedenfalls, den Widerstand als Gewerbe zu betrachten. Unter dem Namensschild eines schwäbischen Grafengeschlechts, mit Hans Filbinger als stillem Teilhaber, markiert es heute noch einen Standortvorteil für Baden-Württemberg.
Auch Berthold Graf Schenk von Stauffenberg war Marinestabsrichter. Filbingers Verteidiger führen an, er sei ohne sein Wissen von Stauffenberg, dem Völkerrechtsreferenten im Oberkommando der Marine, und Karl Sack, dem Chef des Heeresgerichtswesens, für eine Verwendung nach dem 20. Juli vorgeschlagen worden mit Berufung auf seine "antinationalsozialistische Grundsatztreue und Loyalität". Dass dieser Prognose in Filbingers tatsächlichem Lebenslauf keine Widerstandshandlungen entsprechen, widerlegt die Beurteilung zwar nicht und macht Filbinger nicht zum fanatischen Nazi aus Hochhuths Legende. Aber zum Gegner konnte Oettinger ihn nur erklären, indem er die zugeschriebene Gesinnung für die unterlassene Handlung nahm und die Handlungen, die Filbinger in den letzten Kriegswochen in Loyalität zum obersten Kriegsherrn tatsächlich vollzog, mit den beschönigenden Formeln vertuschte, die Filbinger selbst ausgegeben hatte.
Was Oettinger nicht begriffen hat
Allen Tadel verbittet sich Oettinger mit dem Verweis auf seine "innere Haltung". Er hat gar nicht begriffen, dass der Protest an Äußerlichkeiten Anstoß nimmt wie der Tatsache, dass er im entscheidenden Punkt der Todesurteile Wort für Wort abgelesen hat, was Filbinger ins Internet stellen ließ. Filbinger ist keine Handlung zum Verhängnis geworden, sondern seine demonstrative Uneinsichtigkeit, die äußere Haltung, die er von 1978 bis zu seinem Tod wahrte. Nach diesem Muster wird, was ein selbst in der deutschen Geschichte einzigartiges Beispiel mimetischer Nibelungentreue darstellt, im Fall Oettinger die Rede von der NS-Gegnerschaft kraft innerer Haltung zur unbezweifelbaren Unverfrorenheit durch die Verstocktheit der Selbstrechtfertigung.
Das Einzige, was den wirklichen Gegnern des NS-Regimes blieb, war die Hoffnung, von der Nachwelt nicht mit den anderen verwechselt zu werden. Allein deshalb haben die Brüder Stauffenberg eine aussichtslose Tat unternommen. Zu zeigen, dass es auch anders ging - dafür sind sie über die Grenze gegangen. Oettinger hat alles getan, diese Grenze zu verwischen.
Dieser Beitrag erschien heute in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Essay mit freundlicher Genehmigung.
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