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16.04.2007
 

Feminismus-Streitschrift

FDP will mit Rabenmüttern punkten

Von Jörg Oberwittler

Die FDP klinkt sich in die schwelende Kinderbetreuungsdebatte ein: Silvana Koch-Mehrin, stellvertretende FDP-Chefin im Europäischen Parlament, gibt die Anti-Eva-Herman und fordert in ihrem neuesten Buch eine "Rabenmütter-Bewegung" - mit dem Segen der Parteiführung.

Berlin – Auftritt Silvana Koch-Mehrin: Mit ihrer Körpergröße überragt die 36-jährige FDP-Politikerin alle anwesenden Frauen. Der strahlend weiße Hosenanzug trägt sein Übriges dazu bei. Im Vorfeld flüstern sich leise Verlagsmitarbeiter zu: "Wir haben gerade gestaunt, wie toll die Emotion-Fotos geworden sind." Eine Anspielung auf eine Fotoserie in einer Zeitschrift, die vor der Veröffentlichung eingefädelt worden ist.

FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin: Bekennende Rabenmutter
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DPA

FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin: Bekennende Rabenmutter

Koch-Mehrin lächelt tapfer ins Blitzlichtgewitter, hält ihr Buch mit dem Titel "Schwestern" in die Kameras und legt es schnell wieder nach unten. Fast scheint ihr der PR-Rummel unangenehm zu sein. Dabei präsentiert sich das Werk laut Untertitel als "Streitschrift für einen neuen Feminismus".

Kein Wunder, dass Moderator Claus Strunz, Chefredakteur der "Bild am Sonntag", daher, wie er bekennt, den "großen Frauenversteher" mimt, "gestählt" durch die eigene Bilanz an wichtigen Frauen in seinem Leben, angefangen von Verlegerin Friede Springer bis hin zu seiner Gattin. Er liest das Buch als untaktisch geschriebenen "Einblick ins Privatleben" einer Vollblutpolitikerin und zweifachen Mutter - womit er falsch liegt.

Mitnichten ist die Schrift eine 219 Seiten lange Home-Story. Viel eher scheint hier der verspätete Versuch einer in die Bredouille geratenen FDP durch, die verschlafene Debatte um Kindererziehung, Krippenplätze und Frauenpolitik mit einer eigenen, liberalen Ursula von der Leyen zu besetzen und auf diese Weise beim bürgerlichen Wahlvolk zu punkten.

Rabenmütter statt Heimchen-am-Herd

Die zentrale Botschaft aus Koch-Mehrins Feder lautet dabei: "Wir brauchen einen neuen Feminismus: eine Rabenmütter-Bewegung". Rabenmütter würden ihre Kinder aktiv ins Leben schubsen und sie nicht überbehüten. Hinter dem ironisch aufgeladenen Schlagwort steht überdies der Kerngedanke, Berufstätigkeit und Kinder erfolgreich unter einen Hut zu kriegen, ohne dabei stigmatisiert zu werden. Damit will Koch-Mehrin dem Retro-Trend "Frauen zurück an den Herd" einer Eva Hermann oder eines Bischofs Mixa (Stichwort "Gebärmaschinen") ihre liberalen Ideen von Kindererziehung entgegensetzen.

Und so liegt Strunz richtig, wenn er lobt, dass Koch-Mehrin anhand konkreter Beispiele die am eigenen Leib erfahrenen Probleme rund um Babypause, Krippenplätze und Karriereknick verarbeitet. Denn im Gegensatz zu Bischof Mixa und Herman, die eine Heimchen-am-Herd-Welt predigt, die sie selbst nicht vorgelebt hat, leitet Koch-Mehrin ihre Thesen aus dieser erlebten Wirklichkeit ab.

Einträchtig harmonisieren diese Forderungen mit den liberalen Leitsätzen der gelben Partei: mehr persönliche Freiheit durch bessere Wahlmöglichkeiten, mehr Gleichberechtigung für junge Mütter und Väter. Wer glaubt, hier schieße eine zweite Thea Dorn mit einer kontroversen Schrift gegen die eigene Männerriege in der FDP-Spitze, die sich zum Beispiel immer noch mit Nachdruck für das Ehegatten-Splitting einsetzt, wird allerdings enttäuscht.

FDP-Spitze strich missverständliche Passage

Das fertige Manuskript sei zum Abnicken auf dem Tisch des Parteivorsitzenden Guido Westerwelle gelandet, gibt Koch-Mehrin zu. Er habe das Buch zwar nicht zensiert, seine Vorstellungen seien allerdings eingeflossen. So ließ sich Koch-Mehrin zum Beispiel die im Falle Westerwelles missverständliche Äußerung "Auch Männer können Schwestern sein" rausstreichen. Dabei ist dies gerade einer der Kernsätze in ihrem Buch. Auch für Männer sei es von Vorteil, wenn die Kinderbetreuung verbessert und etwas gegen die Stigmatisierung von berufstätigen Frauen getan würde.

Ambitionen auf den Posten als künftige Familienbeauftragte der FDP verfolgt Koch-Mehrin hingegen nicht. Sie sei sehr glücklich in Brüssel, zumal sie dort auch an Gesetzen mitarbeiten kann, da Opposition und Regierung auf europäischer Ebene nicht wie in Deutschland getrennt sind. "Ich sehe meine Zukunft weiterhin in Brüssel", sagt sie am Ende ihrer auffällig kurzen Stellungnahme zum eigenen Buch, an dem sie immerhin einige Monate zusammen mit einer Ghostwriterin geschrieben hat.

Die Frage "Wie bekommen Sie das hin mit Beruf und Familie?" bleibt ihr am heutigen Tag erspart. Dennoch steht auch bei dieser Veranstaltung am Ende das Bekenntnis, wie die zwei Töchter während der Arbeitszeit untergebracht sind: "Bei den Großeltern und später am Nachmittag bei meinem Mann", sagt Koch-Mehrin. Die promovierte Volkswirtin und Unternehmensberaterin pflegt auf diese Frage sowieso nur noch mit einer spitzen Nachfrage zu antworten: "Das 'Sie' ist wohl im Plural gemeint?" Dabei weiß sie nur zu gut, dass dies eher selten der Fall ist. Mit ein Grund, warum ihr die Streitschrift auf dem Herzen lag.

Letztlich kann sie daher den "bräunlich-welken" Ansichten Hermanns und "altbackenen Thesen" Mixas auch etwas Positives abgewinnen: Die Diskussion um Kindererziehung sei damit in Deutschland auf dem Tisch. Mit Silvana Koch-Mehrin spielt nun auch die FDP wieder mit.

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