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27.04.2007
 

Michael Naumann

"Ich bin kein Proletarierjunge"

Michael Naumann ist der neue Hoffnungsträger der Hamburger SPD. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Seiteneinsteiger über seinen "fröhlichen Lernprozess" in der Lokalpolitik, seinen Ruf als Schöngeist und schlechte Scherze der "Bild"-Zeitung.

SPIEGEL ONLINE: Sie rauchen ja schon wieder. Dabei hatten Sie in Ihrer Bewerbungsrede doch versprochen aufzuhören.

Naumann: Leider wahr. Ich habe zwei Tage nach dem Parteitag wieder angefangen. Ich rauche einfach gerne - genau wie Helmut Schmidt. Aber ich habe oft schon wieder aufgehört. Einmal habe ich sogar 24 Jahre ohne Zigarette geschafft.

Michael Naumann, 65, war Journalist (SPIEGEL, "Zeit"), Verleger (Rowohlt), Kulturminister (Rot-Grün) und Herausgeber (Zeit). Im März wurde er von der Hamburger SPD zum Herausforderer von Bürgermeister Ole von Beust (CDU) gekürt.
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Michael Naumann, 65, war Journalist (SPIEGEL, "Zeit"), Verleger (Rowohlt), Kulturminister (Rot-Grün) und Herausgeber (Zeit). Im März wurde er von der Hamburger SPD zum Herausforderer von Bürgermeister Ole von Beust (CDU) gekürt.

SPIEGEL ONLINE: Waren die ersten Wochen als Spitzenkandidat so stressig?

Naumann: Ich bin mitten in einem fröhlichen Lernprozess. Nach der großen Politik, in der ich mich ja zwei Jahre als Kulturstaatsminister bewegt habe, komme ich nun in eine andere Welt, in der Politik wesentlich konkreter ist. Ich lerne, um welche nur scheinbar kleinen Probleme es in der Kommunalpolitik geht, die aber in den Alltag von Tausenden reichen. Ich rede den ganzen Tag mit Parteimitgliedern und Experten - ein intensiver Hamburg-Crashkurs.

SPIEGEL ONLINE: Sie erleben die Lokalpolitik als Abenteuer, als neuen Kick?

Naumann: Kein Kick. Es geht um ernsthafte Dinge. Natürlich gibt es Überraschungen. Zum Beispiel die vielen gleichsam parteigenealogischen Verbindungen, die kennen muss, wer überzeugen will. Ich werde mich jedenfalls nicht einfach hinstellen und sagen: Das machen wir jetzt so. Die Parteifreunde haben über die Jahre hinweg ein sehr detailliertes Wissen erworben. Dieses Wissen muss ich zu nutzen lernen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit 99,1 Prozent gewählt worden. Glauben Sie, dass Sie tatsächlich so beliebt sind?

Naumann: Das Ergebnis ist auch der vorangegangenen Krise im Landesverband geschuldet. Die Delegierten haben gesagt: Schluss mit dem Streit. Aber die inhaltlichen Positionsdifferenzen, die hinter der Auseinandersetzung zwischen Mathias Petersen und Dorothee Stapelfeldt lagen, sind nicht mit meiner Wahl verschwunden. Das ist auch legitim. Dass ein neuer Kandidat da ist, heißt nicht, dass nur Tabula Rasa gemacht wird. Ich will und werde diese verschiedenen Positionen zu einem prinzipiellen Konsens führen. Es ist in der Aufregung der letzten Wochen vorübergehend vergessen worden, dass innerparteiliche Kompromisse zum Wesen von Politik gehören. Aber diese Phase ist eigentlich schon vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Welches Klischee über Sie stört Sie am meisten?

Naumann: Schöngeist. Stammt übrigens von Bölling: "Der Schöngeist geht einen schweren Gang."

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Zitat haben Sie sich als Schöngeist geoutet.

Naumann: Geoutet? Wieso? Es ist ja keine Schande. Aber mit meinem Berufsleben hat das Etikett nicht viel zu tun. Ich habe mittelständische Unternehmen geleitet, mit 250 Mitarbeitern. In dem Attribut Schöngeist steckt ja eine merkwürdige Weltsicht. In ihr gibt es eine Gesellschaft, in der wir nicht lesen und keine Musik hören, sondern nur Mehrwert akkumulieren. Und dann gibt es die Parallelwelt der Schöngeister: Die sitzen im Elfenbeinturm und schauen den anderen beim Arbeiten zu. Ich war aber immer ein Mensch, der Bücher gelesen hat und Musik liebt und viel gearbeitet hat.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es eigentlich, dass Sie morgens um sechs in der Badewanne Gedichte lesen, wie "Bild" schrieb?

Naumann: Das stimmt nicht. Ich habe irgendwann einmal dem Poeten Peter Rühmkorf erzählt, dass es Momente gab, in denen ich versucht habe, seine Gedichte auswendig zu lernen, und dass ich dabei in der Badewanne saß. Aber das ist jetzt 22 Jahre her.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "Bild" schon häufiger kritisiert. Kann man Wahlkampf gegen die Springer-Presse machen, zumal in einer Stadt, die von Springer-Blättern dominiert ist?

Naumann: Ich habe mich aus gegebenem Anlass über die "Bild"-Zeitung beklagt. Im "Hamburger Abendblatt" und in der "Welt" werde ich jedenfalls nicht dargestellt als "Maßschuhträger", was nicht stimmt. Ich werde auch nicht in einem Smoking abgebildet, den ich nur einmal im Jahr trage. Aber das ist für mich kein Thema mehr.

SPIEGEL ONLINE: Um das abgehobene Image loszuwerden, verweisen Sie in Interviews nun auf Ihre arme Kindheit und sagen, Sie seien ein "ganz normaler Zeitgenosse". Kauft Ihnen das jemand ab?

Naumann: Seltsam. Ich kämpfe nicht gegen Imageprobleme. Aber ich will mich nicht verstellen lassen - das ist alles. Ich bin kein Proletarierjunge. Ich komme aus einem gutbürgerlichen Haus, mein Vater war Rechtsanwalt. Aber ich gehöre zu jener Generation, die nach dem Krieg unten war, und zwar richtig unten. Ich weiß, was es heißt, tagelang von trocken Brot zu leben. Wir haben als Flüchtlinge auf Apfelsinenkisten in Ruinen gesessen. Das sage ich, wenn mir jemand vorwirft, ich wisse nicht, was es heißt, arm zu sein. Da lernt man früh "Sozialdemokratie".

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