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Michael Naumann "Ich bin kein Proletarierjunge"

2. Teil: Michael Naumann erklärt, warum Michael Bloomberg kein Vorbild für ihn ist und er sich nicht die Haare färbt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein politischer Seiteneinsteiger, präsentieren sich als Managertyp - genau wie Michael Bloomberg, der Bürgermeister von New York. Ist der ein Vorbild für Sie?

Naumann: Nein. Wie kann ein Milliardär für einen normalen Menschen ein Vorbild sein? Aber tatsächlich gibt es andere Modelle angemessener Führung. Es gibt in Hamburg einen Nine-to-five-Bürgermeister, einerseits, der am Wochenende bei der Ernennung des Ehrenbürgers Siegfried Lenz nicht die Zeit findet, von Sylt ins Rathaus zu kommen. Diese Form der präsidialen Führung ist mir andererseits nicht in die Wiege gelegt. Ich bin kein Workaholic, aber fleißig. Im Übrigen finde ich, dass ein Bürgermeister zuerst die Richtlinien der Politik bestimmen sollte, statt sie später nur zu repräsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen gerne Basta wie Ihr Freund Gerhard Schröder?

Naumann: Ach. Ich ziehe ein kleines Rettungsboot hinter meinem Segelboot her, das heißt Basta (lacht). Wenn genug diskutiert wurde, muss ein Bürgermeister jedenfalls sagen: So machen wir es, oder so machen wir es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Dies ist Ihr zweiter Wahlkampf nach dem Bundestagswahlkampf 1998…

Naumann: …das war eine aufregende und lehrreiche Erfahrung. Jeden Tag vier, fünf Auftritte. Das Adrenalin fließt, wer will das bestreiten?

SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten Sie sich jetzt vor? Nehmen Sie Rhetorikunterricht?

Naumann: Ich nehme keinen Rhetorikunterricht, auch keinen Fernsehunterricht, ich werde mich nicht schminken, und ich werde mir auch nicht die Haare färben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 65 Jahre alt. Ein Herausforderer, der älter ist als der Amtsinhaber - das ist nicht gerade ein Aufbruchsignal. Hat die SPD ein Nachwuchsproblem?

Naumann: Natürlich nicht. Es ist ja keine Schande, 65 Jahre alt zu sein. Eine Ehre ist es natürlich auch nicht. Aber Lebenserfahrung bringe ich mit.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie gegen einen populären Bürgermeister gewinnen, der gute Wirtschaftszahlen vorzuweisen hat?

Naumann: Indem ich die Wahrheit erzähle. Hamburg ist pro Kopf der Bevölkerung die höchstverschuldete Stadt nach Berlin und Bremen. Wir haben nicht etwa 15.000 Euro pro Kopf Staatsschulden, wie der Senat immer behauptet, sondern 17.000 Euro. Die Verschuldung ist stark gestiegen in den letzten Jahren. Für eine bessere Optik sorgt derzeit nur der Wirtschaftsaufschwung, der vor allem den rot-grünen Reformen zu verdanken ist.

SPIEGEL ONLINE: Obendrein wildert Ole von Beust mit seinem Programm für benachteiligte Stadtviertel auch auf sozialdemokratischem Terrain.

Naumann: Er hat unter Hamburgs 15 Problemvierteln fünf entdeckt und schüttet sein kleines Füllhorn sozialer Benevolenz über sie aus. Zu spät. Gleichzeitig kürzt er Stellen beim Quartiersmanagement und bei der Polizei.

SPIEGEL ONLINE: Welche Zielgruppe müssen Sie ansprechen, um die Wahl zu gewinnen?

Naumann: Alle Hamburger natürlich, aber vor allem die von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht und die Arbeiter. Sie alle erleben nun schon allzu lange, dass sich ihre Einkommenssituation nicht wirklich verbessert.

SPIEGEL ONLINE: Daran können Sie als Bürgermeister aber nichts ändern.

Naumann: Wenn wir die Wahlen gewinnen, wird es sofort neue Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geben. Dafür werden wir über 100 Millionen Euro pro Jahr ausgeben.

SPIEGEL ONLINE: Klaus Wowereit hat den Satz geprägt: Berlin ist arm, aber sexy. Was sagen Sie?

Naumann: Hamburg ist solider und schöner.

SPIEGEL ONLINE: Bei Landtagswahlen spielt meist auch die Bundespolitik eine Rolle. Aus der Bundes-SPD kommt im Moment kein Rückenwind. Erfüllt Sie das mit Sorge?

Naumann: Nein. Juniorpartner in einer Großen Koalition ist eben ein undankbares Geschäft. In Hamburg hat die SPD im nächsten Jahr große Chancen. Berlin braucht die Metropolen. Darum wird das hier ein Wahlkampf, bei dem die Zukunft der SPD in den Metropolen mit definiert wird.

Das Interview führte Carsten Volkery

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