• Drucken
  • Senden
  • Feedback
26.04.2007
 

Schäubles Islamgipfel

Muslime streiten über Platz für Muslima

Von Anna Reimann

Es geht um eine Frau - und um tiefe Gräben in der muslimischen Community: Kurz vor der zweiten Sitzung der Islamkonferenz eskaliert der Konflikt unter den Teilnehmern. Soll künftig auch eine junge kopftuchtragende Muslima teilnehmen? Und wenn ja: Muss jemand seinen Platz für sie räumen?

Berlin - Sechs Tage bevor Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) zum zweiten Mal zu seiner Islamkonferenz lädt, ist ein heftige Debatte unter den Teilnehmern entbrannt. Entzündet hat sie der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Er forderte im SPIEGEL-ONLINE-Interview, es solle eine gläubige "Neo-Muslima" in der Konferenz sitzen - ob mit Kopftuch oder ohne, sei ihm erst einmal egal.

Die erste Islamkonferenz im Schloss Charlottenburg: "Es muss eine Vertreterin der Gruppe hinzugezogen werden, über die die ganze Zeit geredet wird"
Zur Großansicht
DDP

Die erste Islamkonferenz im Schloss Charlottenburg: "Es muss eine Vertreterin der Gruppe hinzugezogen werden, über die die ganze Zeit geredet wird"

Sieben Monate nachdem Schäubles Konferenz im September von allen Seiten hoch gelobt wurde, droht ihr eine erste Zerreißprobe. Kann eine Frau mit Kopftuch den Platz eines Schriftstellers einnehmen oder bekommt sie gar einen zusätzlichen Platz?

Zaimoglu macht sein weiteres Erscheinen auf der Islamkonferenz davon abhängig, ob eine junge Gläubige dort Platz findet - wenn nicht, "dann bleibt mein Stuhl in Zukunft leer", sagt Zaimoglu zu SPIEGEL ONLINE. Und wenn kein zusätzlicher Platz geschaffen werden könne, werde er ihr seinen zur Verfügung stellen. "Es muss eine Vertreterin der Gruppe hinzugezogen werden, über die die ganze Zeit geredet wird." Aus dem Bundesinnenministerium sei ihm signalisiert worden, dass sein Vorschlag auf Interesse stößt.

Seine Forderung nach einer zusätzlichen Frau auf der Islamkonferenz hat Zaimoglu noch mit einem sehr grundsätzlichen Vorwurf verbunden. Die "in der medialen Inszenierung gehypten Islamkritikerinnen" - wie etwa Seyran Ates und Necla Kelek - würden junge, gläubige Musliminnen "unermüdlich angreifen", ohne dass die sich wehren könnten, behauptet Zaimoglu in der "Berliner Zeitung". Und weiter: "Feminismus und eine rechte Gesinnung" schlössen sich nicht aus. "Es kann doch nicht sein, dass sich gewendete 68er, konservative Rechtspopulisten und rechte Feministinnen Hand in Hand zu Verteidigern, zu Fußsoldaten der abendländischen Zivilisation stilisieren." Er wende sich dagegen, dass unter dem Deckmantel des Feminismus der Islam und der islamisch geprägte südländische Mann für alles verantwortlich gemacht werde, so Zaimoglu heute zu SPIEGEL ONLINE.

"Konsequent, wenn Zaimoglu die Konferenz verlässt"

Necla Kelek erklärt, es sei konsequent , wenn der Schriftsteller die Konferenz verlässt. "Fortschritt und Freiheit für die muslimischen Frauen werden die sich selbst erstreiten müssen. Ich bin dabei", so Kelek zu SPIEGEL ONLINE.

Trotz der heftigen Kritik an den "Islamkritikerinnen" - Zaimoglus Ruf nach einer zusätzlichen weiblichen Vertreterin spricht ein Problem an: Nur drei Frauen sind unter den Teilnehmern der Konferenz des Innenministeriums, die zum ersten Mal im vergangenen Herbst zusammenkam: Die Soziologin Kelek, die Juristin Seyran Ates, und Ezhar Cazairli, Zahnärztin und säkulare Muslima. Die muslimischen Verbände haben fünf Männer entsandt: Vertreter der Türkisch-Islamischen Anstalt für Religion (Ditib), dem Zentralrat der Muslime, vom Islamrat, der Alevitischen Gemeinde Deutschlands und des Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ).

Dass aber eine gläubige Muslima, womöglich mit Kopftuch, teilnehmen soll, stößt bei einigen Teilnehmern auf heftige Irritationen. "Wenn eine religiöse Frau einen zusätzlichen Platz bekommt, wird es ein Übergewicht der Fundamentalisten auf der Konferenz geben, dann fordere ich auch einen weiteren säkularen Platz", sagt Seyran Ates zu SPIEGEL ONLINE. Eine praktizierende Muslima würde sich in die Reihe der Patriarchen einreihen. "Wenn man überhaupt davon spricht, dass bestimmte Gruppen nicht vertreten sind, dann sind es homosexuelle Muslime, schwarze Muslime und kurdische Muslime." Streng gläubige Frauen, ob mit oder ohne Kopftuch, würden ihrer Meinung nach bereits durch die muslimischen Verbände vertreten.

"Unserer Gesellschaft würdige Diskussion"

Auch dass Zaimoglu seine Forderung an die Politik richtet, ruft Unmut hervor. Die Soziologin Kelek sagt zu SPIEGEL ONLINE: "Soll er doch an die muslimischen Verbände die Frage stellen, warum sie aus ihren Reihen keine gläubige Muslimin geschickt haben!" Natürlich wünsche sie sich eine zusätzliche Frau. Auf die Diskussion, ob die Frau unbedingt ein Kopftuch tragen solle, will sich Kelek nicht einlassen. Grundsätzlich sei sie sehr froh über die Islamkonferenz: "Wir diskutieren auf einer Ebene, die unserer Gesellschaft würdig ist", sagt Kelek.

Die muslimischen Verbände, von denen Ates und Kelek Handeln fordern, sehen sich nicht unter Zugzwang: Für die Einladungen sei das Innenministerium zuständig. Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats, sagt: "Wir sind in unserer Eigenschaft als Funktionsträger auf der Konferenz vertreten, nicht weil wir Männer sind." Überhaupt sei die Zusammensetzung der Konferenz, die seiner Meinung nach ausschließlich vom Bundesinnenministerium bestimmt wurde, für ihn "eigenartig". Eine praktizierende Muslima mit Kopftuch habe von Anfang an gefehlt - und in welcher Funktion und Legitimation überhaupt Ates und Kelek zu Vertretern ernannt worden seien, sei ihm nicht klar.

Bekir Alboga von der Ditib findet zwar den Vorschlag Zaimoglus, eine gläubige Frau auf die Islamkonferenz zu entsenden, "sehr innovativ". "Für mich ist die Teilnahme einer praktizierenden Muslima genauso wichtig, wie die einer muslimischen Frau, die nicht praktiziert." Auch die kopftuchtragende Frau sei Teil der Realität. Dass aber ein Vertreter der vier muslimischen Verbände dafür seinen Platz räumt, schließt er aus: "Wir sind ohnehin in der Minderheit." Wenn eine Frau Generalsekretärin seines Verbands wäre, säße natürlich auch die in der Islamkonferenz. "Und das ist nur eine Frage der Zeit, bis solche Positionen von Frauen eingenommen werden", so Alboga.

"Eine aufgeklärte, gläubige Muslimin fehlt schlichtweg"

Gelassen reagierte der Zentralrat der Muslime. Generalsekretär Aiman Mazyek erklärt: "Ich ziehe meinen Turban, wenn ich einen hätte, vor Zaimoglus Vorschlag." Innenminister Schäuble habe mit dem Plenum der Islamkonferenz einen Querschnitt abbilden wollen. "Und eine aufgeklärte, gläubige Muslimin fehlt schlichtweg", so Mazyek zu SPIEGEL ONLINE. Frau Ates müsste doch froh sein, wenn eine emanzipierte Kopftuchträgerin an der Konferenz teilnimmt - "ich hätte daher eigentlich erwartet, dass sie so couragiert ist und ihren Platz räumt".

Omid Nouripour war selbst Mitglied der Islamkonferenz. Der Grünenpolitiker und Bundestagsabgeordnete sagt: Ates und Kelek haben sich große Verdienste erworben, "indem sie auf ein Tabu, nämlich Gewalt in muslimischen Familien, aufmerksam gemacht haben". Es dürfe jetzt aber nicht einen Streit um Personen geben, sondern es müsse über die Frauen geredet werden, die nicht auf der Islamkonferenz vertreten sind: "Dass es sich bei den gläubigen jungen Frauen um Konservative handelt, ist allen klar, aber auch die haben ihre Daseinsberechtigung", so Nouripour zu SPIEGEL ONLINE. Für seinen Vorschlag, eine junge Muslimin in die Islamkonferenz zu holen, habe er Zaimoglu indes beglückwünscht.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP