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Muslimin Pinar Cetin Auf Tuchfühlung

Kopftuch und eigener Kopf - geht das? Die junge Berlinerin Pinar Cetin balanciert zwischen Moschee und Ehemann, Uni und Beruf, Verschleierung und Emanzipation, Ablehnung und Respekt. Die Begegnung mit einer Vieldimensionalen.

Berlin - Sie ist in Eile, das Seminar in der Uni, die Moscheeführung und dann noch das Auto in die Werkstatt gebracht. Ihr Schritt ist schnell und energisch, sie sucht sich einen Stuhl im Eiscafé, schwarze Hose, schwarzes Hemd, türkises, eng gebundenes Kopftuch. Berlin Charlottenburg - in der Fußgängerzone geben die "Miss Italia" und die "Miss Sasch-Modehaus" in Minirock und bauchfreiem Top Autogramme, aus dem Mediamarkt dröhnt Techno.

Pinar Cetin: "Ich will zeigen, dass ich ein Teil dieser Gesellschaft bin und dass ich integriert bin - denn das geht auch mit Kopftuch."
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Pinar Cetin: "Ich will zeigen, dass ich ein Teil dieser Gesellschaft bin und dass ich integriert bin - denn das geht auch mit Kopftuch."

Mittendrin sitzt Pinar Cetin, in Deutschland geboren, 25 Jahre alt, ihre Eltern kommen aus der Türkei. Pinar studiert Turkologie auf Magister und Politik auf Diplom, trägt Kopftuch, hat mandelförmige braune Augen, ein helles Lachen, ist seit vier Jahren mit einem Türken verheiratet - und ungewollt Gegenstand einer hitzig geführten Debatte.

Vor einem halben Jahr hat die Grünen-Politikerin Ekin Deligöz muslimische Frauen in Deutschland aufgefordert, sich zu entschleiern. "Frauen, kommt im Heute an, kommt in Deutschland an!" Ein Aufruf an die unsichtbare Mehrheit, die oft kaum Deutsch spricht und abgeschottet von der Mehrheitsgesellschaft lebt - aber Emanzipation und Kopftuch, kann das trotzdem zusammen gehen? Ist das Kopftuch an sich integrationshemmend? Und was bedeutet das Tuch für eine junge gebildete Gläubige?

Pinar sagt Sätze wie: "Dass ich emanzipiert bin, war einer der Gründe, warum mein Mann mich heiraten wollte." Ihre Schwiegereltern hätten sie zunächst abgelehnt, weil sie das Kopftuch trug. "Mein Mann kann super staubsaugen, ich putz' die Fenster - aber meistens ist bei uns alles ein großes Chaos." Aber Pinar sagt auch: "Für mich ist es ungewohnt, wie freizügig die Jugendlichen in der Türkei mittlerweile leben". Die Kultur, die ihre Eltern vor 30 Jahren mit nach Deutschland gebracht hätten, gebe es da gar nicht mehr.

Die 25-jährige Tochter türkischer Gastarbeiter ist in einer, wie sie sagt, "mehr traditionellen als religiösen Familie" aufgewachsen - alle drei Töchter waren auf dem Gymnasium, die beiden jüngeren machen gerade Abitur und wollen dann studieren. Pinar ist die einzige, die Kopftuch trägt. Es sei bei ihr damals alles auf einmal gekommen: Sie war 16 und musste sich das Puzzle ihrer Identität zusammenlegen. "Identitätskrise, Pubertät halt". Sie entschied sich für den deutschen Pass - und für das Kopftuch.

"Ich bin Muslimin, und dazu stehe ich auch"

"Das mit dem Kopftuch war damals auch Trotz: Dann zeigen wir uns eben so, wie andere uns sehen", sagt Pinar heute. "In der Schule, auf der Straße: Alle haben mich immer als Türkin und Muslimin gesehen." Immer wieder habe sie sich im Unterricht rechtfertigen müssen, etwa wenn im Namen des Islam Gewalt gegen Frauen verübt wurde. Sie redet schnell. Erst dadurch habe sie wirklich begonnen, sich mit dem Islam zu beschäftigen. Es war Trotz, und es war auch die Suche nach einer sicheren Identität - "ich bin Muslimin, und dazu stehe ich auch." Heute erklärt Pinar ihre Religion Fremden. Zusammen mit ihrem Mann organisiert sie Führungen in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin-Neukölln.

Mit 21 hat sie geheiratet, ihr Mann arbeitet im türkischen Botschaftsrat. "Mein Vater war völlig schockiert, als ich ihm gesagt habe, dass ich heiraten will. Er ist der Meinung, dass wir Mädchen erst studieren sollen, und erst dann darf die Hochzeit kommen!" Warum also? "Weil mein Mann meine größte Stütze ist - und weil ich schon als kleines Mädchen davon geträumt habe zu heiraten." Es sei wichtig gewesen, dass ihr Mann Türke ist: "Er versteht zum Beispiel, welche Bedeutung Familie hat, ich muss ihm das alles nicht erklären."

"Fehlende Bildung, schlechte Erziehung"

Wie empfindet eine junge gläubige Muslimin die Integrationsdebatte in Deutschland? Wo sind ihrer Meinung nach die großen Probleme?

Viele seien hausgemacht: Fehlende Bildung, schlechte Erziehung, muslimische Eltern, die ihren Kindern nicht das Gefühl vermitteln: "Du bist Teil dieser Gesellschaft", und eine Mehrheitsgesellschaft, die sie nicht willkommen heiße.

"Oft dient der Islam auch als Ausrede", sagt Pinar. Sie zumindest habe es häufig erlebt, dass Mädchen sich weigern, am Schwimmunterricht teilzunehmen, weil sie zu faul sind - und dann sagen, ihre Religion oder ihre Eltern erlaubten es ihnen nicht. "Was absoluter Quatsch ist", sagt Pinar. Prophet Mohammed habe sogar gesagt, bringt euren Töchtern Schwimmen bei.

Aber Pinar macht auch die Diskussion um den Islam verantwortlich. Es sei ja richtig, dass Frauen wie Necla Kelek und Seyran Ates über Themen wie häusliche Gewalt sprechen. "Es stört mich aber, dass sie ihre Erfahrungen, die ich ihnen natürlich abnehme, auf die Mehrheit übertragen". Vielleicht, sagt die 25-Jährige dann, mache sie den gleichen Fehler, wenn sie davon ausgehe, dass die meisten Muslime so leben, wie die in ihrem Umfeld in Berlin-Charlottenburg. "Ich kenne jedenfalls niemanden, der es gut findet, wenn Männer ihre Frauen unterdrücken. Meine Cousinen und Schwestern leben völlig freizügig. Ich bin fast die Einzige in meiner Familie, die Kopftuch trägt."

"Können wir hier glücklich werden?"

Das Handy klingelt. Die Werkstatt ist dran. Pinar muss das reparierte Auto ihres Mannes abholen. Sie atmet lange aus. Es habe eine Zeit gegeben, da haben sie und ihr Mann überlegt, ob sie in Deutschland leben und glücklich sein können. "Weil wir dachten, die Menschen auf der Straße haben das gleiche gelesen wie wir: Dass fast alle muslimischen Männer ihre Frauen schlagen. Mein Mann fühlte sich wie ein prügelndes Monster und ich wie ein misshandeltes Opfer."

"Islam und Frauenrechte, Islam und Frieden, Islam und Demokratie schließen sich nicht aus", sagt Pinar. Im Gegenteil: Muslime, die das behaupten, seien nicht gebildet. "Überhaupt ist mangelnde Bildung eines der größten Probleme, wenn es um Probleme bei der Integration geht", sagt Pinar. Sie sei geschockt und traurig gewesen, als kürzlich eine Frankfurter Richterin das vorzeitige Scheidungsgesuch einer Frau, die von ihrem Mann geschlagen wurde, mit Verweis auf den Koran zurückwies. "Wie kann es sein, dass eine der Frauen, die sich gegen Gewalt wehren und davon befreien wollen, von einer deutschen Richterin keine Unterstützung bekommt? Die Richterin hätte viel mehr ein Exempel an dem prügelnden Ehemann statuieren und hart gegen ihn durchgreifen müssen", findet Pinar.

Was ist ihr Traum? Pinar stützt den Kopf in beide Hände, wartet - und lacht dann: "Ich will hauptberuflich für den Abbau von Vorurteilen arbeiten." Sie hoffe, dass sie in zehn Jahren an der Uni unterrichte, dass sie als Referentin über Integration und Islam zu Veranstaltungen gehe, Kinder habe und ein Haus im Grünen. "Was man sich halt so wünscht - als Mensch", sagt Pinar.

"Ich will zeigen, dass ich ein Teil dieser Gesellschaft bin und dass ich integriert bin - denn das geht auch mit Kopftuch".

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