Was bleibt? Die Zahlen. Wenn Oskar Lafontaine einer der erfolglosesten unter den gescheiterten Kanzlerkandidaten war, dann war Edmund Stoiber einer der erfolgreichsten. Er verlor äußerst knapp: Nur 6027 Stimmen fehlten den Unionsparteien im Jahr 2002 auf die SPD, beide erreichten jeweils 38,5 Prozent der Stimmen. Stoiber konnte auch deshalb nicht ins Kanzleramt einziehen, weil sein potentieller Koalitionspartner FDP zwar eine 18-Prozent-Kampagne inklusive Kanzlerkandidat fuhr, schließlich aber nur auf 7,4 Prozent kam. Die Grünen hingegen erreichten einen Anteil von 8,6 Prozent und retteten damit die rot-grüne Regierung.
Stoiber scheiterte in Berlin, aber er siegte in Bayern: Ein Jahr nach seiner Niederlage als Kanzlerkandidat holte er als CSU-Spitzenkandidat die Zwei-Drittel-Mehrheit der Mandate im Freistaat. Ein Triumph. Kurz darauf hätte er Bundespräsident werden können. Oder EU-Kommissionspräsident. Alles war möglich. Stoiber wollte nicht. Er wollte in München bleiben.
Erst die Große Koalition nach der Bundestagswahl 2005 zog ihn nach Berlin. Die Koalitionäre nahmen Maß und schneiderten dem mächtigen Bayern das Amt des Super-Wirtschaftsministers. In München teilten sie derweil sein Erbe auf.
Aber plötzlich war Stoiber wieder da. Er floh aus Berlin. Natürlich war ihm klar, dass er dort nicht die Nummer 1 hätte sein können. Aber wenigstens Schattenkanzler an der Seite Merkels? Als CSU-Vorsitzender war er ja auch immer gleichberechtigt neben der CDU-Vorsitzenden aufgetreten. Merkel aber muss signalisiert haben: Keine Chance. Und Edmund Stoiber ging heim nach München.
In Berlin spotteten sie über den Hasenfuß. Die stolze CSU aber war verunsichert. Dieser November 2005 war Stoibers eigentliche bundespolitische Niederlage, nicht jene lange Nacht des zähen Wartens aufs Endergebnis im September 2002. Und sie sollte auf die Landesebene durchschlagen. Die CSU-Basis hat Stoibers Flucht aus Berlin wohl mit ähnlicher Fassungslosigkeit verfolgt, mit der die Anhänger des FC Bayern München ihren Verein in den letzten 103 Sekunden des Champions-League-Finales gegen Manchester United im Mai 1999 untergehen sahen. Ein Nimbus war zerstört, das bajuwarisch-markige Selbstbewusstsein bekam einen Knacks. Das verzieh die CSU Stoiber nie.
Den ersten kritischen Winter überstand er noch gerade so. Dann kam jene Landrätin aus Fürth, die der Kritik wieder Aufschwung gab. Diese zweite Winter-Chance ließen sich die Nachfolger nicht mehr nehmen. Am 30. September 2007 wird Stoiber seine Ämter niederlegen.
Korrektur: Im Sommer 2002 überflutete die Elbe weite Teile im Osten Deutschlands - nicht die Oder, wie es zunächst falsch im Artikel hieß.
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