Von Ingo Arzt
Berlin - Der Rauch der Würste ist nicht in Ordnung. Am Dienstag Mittag zog er wie Nebelschwaden durch die Oranienstraße in Kreuzberg, gegen Spätabend dann abgelöst vom Rauch brennender Mülltonnen gemischt mit Tränengas der Polizei. "Ihr fresst eure Würste, in der Welt draußen verrecken die Leute", sagt ein Teilnehmer der "Revolutionären 1. Mai Demo". Mit seiner Nickelbrille wirkt er intellektuell. Auf der Straße vor ihm hat sich der Zug der Demonstration in Gruppen formiert, man tarnt sich mit Sonnenbrillen und Kapuzenpullis und applaudieren den Rednern auf einer LKW-Bühne.
Auch Stargast Ralf Reinders wird beklatscht. Der Ex-Terrorist von der Bewegung 2. Juni saß für die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz bis 1990 in Haft. Reinders redet über die NS-Vergangenheit der von der Roten Armee Fraktion ermordeten Politiker. Als ob er sagen will: War doch o.k. das Morden der Terroristen. Auf jeden Fall o.k. sei der Auftritt von Reinders, findet die Gruppe um den intellektuellen mit der Nickelbrille.
Trotz solcher Sympathien, längst gilt die linke Szene als nicht mehr so radikal wie vor 20 Jahren, als die Maikrawalle ihren Anfang nahmen. Die Demonstration ist dann auch friedlich. Seit 2003 scheint sich die Lage von Jahr zu Jahr zu entspannen. Seitdem veranstalten Vereine und Verbände jedes Jahr das "Myfest", genau da, wo die Krawalle stattfinden. In diesem Jahr war es das Größte überhaupt. Höhepunkt war ein ziemlich langweiliges Konzert von "Ton Steine Scherben", die in den siebziger Jahren als Hausbesetzerband bekannt geworden waren. Zehntausende strömten friedlich durch die Straßen des Multikulti-Festivals.
Für den Organisator der "Revolutionären 1. Mai Demonstration", Michael Kronawitta, ist das Myfest allerdings einzig dazu da, den Widerstand der radikalen Linken zu erschweren. "Mich wundert, dass es nur am ersten Mai kracht", sagt Kronawitta später am Abend. Eigentlich, sagt er, sollte es noch viel mehr "symbolische” Angriffe auf Polizeiautos oder Abschiebebehörden geben.
Keine fünf Minuten später geht es am Ende der Straße weniger symbolisch zu: Wie auch immer man sie nennen will – Autonome Linke, Chaoten, Randalierer – am U-Bahnhof Görlitzer Straße fliegen die ersten Steine und Flaschen auf die Polizei, die sich das Spiel nicht lange bieten lässt. Etwa 50 Beamte stürmen auf die Meute zu, die sich sofort auflöst. Damit beginnt das Krawall-Ritual in der angrenzenden Oranienstraße. Die Straße wurde früher regelmäßig am ersten Mai zertrümmert. In dieser Nacht nimmer die Polizei 119 Randalierer fest, die meisten in der Häuserschlucht Oranienstraße.
Es stinkt nach dem Plastik einer mitten auf der Straße im Feuer schmelzenden Mülltonne. Am Eingang der Straße steht eine Bühne, die Musiker der Ska-Band Rolando Random trompeten fröhlich ihre Musik. In den Pausen zwischen den Liedern sind die bellenden Rufe von Gruppen von Randalierern zu hören, die vor und hinter der Bühne "Haut ab” in Richtung Polizei skandieren. Tanzen, gaffen und kurz mal eine Flasche oder einen Stein werfen, so war das Myfest nicht gedacht.
Die Musik spielt durch und am Rande der Oranienstraße drängen sich scheinbar Schaulustige an die Fensterfronten der geschlossenen Restaurants. Dazwischen positioniert sich die Polizei wie in einem Schachspiel strategisch in kleinen Trupps auf der engen Straße. Wenn sie zugreift, dann gezielt, wie eine Herde wilder Tiere rennen Polizisten auf die Menge zu, die sie zuvor mit Flaschen, Steinen und Böllern beworfen hat. Die ganz Hinterhältigen tarnen sich als Gaffer auf dem Gehsteig und schleudern den Polizisten Steine nach. Trotzdem, die Strategie geht auf: Zwar geht das Katz-und-Maus-Spiel den ganzen Abend weiter. Doch immer wieder beruhigt sich die Situation.
Dann sehen Polizisten oft gelangweilt aus, manche posieren bereitwillig mit Touristen, die Erinnerungsfotos an die Krawallnacht wollen. Doch wenn die Polizei wieder vorrückt, trifft es auch die Falschen, die friedlich feiern wollen: Eine vielleicht 20-Jährige kauert auf dem Bordstein und schreit immer wieder, sie brauche mehr Wasser. Ihr Freund hat eigentlich genug und versucht, es ihr in die krampfhaft geschlossenen Augen zu kippen. Sie hat unmittelbar das Tränengas der Polizei in die Augen bekommen. Völlig unbeteiligt an den Krawallen seien sie gewesen, Polizisten hätten ihr Tränengas unkontrolliert eingesetzt, wie ihr Freund sagt.
Auseinanderzuhalten sind Beteiligte und Unbeteiligte allerdings kaum – zu viele Mitläufer sind dabei. Einer davon steht am Rand der Bühne "Total Kreuzberg” am Heinrichplatz. Er ist schlacksig, vielleicht Anfang zwanzig, nimmt in seinen Springerstiefeln Anlauf und schleudert aus der dritten Reihe eine Flasche in Richtung Polizei. "Geil" ruft er aus und freut sich mit schelmischem Grinsen, als ihn ein Mann, ein Kopf kleiner als er, voller Zorn am Kragen packt. Sein Name ist Gerd Helfferich, eigentlich einfach nur ein Kreuzberger, dem die Nerven durchgegangen sind. Ein paar Freunde reißen Helfferich wieder zurück. Völlig aufgebracht sagt er: "Alle stehen nur rum und gaffen, keiner tut was. Wenn sich jeder so einen Idiot schnappen würde, dann müsste die Polizei überhaupt nicht anrücken."
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