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09.05.2007
 

RAF-Opfer

"Wie kann man einen Menschen zum Schwein machen?"

Hans Eckhardt, Leiter der polizeilichen Sonderkomission Baader-Meinhof, wurde 1972 von der RAF ermordet. Eckhardts Witwe, 82, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE nach 35 Jahren zum ersten Mal öffentlich über den Mord - und wirft der Politik mangelnde Sensibilität vor.

SPIEGEL ONLINE: Frau Eckhardt, ihr Mann wurde von der RAF 1972 ermordet, sein Mörder 16 Jahre später begnadigt. Ist es Ihnen schwer gefallen, die Entscheidung des damaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel, zu akzeptieren?

Eckhardt: Begnadigungen sind Entscheidungen von Politikern, die zu akzeptieren sind. Ich stelle den Rechtsstaat und seine Mittel nicht in Frage. Auf einer emotionalen Ebene indes sind solche Entscheidungen für mich schwer anzunehmen, das ist sicher verständlich. Ich habe von Manfred Grashof, dem Mörder meines Mannes, nach dessen Begnadigung nie ein Wort der Distanzierung von seinen Taten gehört oder gelesen, noch ein Wort der Reue. Doch meine Kritik gilt nicht nur den Tätern, sondern auch der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Wen meinen Sie?

Eckhardt: Am Montagabend sagte Dr. Bernhard Vogel in der ARD, er habe vor den Begnadigungen, über die er als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz entschied, immer auch Kontakt mit den Angehörigen der Opfer aufgenommen. Das Gegenteil ist der Fall und das ist ein Grund, warum ich mich heute zum ersten Mal seit der Ermordung meines Mannes öffentlich äußere.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Weise haben Sie von der Begnadigung Manfred Grashofs, die formell am 30.11.1988 ausgesprochen wurde, erfahren?

Hans Eckhardt: Er war der dritte Polizist, der von der RAF ermordet wurde. Am 3. März 1972 schoss der Terrorist Manfred Grashof bei einer Razzia in einer konspirativen Wohnung in Hamburg den Leiter der "Soko Baader/Meinhof" nieder. Eckhardt starb 20 Tage später. Grashof selbst wurde bei einem Schusswechsel verletzt und zusammen mit Wolfgang Grundmann verhaftet.
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DPA

Hans Eckhardt: Er war der dritte Polizist, der von der RAF ermordet wurde. Am 3. März 1972 schoss der Terrorist Manfred Grashof bei einer Razzia in einer konspirativen Wohnung in Hamburg den Leiter der "Soko Baader/Meinhof" nieder. Eckhardt starb 20 Tage später. Grashof selbst wurde bei einem Schusswechsel verletzt und zusammen mit Wolfgang Grundmann verhaftet.

Eckhardt: Bei meinen Nachbarn wurde ein Zettel abgegeben. Darauf stand, ich möge bitte in der Staatskanzlei in Mainz anrufen. Das war alles. Ich habe das über die Polizei-Dienststelle meines Mannes in Hamburg machen lassen. So erfuhr ich von der Begnadigung und davon, dass Manfred Grashof schon seit einigen Jahren Freigänger war. Dass ich dem Mörder meines Mannes möglicherweise auf der Straße begegnen könnte, darüber wäre ich gern informiert worden. Auch hätte ich gern gewusst, dass Herr Dr. Vogel sich am 27. Oktober 1988 mit Manfred Grashof zum Gespräch getroffen hatte, um dann über die Begnadigung zu entscheiden. Dass er mit ihm sprach, war wohl notwendig, das stelle ich nicht in Frage. Doch die mangelnde Sensibilität mir gegenüber hat mich sehr verletzt. Ich fühlte mich durch diesen Zettel in meiner Würde missachtet.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert?

Eckhardt: Mit Hilfe eines Anwalts versuchte ich, zumindest ein anderes Entlassungsdatum zu erwirken. Manfred Grashof ist am 2. März 1989 aus der Haft gekommen, dem Datum, an dem er meinen Mann 17 Jahre zuvor lebensgefährlich verletzt hatte. Ich habe es als besonders verletzend empfunden, dass ausgerechnet dieses Datum für seine Entlassung gewählt wurde. Man wollte mich von Seiten der verantwortlichen Stellen sicher nicht persönlich treffen, wahrscheinlich geht die Sensibilität zwischen den einzelnen Stellen verloren, aber für mich ist diese Erfahrung sehr bitter gewesen. Es hätte ja der 26. Februar sein können oder der 5. März. Die Reaktionen aus der Staatskanzlei von Herrn Dr. Vogel und seinem Nachfolger Herrn Wagner habe ich als Floskeln empfunden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je darüber nachgedacht, noch einmal mit Bernhard Vogel in Kontakt zu treten?

Eckhardt: Nein. Ich war in seinen Augen offenbar nur die Witwe eines Polizeibeamten, die man nicht angemessen benachrichtigen muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie von dem Schuss auf Ihren Mann und seiner Verletzung am 2. März 1972 erfahren?

Eckhardt: Der Vorgesetzte meines Mannes benachrichtigte mich persönlich. Mein Mann war an dem Abend schon zu Hause gewesen, dann ist er dienstlich noch einmal weggerufen worden. Gegen 22.15 Uhr rief er noch einmal bei mir an und sagte: "Ich komme jetzt gleich nach Hause, es dauert nicht mehr lange." Meine nächste Erinnerung ist, dass ich im Krankenhaus angerufen habe und erfuhr, dass mein Mann und der ebenfalls verletzte Manfred Grashof im gleichen Krankenzimmer untergebracht waren. Ich rief bei der Dienststelle meines Mannes an und bat um Hilfe, mich zum Krankenhaus zu bringen. Die Situation regte mich sehr auf und so wurden mein Mann und sein Täter getrennt voneinander untergebracht. Ich durfte meinen Mann in der Nacht nicht sehen. Seine Verletzungen waren so schwer, dass man mir den Anblick nicht gestatten konnte oder wollte.

SPIEGEL ONLINE: Und Manfred Grashof?

Eckhardt: Nein, weder damals noch jemals später.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je darüber nachgedacht, mit Tätern aus der RAF in Kontakt zu treten?

Eckhardt: Nein. Manfred Grashof zu begegnen ist unvorstellbar für mich. Wer so etwas Schreckliches tut, muss mit sich selbst fertig werden. Mein Mann lag nach seiner Verletzung 20 Tage lang im Koma, war nicht mehr ansprechbar. Das ist das Schreckliche, dieser plötzliche Schnitt. Wir hatten uns abends verabschiedet, und man sagt: "Bis nachher!" Aber da ist dann kein Nachher mehr.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Umgang mit dem Attentat gefunden?

Eckhardt: Das habe ich bis heute nicht. Das Attentat war wie eine große Hand, die mein ganzes Leben zu einem ganz kleinen Etwas zusammengedrückt hat – und so ist es geblieben. Ich lebe allein, mein Mann und ich hatten keine Kinder. Es sind nicht gelebte Leben – das meines Mannes, aber auch meines. Seine Ermordung hat bei mir auch gesundheitliche Folgen nach sich gezogen. Bis heute leide ich etwa unter Schlafstörungen.

SPIEGEL ONLINE: Wurde Ihnen von staatlicher Seite Hilfe angeboten, psychologische Betreuung etwa?

Eckhardt: Nein, so waren die Zeiten damals noch nicht. Es gab keinerlei Routine mit solchen Fällen. Die Polizei-Behörde meines Mannes hat mich während des 20-tägigen Leidens meines Mannes, bis er starb, abgeschirmt. Nach einiger Zeit unterblieb dieser anfängliche Beistand dann. Es gab eine Art Staatsbegräbnis für meinen Mann. Rückblickend ist das sehr seltsam für mich. Auf der einen Seite gab es die äußerst aufwendige Bestattung und Jahre später kam dann diese entwürdigende Nachricht über die Entlassung des Mörders meines Mannes.

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03.08.2010 von wolfgang--kohl:

Zum Glück gab es dies bezüglich den Vatikan, und von diversen Diensten geförderte Flucht von Nazis. Deren Enkel widerum heute in Europa leben, und die Ethik versuchen hier und heute umzusetzen. mehr...

02.08.2010 von creativefinancial: Resozialisierung

Ich freue mich, einen objektiven Beitrag zu sehen,und nicht immer die Beitraege von Klein-CDU-Moritzen ( oder SPD-MORITZEN, die sind identisch ). Kennen Sie Faelle, bei denen entlassene EX-RAF erneut straffaellig geworden sind [...] mehr...

31.07.2010 von Ludwig Schmidt:

Es wäre schön (gewesen), wenn Sie hier einen Punkt gesetzt hätten. Denn die Demaskierung läuft nur darüber, dass Verbrecher als solche dargestellt und veruteilt werden. Damit lässt sich auch die "Faszination" [...] mehr...

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