SPIEGEL ONLINE: Ihr Mann war von 1971 an mit der Leitung der Sonderkommission Baader-Meinhof beauftragt. War er sich der Risiken dieses Postens bewusst?
Eckhardt: Es waren ja noch die Anfänge der RAF, mein Mann ist 1972 ermordet worden. Die große Welle der Gewalttaten begann von 1975 an. Die Baader-Befreiung 1970, die heute oft als Geburtsstunde der RAF bezeichnet wird, wurde damals natürlich wahrgenommen, aber nicht in der Schwere eingestuft, mit der man sie heute sieht.
SPIEGEL ONLINE: Als Polizeibeamter trägt man immer auch das Berufsrisiko der Verletzbarkeit, auch des Angegriffenwerdens. Wie ist Ihr Mann damit umgegangen?
Eckhardt: Er hatte den Krieg überstanden, hatte tausend Gefahren bereits hinter sich gebracht – er ging zur Polizei, da man, wenn man als junger Mann aus der Kriegsgefangenschaft 1946 nach Hause kam, innerhalb von vier Wochen eine Arbeit nachweisen musste. Er war politisch unbelastet, war im Dritten Reich kein Mitglied der NSDAP gewesen. Ich glaube nicht, dass er darüber nachgedacht hat, ob der Beruf des Polizisten und später des Kriminalbeamten lebensgefährlich für ihn sein könnte. Er war ja auch nicht akut an der Fahndung beteiligt, sondern derjenige, der verantwortlich dafür war, dass Informationen zusammengetragen werden, für die Frage, wer observiert werden sollte und ähnliches.
SPIEGEL ONLINE: Waren die Mitglieder der RAF in seinen Augen politische Täter?
Eckhardt: Sie orientierten sich in ihren Kampfzielen ja unter anderem am südamerikanischen Guerilla-Kampf, wollten mit diesen Methoden das System der Bundesrepublik verändern. Auch ich sehe sie als politische Täter, wobei sie sich in ihrem behaupteten Kampf natürlich sehr überhöht darstellten. Sie hatten ja zu keinem Zeitpunkt ein breites Unterstützerfeld. Es ist bedauerlich, dass auch bis heute manche Intellektuellen nicht einsehen, wie viel Schaden und Verletzung durch die Taten der RAF angerichtet wurden. Ihre Morde waren sinnlos. Die einzige wirkliche Konsequenz sind der Schmerz und der Verlust für die Angehörigen.
SPIEGEL ONLINE: Wie dachte Ihr Mann über die Studentenbewegung?
Eckhardt: Die Forderung der Studenten nach Aufklärung der persönlichen Verantwortungen im Dritten Reich empfanden mein Mann und ich als legitim. Ich weiß noch genau, ich war Mitte der Sechziger Jahre in Hamburg am Mittelweg tätig; damals hatte die Stadt noch etwa 32 Konsulate. Vorm US-amerikanischen Konsulat wurde ständig protestiert. Auch vor dem Amerikahaus wurde gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Man hat damit gelebt, das ist ja auch in Ordnung. Dafür leben wir in einer Demokratie. Die zunehmende Radikalisierung bei den Studentenprotesten hat mein Mann mit Besorgnis betrachtet.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt die These, das Eingreifen der Polizei habe zu dieser Radikalisierung beigetragen.
Eckhardt: In einigen Fällen mag das vielleicht so gewesen sein, aber zu einer Radikalisierung gehören zwei Seiten. Wie aus den Studentenprotesten die RAF entstehen konnte, ist mir bis heute unbegreiflich. Man konnte sich in der Bundesrepublik für Veränderungen engagieren. Dafür brauchte man doch niemanden umzubringen. Wir lebten doch in einer Demokratie. Und wie kann man einen Menschen zum System machen? Zum Schwein?
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihren Mann in Erinnerung?
Eckhardt: Er war sehr musikalisch. Durch ihn habe ich eigentlich zum ersten Mal richtige Jazzmusik gehört. Mein Mann kam während seiner Kriegsgefangenschaft im Zweiten Weltkrieg in verschiedenen US-amerikanischen Bundesstaaten bis nach Louisiana. Wenn der Krieg nicht gewesen wäre, hätte er vielleicht einen ganz anderen beruflichen Weg eingeschlagen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das Ihren Mann in Ihren Augen besonders ausgezeichnet hat?
Eckhardt: Seine Offenheit und seine Freundlichkeit. Er war ein sehr humorvoller Mensch, auch sehr zuverlässig und verantwortungsbewusst. Er hatte die Überzeugung, dass man mit jedem Menschen reden könne.
SPIEGEL ONLINE: Wie denken Sie über den heutigen Umgang mit der Geschichte der RAF?
Eckhardt: Die Aufarbeitung ist aus meiner Sicht sehr zurückhaltend und oft noch sehr einseitig. Bis heute gibt es das kollektive Schweigen der Täter aus der RAF. Und nach wie vor sind viele Fragen offen, so zum Beispiel: Wie weit reichte das Unterstützernetzwerk der DDR für die RAF? Welche Rolle spielte der russische Geheimdienst? Und wo ist eine Antwort, eine Reflektion der Täter über ihre menschenverachtende Haltung, etwa, dass Polizisten Schweine sind.
Das Interview führte Anne Siemens, Journalistin und Buchautorin, für SPIEGEL ONLINE.
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