Berlin - Die Philologen, beziehungsweise die sich unter diesem Begriff organisierten deutschen Lehrer, haben einen besonderen Schlankmach-Tipp: weg mit Schokoriegeln vom Schulhof. "Alles, was nachgewiesene Dickmacher sind, gehört nicht in den Pausenverkauf", sagte Roland Neßler, der Geschäftsführer des Philologenverbandes. "Schokoriegel würde ich rausschmeißen an meiner Schule."
Vielleicht kann Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) diese Idee in ihren Entwurf zu einem bundesweiten Ernährungsprogramm aufnehmen. Der Aktionsplan "Gesunde Ernährung und Bewegung" soll bis Frühjahr 2008 mit Ländern, Kommunen und Verbänden erarbeitet werden. Kollege Horst Seehofer (CSU) will dazu als Verbraucherminister morgen sogar eine Regierungserklärung im Bundestag abgeben. Auch ein Antrag von Union und SPD spricht von Handlungsbedarf.
Laut Eckpunktepapier sind in Deutschland 37 Millionen Erwachsene und zwei Millionen Kinder übergewichtig oder fettleibig - also grob gesagt jeder zweite. Folge sind Herzkreislauferkrankungen, Diabetes und Rückenbeschwerden. Die Folgekosten werden auf 70 Milliarden Euro geschätzt. Sie sollen durch das Programm erheblich gesenkt werden. Das von Schmidt ausgegebene 20-Prozent-Ziel würde bedeuten, dass knapp acht Millionen Menschen abspecken müssten.
Fünf Tipps zum Abnehmen
Die Regierung benennt dazu fünf Handlungsfelder: Vorbildfunktion der öffentlichen Hand, Bildung und Information - vor allem in Schule und Elternhaus -, Bewegung im Alltag, bessere Verpflegung außer Haus etwa in Kantinen sowie mehr Forschung zu Ernährung und Übergewicht. Das Ziel "Gesund Leben" soll laut Ministerin Schmidt als gesellschaftlicher Wert verankert werden. Ernährungserziehung müsse früh beginnen und Strukturen für einen gesunden Lebensstil geschaffen werden, heißt es in dem neunseitigen Papier.
"Diese Eckpunkte sind der Startschuss für ein dauerhaftes Projekt", glaubt Verbraucherminister Seehofer. Es gehe darum, den Menschen bei einer besseren Ernährung und gesünderen Lebensweise zu helfen. Unabdingbar sei mehr Bewegung. "Wir wollen keine Olympiade der Verbote", sagte der CSU-Politiker.
Das wiederum hören nicht nur die Erzeuger von Schokoriegeln gern. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie begrüßte jedenfalls den Verzicht auf neue Vorschriften. Eigenverantwortung sei stattdessen gefragt, glaubt die Industrie. "Warum soll die Industrie schuld sein, wenn jemand zu viel isst?", fragt BVE-Chef Jürgen Abraham.
Verbraucherschützer hatten eine deutlichere Kennzeichnung von Lebensmitteln nach dem Ampelprinzip gefordert: grün für gesunde Kost, gelb für mittelprächtig und rot für sehr fett- oder zuckerhaltige Waren. Seehofer glaubt jedoch, damit entstünde der - falsche - Eindruck, rot gekennzeichnete Lebensmittel dürfe man gar nicht kaufen.
Grüne sind unzufrieden, FDP witzelt
Die Grünen halten die Vorschläge deshalb für zu unverbindlich. Gefordert seien nicht Sprechblasen, sondern konkrete Maßnahmen, darunter eben bessere Kennzeichnung und gesetzliche Werbeauflagen für Kinderlebensmittel, erklärte die Oppositionspartei. Dies verlangte auch die Verbraucherorganisation Food Watch in der "Frankfurter Rundschau".
Dagegen ist die FDP auf Linie mit der Industrie. Partei-Chef Guido Westerwelle sagte heute vor Journalisten in Berlin: "Ein Werbeverbot für Gummibärchen ist nur noch politischer Klamauk." Er halte die Ernährungsvorschläge der Regierung für "politisch untergewichtig", sagte Westerwelle. Und dann kam der Liberale richtig in Fahrt: Es stelle sich nun die Frage, ob die Zukunft auch ein Auftrittsverbot für übergewichtige Politiker im Fernsehen bringen werde. SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel und Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer wären dann alle draußen - und könnten wegen ihrer Leibesfülle nie wieder bei Sabine Christiansen sitzen.
Philologen-Chef Neßler hat währenddessen noch einen ernst gemeinten Vorschlag für die Bundesregierung: Die Schüler sollten im Biologieunterricht zu gesunder Ernährung veranlasst werden. Dagegen hält Neßler ein eigenes Unterrichtsfach zu diesem Thema eher für "utopisch".
Aber eben die Schokoriegel…
flo/anr/ap/dpa
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