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Demografie Das Leiden der jungen Mitte

2. Teil: Die jungen Männer der Mitte ticken wie ihre Väter

Zwar ist den jungen Männern wichtig, ein wenig mehr Zeit für die Kinder aufzubringen, als es noch die eigenen Väter taten. Als Bild hat man dabei im Kopf, am Sonntag mit dem Nachwuchs, wenn er denn da ist, in den Zoo, ins Kino oder ins Schwimmbad zu gehen.

Im übrigen aber, ganz für sich, hofft man, dass es auch in der eigenen künftigen Partnerschaft so weitergehen mag, wie viele es aus dem Elternhaus kennen: Für Wäsche, Raumpflege, tägliche Mahlzeiten sind primär die Frauen zuständig.

Doch wissen die jungen Männer der Mitte, dass man dergleichen unterschwellige Erwartungen zwar den nachfragenden Sozialforschern in diskreten qualitativen Interviews augenzwinkernd preisgeben darf, aber dies besser nicht lauthals in der Öffentlichkeit herausposaunt. Insofern richten sich die jungen Mitte-Männer darauf ein, den Dispens von lästigen Haushaltsangelegenheiten dereinst ihren Partnerinnen tagtäglich zäh abringen zu müssen. Eine gleichgewichtige Aufgabenverteilung jedenfalls möchten sie partout nicht akzeptieren.

Die jungen Frauen der Mitte haben Verständnis

Die Aussicht, damit durchzukommen, sind erkennbar günstiger als bei ihren gleichaltrigen Geschlechtsgenossen mit Abitur. Die jungen Frauen in den deutschen Mitte-Milieus sind (so dokumentieren es zumindest die Ergebnisse der hier zu Grunde gelegten Untersuchung) eher geneigt, den Rechtfertigungen ihrer potentiellen männlichen Partner für die höchst zurückhaltende Bereitschaft zu Erziehungs- und Haushaltsaufgaben mit Verständnis zu begegnen.

Denn das Männer-Bild der jungen Mitte-Frauen trägt noch allerlei traditionelle Züge: Der Mann firmiert darin nach wie vor als Hauptversorger, dem in der Tat die Bürde zufällt, durch beruflichen Erfolg für ein stabiles Auskommen seiner im lokalen Mikrokosmos nur so angemessen reputierlichen Familie zu sorgen. Und da es in der Berufswelt heute denkbar rau und rüde zugeht, da dort mit bösartigen Rivalen und üblen Intrigen jederzeit zu rechnen ist, kann der Ehemann und Vater der Kinder der Mitte-Frauen nicht in gutmenschelnder Partnerschaftskorrektheit unbekümmert zu Hause hocken, Säuglingen fröhlich die Pampers anlegen oder beflissen den Flur schrubben.

Ein solcher Mann wäre zwar auch in den Augen der 20-jährigen Frauen aus den mittleren sozialen Lagen eine erfreuliche Figur - aber als dann denkbarer Berufsversager doch ein keinesfalls erträgliches Risiko für das genuine Lebensziel: Haus, Garten und Kinder, die es einmal weit bringen sollen.

Die jungen Mitte-Frauen schimpfen über oben und unten

Insofern befinden sich Frauen dieser Lebenswelt in einer Position, die oft genug in den Kommentaren der Deutungsavantgarde zur Grammatik eines vorbildlichen modernen Lebens keine sonderlich gute Presse findet. Also müssen die jungen Mitte-Frauen ihre Position subjektiv aufwerten.

Dies geschieht in historisch vielfach erprobter Manier der Mitte durch Abwertung der Lebensmuster ober- wie unterhalb des eigenen sozialen Orts. Mitte-Menschen wähnen sich gern als Fels in der Brandung moralischen Zerfalls. Und die jungen Mitte-Frauen des Jahres 2007 schimpfen über die verantwortungslosen Mütter unten, die ihre Kinder durch Fast-Food und unbegrenzten Fernsehkonsum verwahrlosen lassen. Sie ereifern sich mindestens ebenso heftig über die "karrieregeilen Frauen" oben, denen pure Egozentrik unterstellt wird, da sie, um beruflich zu reüssieren, ihre Kinder bedenkenlos in Horte und andere Ganztagseinrichtungen "abgeben".

In dieser Interpretation sorgt allein die Mitte für Wohl, Wärme und Werte in Aufzucht und Erziehung des nationalen Nachwuchses.

Und dann immer das Gefühl, nicht gewürdigt zu werden

Dabei hat die Mitte – auch das ist historisch nicht neu – den Eindruck, dass ihr Einsatz weitaus zu wenig gewürdigt wird, dass allein die Leitvorstellungen der Frauen mit Abitur und Studium als Maßstab einer modernen Lebensweise gelten. Der Groll darüber erfolgt nicht laut und elaboriert. Aber er existiert ganz unverkennbar.

In der Mitte ist der Traum vom Aufstieg regelmäßig präsent. Doch sind die Aufstiegskanäle durch den Vorsprung der gleichaltrigen Abiturienten/Universitätsabsolventen in den Zeiten der Wissensgesellschaft weitgehend verstopft. Der Rutsch nach unten ist realistischer als der Sprung nach oben.

Mitte-Menschen haben das in den vergangenen Jahren hochsensibel wahrgenommen, fürchten um den Erhalt dessen, was im Mittelpunkt ihres Lebensplans steht: eben Ansehen im Beruf und in Freundeskreisen, eine stabile Familie, ein gutes und sicheres Einkommen, ein eigenes Haus, schließlich Kinder, die es einmal noch ein Stückchen besser als man selbst haben sollen.

Die Sorge darum treibt schon die 20-Jährigen der gesellschaftlichen Mitte um. Ignorieren sollte man diese prekäre Befindlichkeit im sozialgeographischen Zentrum der Gesellschaft nicht.

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insgesamt 20 Beiträge
W.E.P. 03.06.2007
Welche Erkenntnis steckt denn hinter diesem Artikel? 1. Die gesellschaftliche Mitte, d.h. deren jüngerer Teil steckt in einem altbekannten Dilemma fest. Einerseits sind berufliche Aufstiegschancen gegeben, wenn auch in gewisser [...]
Welche Erkenntnis steckt denn hinter diesem Artikel? 1. Die gesellschaftliche Mitte, d.h. deren jüngerer Teil steckt in einem altbekannten Dilemma fest. Einerseits sind berufliche Aufstiegschancen gegeben, wenn auch in gewisser Weise begrenzt; andererseits lebt dieser Teil der Gesellschaft in dem Bewusstsein, niemals ganz oben, aber auch zugleich niemals ganz unten dazu zu gehören. 2. Es gibt, wie auch schon in der Mitte der 90er Jahre keine Garantie, dass der Lebensstandard der Eltern gehalten werden kann 3. Die gesellschaftliche Mitte lebt in der permanenten Angst, mit ihren persönlichen Lebenszielen Schiffbruch zu erleiden. Was ist daran neu? Die im Vergleich zu höheren Bildungsabschlüssen geminderten Aufstiegschanchen? Nun ja, bis in die späten 80er Jahre hinein wurden einige Leitungspositionen noch ohne akademische Qualifikationen besetzt, dies geschieht heute sicherlich nicht- wobei man über die Gründe sicherlich trefflich streiten kann. Ist jene Angst neu, die darin gründet nicht die soziale Stellung oder den Lebensstandard der Eltern zu erreichen? J zum Teil ist dies neu, denn während am Anfang und an Ende der 90er Jahre dieses Risiko bereits ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt war, ist es heute eine unverrückbare Realität: Nahez eine ganze Generation findet in den Berufsfeldern ihrer Eltern keine Beschäftigung mehr, muss sich in einer veränderten Zeit einer veränderten Wirtschaft und veränderten Gesellschaft anpassen. Das ist nicht ganz so neu, wenn man sich etwa die frühen 80er anschaut, aber in der Intensität no nicht dagewesen. Am prekärsten ist sicherlich die Angst vor dem Scheitern, dem Scheitern an den eigenen Idealen und Zielvorstellunge; dem Abrutschen in moralisch desavouierte Gruppen, in ein ebenso kaputtes Leben wie jenes, das die abgelehnten Teile der Gesellschaft oberhalb und unterhalb führen. Der Verlust der Partnerschaft, das Ab- und Entgleiten der Kinder, der Verlust der Arbeit; alles Kernängste heut die in den Köpfen derer Spuken, die Morgen die Mitte der Gesellschaft bilden sollen. Die Antwort darauf sind gewissermaßen Neid, Missgunst und Ablehnung anderer Schichten. Muss die Politik oder die Gesellschaft antworten? Ja sie muss es, denn aus diesem Milieu können Denkensweisen entstehen, die dereinst zum Totalverfall der Gesellschaft führten. Wenn die Mitte gänzlich - zumindest gefühlt - ihre Perspektiven verliert, wird die Mitte der Gesellschaft zum Bollwerk gegen Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklung; dann verbarikadiert sich ein entscheidender Teil unseres Landes hinter konservativen abgeschotteten Denstrukturen die nahezu alles zu Blockieren vermögen. Das ist der wichtigste Punkt für die gesellschaftliche Diskussion, es braucht Perspektiven - nicht notwendig ideologischer Natur- die diesen Menschen halt geben, sonst verliert die ganze Gesellschaft ihren Halt!!
Peter Sonntag 03.06.2007
Das war doch das Familienbild der "guten, alten Zeit". Wo möglich noch fleißig arbeiten, die Kinder richtig erziehen, keine Lebensabschnitts-Partnerschaften mehr, Idylle ? Und das soll nun die Lebensplanung der [...]
Zitat von sysopFamilie, Haus und Garten – das ist laut einer neuen Studie die Lebensplanung junger Frauen und Männer aus der deutschen Mitte.
Das war doch das Familienbild der "guten, alten Zeit". Wo möglich noch fleißig arbeiten, die Kinder richtig erziehen, keine Lebensabschnitts-Partnerschaften mehr, Idylle ? Und das soll nun die Lebensplanung der deutschen Jugend sein ? Dazu wäre es nötig, den gesamten Zeitgeist zu wenden. Unmöglich, alle Inhalte der 68er zu kippen, entsprechende Gesetze zu ändern, den Männern wieder Selbstvertrauen zu geben, die Erziehung zu reformieren.... Oder sollte etwa Ihre Frage pure Ironie gewesen sein ?
newliberal 03.06.2007
Sehr geehrter Hr. Prof. Dr. Walter, Ihre Artikel sind i.d.R. lesenswert, allerdings lässt die Qualität in letzter Zeit stark nach. "In den Jahren der Krise seit 2001 hat die Sekuritätsorientierung der Mitte.." - [...]
Sehr geehrter Hr. Prof. Dr. Walter, Ihre Artikel sind i.d.R. lesenswert, allerdings lässt die Qualität in letzter Zeit stark nach. "In den Jahren der Krise seit 2001 hat die Sekuritätsorientierung der Mitte.." - schreiben Sie doch einfach Sicherheitsdenken. Man muss fehlenden Inhalt nicht unbedingt mir verquasten nur in der Soziologie gebräuchlichen Latinismen überdecken. "Reputierliche Familie" Bei diesem Ausdruck des 19Jhrdts. höre ich eine gewisse Häme des Alt 68ers heraus. Oder täusche ich mich ? Wie dem auch sei, was wollen Sie dem geneigten Leser mit diesem Artikes mitteilen, dass die Welt der unteren Mittelklasse zerbricht ? Keine Frage, nur dass kann man mit eigenen Augen selbst jeden Tag in Augenschein nehmen. Die Gründe kommen allerdings etwas zu kurz. Liegt es vielleicht daran, dass gerade diese Schicht als überwiegend abhängig Beschäftigte von Steuern, Sozialabgaben und eines sich verändernden wirtschaftlichen Umfeldes stranguliert wird ? Wird mit den Steuergeldern dieser Leute nicht auch der "akademische Überbau" finanziert ? Grund zur Häme ist hier fehl am Platz. Man muss sich nicht mit den Idealen dieser Gesellschaftsschicht identifizieren, (das tue ich auch nicht) aber man sollte zumindest anerkennen dass das Kleinbürgertum in wesentlichen Teilen diesen Staat trägt- monetär und auch mental. Wenn die Unterschicht den Aufstand probt ist das alles eher harmlos. Wenn das Kleinbürgertum die Hoffnung auf bessere Zeiten verliert, kippt das System- und dann Gnade uns Gott.
Yslsl 03.06.2007
...angeblich (weiss nicht mehr woher ich das habe) ist folgendes allgemeingueltig: Menschen reproduzieren sich vor allem dann, wenn die Chance besteht, dass der Nachwuchs es besser hat als man selbst. Da die [...]
...angeblich (weiss nicht mehr woher ich das habe) ist folgendes allgemeingueltig: Menschen reproduzieren sich vor allem dann, wenn die Chance besteht, dass der Nachwuchs es besser hat als man selbst. Da die "Mitte" der frueheren Zwiebelstruktur der Gesellschaft im heutigen Neoliberalismus nach unten bzw. oben wandert, waehrend die Zwiebel zur (bodenlastigen) Hantel mutiert, wundert mich die deutsche Kinderlosigkeit wenig. Habe selbst wenig Lust auf Kinder, solange der Partner arbeitet und beide jederzeit den Berufsort ueberall hin wechseln muessen. Und wenn das irgendwann nicht mehr der Fall sein wird, wirds zu spaet sein, fuer Nachwuchs.
Mikael 03.06.2007
Eines ist sicher! Die angestrebte kleine, heile Welt, das Festhalten an bisherigen Lebensmodellen ist zum Untergang verurteilt. Die gobalen Probleme, die sich rasant weiter verschärfen, beeinflussen in so starkem Maße die eigene [...]
Eines ist sicher! Die angestrebte kleine, heile Welt, das Festhalten an bisherigen Lebensmodellen ist zum Untergang verurteilt. Die gobalen Probleme, die sich rasant weiter verschärfen, beeinflussen in so starkem Maße die eigene Lebensplanung, daß es utopisch ist zu erwarten, man könne abgetrennt vom Rest der Welt, das bisher Praktizierte weiterhin leben. Nur sehen das viele noch nicht und glauben, mit der jetzigen Krise, genauso umgehen zu können wie bisher: Einfach mal wegschauen und sich weiterhin um den eigenen Nabel drehen. Mir fällt auf, daß unsere Gesellschaften weltweit zerfallen und viele Bürger sich isoliert vorkommen. Unsere Solidarität als menschliche Spezies ist gefragt. Ein umfassenderes, globales Denken ist bitter notwendig, um das Geleise von Nationalismus zu verlassen. Ich befürchte, daß die Regierungen weltweit, zukünftig restriktiver gegen die eigene Bevölkerung vorgehen werden und ein Großteil der Bürger das begrüßen wird, im Irrglauben, es diene der Sicherheit. Wir leben auf jeden Fall in verdammt interessanten Zeiten. Leider habe ich keine realistische Antwort auf die Herausforderungen, sehe aber zumindest, daß das übliche "business as usual" eindeutig nicht zukunftsträchtig ist.
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