Von Franz Walter
Zwar ist den jungen Männern wichtig, ein wenig mehr Zeit für die Kinder aufzubringen, als es noch die eigenen Väter taten. Als Bild hat man dabei im Kopf, am Sonntag mit dem Nachwuchs, wenn er denn da ist, in den Zoo, ins Kino oder ins Schwimmbad zu gehen.
Im übrigen aber, ganz für sich, hofft man, dass es auch in der eigenen künftigen Partnerschaft so weitergehen mag, wie viele es aus dem Elternhaus kennen: Für Wäsche, Raumpflege, tägliche Mahlzeiten sind primär die Frauen zuständig.
Doch wissen die jungen Männer der Mitte, dass man dergleichen unterschwellige Erwartungen zwar den nachfragenden Sozialforschern in diskreten qualitativen Interviews augenzwinkernd preisgeben darf, aber dies besser nicht lauthals in der Öffentlichkeit herausposaunt. Insofern richten sich die jungen Mitte-Männer darauf ein, den Dispens von lästigen Haushaltsangelegenheiten dereinst ihren Partnerinnen tagtäglich zäh abringen zu müssen. Eine gleichgewichtige Aufgabenverteilung jedenfalls möchten sie partout nicht akzeptieren.
Die jungen Frauen der Mitte haben Verständnis
Die Aussicht, damit durchzukommen, sind erkennbar günstiger als bei ihren gleichaltrigen Geschlechtsgenossen mit Abitur. Die jungen Frauen in den deutschen Mitte-Milieus sind (so dokumentieren es zumindest die Ergebnisse der hier zu Grunde gelegten Untersuchung) eher geneigt, den Rechtfertigungen ihrer potentiellen männlichen Partner für die höchst zurückhaltende Bereitschaft zu Erziehungs- und Haushaltsaufgaben mit Verständnis zu begegnen.
Denn das Männer-Bild der jungen Mitte-Frauen trägt noch allerlei traditionelle Züge: Der Mann firmiert darin nach wie vor als Hauptversorger, dem in der Tat die Bürde zufällt, durch beruflichen Erfolg für ein stabiles Auskommen seiner im lokalen Mikrokosmos nur so angemessen reputierlichen Familie zu sorgen. Und da es in der Berufswelt heute denkbar rau und rüde zugeht, da dort mit bösartigen Rivalen und üblen Intrigen jederzeit zu rechnen ist, kann der Ehemann und Vater der Kinder der Mitte-Frauen nicht in gutmenschelnder Partnerschaftskorrektheit unbekümmert zu Hause hocken, Säuglingen fröhlich die Pampers anlegen oder beflissen den Flur schrubben.
Ein solcher Mann wäre zwar auch in den Augen der 20-jährigen Frauen aus den mittleren sozialen Lagen eine erfreuliche Figur - aber als dann denkbarer Berufsversager doch ein keinesfalls erträgliches Risiko für das genuine Lebensziel: Haus, Garten und Kinder, die es einmal weit bringen sollen.
Die jungen Mitte-Frauen schimpfen über oben und unten
Insofern befinden sich Frauen dieser Lebenswelt in einer Position, die oft genug in den Kommentaren der Deutungsavantgarde zur Grammatik eines vorbildlichen modernen Lebens keine sonderlich gute Presse findet. Also müssen die jungen Mitte-Frauen ihre Position subjektiv aufwerten.
Dies geschieht in historisch vielfach erprobter Manier der Mitte durch Abwertung der Lebensmuster ober- wie unterhalb des eigenen sozialen Orts. Mitte-Menschen wähnen sich gern als Fels in der Brandung moralischen Zerfalls. Und die jungen Mitte-Frauen des Jahres 2007 schimpfen über die verantwortungslosen Mütter unten, die ihre Kinder durch Fast-Food und unbegrenzten Fernsehkonsum verwahrlosen lassen. Sie ereifern sich mindestens ebenso heftig über die "karrieregeilen Frauen" oben, denen pure Egozentrik unterstellt wird, da sie, um beruflich zu reüssieren, ihre Kinder bedenkenlos in Horte und andere Ganztagseinrichtungen "abgeben".
In dieser Interpretation sorgt allein die Mitte für Wohl, Wärme und Werte in Aufzucht und Erziehung des nationalen Nachwuchses.
Und dann immer das Gefühl, nicht gewürdigt zu werden
Dabei hat die Mitte – auch das ist historisch nicht neu – den Eindruck, dass ihr Einsatz weitaus zu wenig gewürdigt wird, dass allein die Leitvorstellungen der Frauen mit Abitur und Studium als Maßstab einer modernen Lebensweise gelten. Der Groll darüber erfolgt nicht laut und elaboriert. Aber er existiert ganz unverkennbar.
In der Mitte ist der Traum vom Aufstieg regelmäßig präsent. Doch sind die Aufstiegskanäle durch den Vorsprung der gleichaltrigen Abiturienten/Universitätsabsolventen in den Zeiten der Wissensgesellschaft weitgehend verstopft. Der Rutsch nach unten ist realistischer als der Sprung nach oben.
Mitte-Menschen haben das in den vergangenen Jahren hochsensibel wahrgenommen, fürchten um den Erhalt dessen, was im Mittelpunkt ihres Lebensplans steht: eben Ansehen im Beruf und in Freundeskreisen, eine stabile Familie, ein gutes und sicheres Einkommen, ein eigenes Haus, schließlich Kinder, die es einmal noch ein Stückchen besser als man selbst haben sollen.
Die Sorge darum treibt schon die 20-Jährigen der gesellschaftlichen Mitte um. Ignorieren sollte man diese prekäre Befindlichkeit im sozialgeographischen Zentrum der Gesellschaft nicht.
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