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06.06.2007
 

G-8-Gipfel

Pannen im Paralleluniversum

Aus Kühlungsborn berichten Severin Weiland und Carsten Volkery

Gleich am ersten Tag bringen G-8-Gegner durch Blockaden den Ablauf des Gipfeltreffens durcheinander. Der Tagungsort in Heiligendamm war zeitweise nicht mehr zu erreichen, die Medienmaschine stand im Stau.

Kühlungsborn - Der Blick aus dem Pressezentrum, einem perfekt hergerichteten Zelt in U-Form, geht aus dem ersten Stock hinaus auf die graublaue Ostsee, rechts liegt ein Yachthafen. Im Innenhof lungern einige Journalisten in blau-weiß gestreiften Strandkörben. In der Mitte steht ein Bassin, in dem Spielzeug-Segelboote schaukeln.

Urlaub in Deutschland 2007?

Nein, G-8-Gipfel am 6. Juni, dem ersten Tag. Nichts geht mehr, wenigstens zeitweise. Die Demonstranten haben am frühen Nachmittag die Zufahrtswege nach Heiligendamm gesperrt, dem eigentlichen Tagungsort. Überraschend waren die Demonstranten bis zum Zaun vorgerückt, die Polizei drängte die G-8-Kritiker zurück.

Demonstranten, Polizisten: Auch die Zugverbindung nach Heiligendamm wurde blockiert
Getty Images

Demonstranten, Polizisten: Auch die Zugverbindung nach Heiligendamm wurde blockiert

Schon die Anreise bot einen ersten Eindruck vom Ausnahmezustand. Sämtliche Brücken, Parkplätze und Auffahrten der Autobahnen um Rostock sind durch Polizisten gesichert. Was so theoretisch als "Bundeswehr-Einsatz im Inneren" als Amtshilfe der Polizei durch die Medien geistert, hier ist es zu sehen. Auf vielen Brücken stehen Schützenpanzer der Bundeswehr in ihren Tarnanstrichen. Das Land drum herum ist weit und leer. Ihre Infrarot-Geräte suchen Himmel und Boden ab.

Die Autobahn wird, kaum einen Kilometer vor der Abfahrt zum Flughafen Rostock-Laage, gesperrt. Nicht von Demonstranten, sondern von Polizisten aus Nordrhein-Westfalen. Warum geht es nicht weiter? Schwebt ein Teilnehmer des G-8-Gipfels ein? Oder gibt es Sitzblockaden durch Protestler? Die Polizisten zucken mit den Achseln. "Ihr könnt euch euren Gipfel sonst wohin schmieren", brüllt ein entnervter Fahrer.

Deutschland im Sommer 2007. Von Urlaubslaune noch weit entfernt. "Das war nicht unsere Idee", brüllt der Polizist zurück.

Vom Pressezentrum in Kühlungsborn, rund acht Kilometer von Heiligendamm entfernt, soll die "Molli", die romantische Bimmelbahn, die Journalisten in die streng gesicherte Hotelanlage bringen. Dort finden die "Briefings" statt, die Unterrichtungen für die Medienvertreter durch die G-8-Vertreter oder hochrangige Mitglieder aus deren Delegationen. Und die Großen zeigen sich dort für Minuten selbst. US-Präsident George W. Bush und Angela Merkel stehen am frühen Nachmittag nach ihrem Gespräch vor der weißen Kulisse des mondänen Badeorts.

Doch die Blockaden zwingen die meisten Journalisten aus aller Welt zum Warten im Pressezentrum. Auch die Journalistenbusse nach Heiligendamm fahren zeitweise nicht mehr. So wird die Medienwelt zum Absurdistan, wie so oft auf solchen Massenveranstaltungen: Der Blick schweift von der Ostsee auf die großen Bildschirme, die entlang der Arbeitsplätze aufgebaut sind. "Thank you for your leadership, thank you for your hospitality", sagt Bush. Merkel sagt: "Das Gespräch war recht gut." Dann gehen sie wieder. Die Kanzlerin hat noch Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs Romano Prodi, Shinzo Abe, Nicolas Sarkozy und Wladimir Putin. Dann kommen irgendwann die Bilder ins Pressezentrum von den Demonstranten, die die Bahngleise stürmen. Sie johlen und jubeln. Die Journalisten drehen die Köpfe hin zu den Bildschirmen.

Die Organisatoren tun, was sie können. Weil der Landweg blockiert ist, sollen Journalisten per Barkassen von Kühlungsborn nach Heiligendamm geschippert werden. 60 Personen pro Fahrt dürfen mit, heißt es. Die Auswahl erfolgt durch das Bundespresseamt. Journalisten bewerben sich um die Plätze. Ein Offizieller sagt, halb im Scherz, halb genervt: "Das ist hier wie mit der Arche Noah - da kommt auch nicht jeder rauf".

In der Lobby, vor dem Schild "Transportation", reden sich Bundeswehr-Offiziere und andere Sicherheitsbeamte den Mund fusselig. Nein, im Augenblick würden die Barkassen nicht fahren. Warum? "Es wird gerade der Zufahrtsweg der Busse vom Sicherheitszentrum bis zur Anlegestelle blockiert". Kurze Pause. Dann: "Aber wir haben Informationen von der Polizei, dass geräumt wird."

Es sind zwei Welten, getrennt durch acht Kilometer. Hier Kühlungsborn, dort die innere Sicherheitszone in Heiligendamm. Dazwischen Blockaden und strenge Sicherheitsschleusen. Denn wer im Pressezentrum sitzt, muss erst noch durch scharfe Kontrollen. Sicher ist sicher.

"Rechnen Sie bitte mit den Kontrollen und der Fahrt nach Heiligendamm mit rund 60 Minuten", heißt es im Akkreditierungsbüro, wo die Journalisten ihre Ausweise in Empfang nahmen. Warten und den Ostseeblick genießen, dazu sind die Journalisten eigentlich nicht hergekommen. Medien sind gefräßig, vor allem die elektronischen. Irgendetwas passiert immer - selbst wenn nichts passiert. Ein japanisches Kamerateam stellt sich vor dem Sicherheitszelt auf und beginnt, die wartenden Kollegen abzufilmen.

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