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Von Florian Gathmann, Rostock
Rostock - Der massige Mann im schwarzen Pullover zieht seine Kapuze tiefer ins Gesicht. "Du Schwein", brüllt es von hinten, wütende Autonome versuchen ihn zu schlagen und zu treten, während er den Rücken krümmt. Was ihn schützt, kurz vor der zentralen Sicherheitsschleuse an der Galopprennbahn vor Heiligendamm, ist ein Kreis von friedlichen Demonstranten. "Hört doch auf mit dem Mist", rufen sie. Der bizarre Pulk bewegt sich rasch auf die Polizeilinie hin, dann schieben die Demonstranten den schwarzgekleideten Vermummten auf die Beamten zu, die rücken kurz auseinander und wieder zusammen. Der Mann ist verschwunden.
"Das war ein Zivilbeamter, der unsere Leute zum Steinewerfen aufwiegeln wollte", erklärt später ein Sprecher der Block-G-8-Gruppe, ein "Agent provocateur". Er habe die Vermummung nicht abnehmen wollen, sich auch geweigert, seinen Personalausweis zu zeigen. Als ihm jemand die Maske vom Gesicht riss, sei der Mann von einem Umstehenden als Polizist erkannt worden, erzählt der Sprecher. "Ich traue der Polizei ja so einiges zu - aber hätte ich das nicht selbst erlebt, ich würde es nicht glauben", sagt Christoph Kleine, Sprecher der Interventionistischen Linken.
Autonomenpropaganda, linke Spinnereien, Verfolgungswahn? Es ist eine dieser Geschichten, die auf Demonstrationen immer wieder erzählt werden. Die so sehr nach Verschwörung klingen, dass man sie nicht glauben mag. Doch diese Szene bringt selbst die staatstreuesten Kollegen ins Zweifeln.
Hier der Protest, da die Polizei - fünf Tage geht es nun schon hin und her rund um Rostock und Heiligendamm. Seitdem die friedliche Demonstration am Samstag von brutaler Gewalt überlagert wurde, versuchen die Veranstalter, das Bild ihrer Bewegung wieder zurechtzurücken. Dabei macht es sich gut, Bösartigkeiten der anderen zu überliefern. Die Polizei reagiert zum Teil übernervös, manche Informationen erwecken den Eindruck gezielter Desinformation. Dazwischen stehen Journalisten aus aller Welt, die sich daraus ein Bild machen und berichten sollen. "Das ist wahnsinnig schwer", sagt der Kollege einer schwedischen Tageszeitung.
In den Tagen zuvor hat man im Pressezelt Darstellungen gehört, wie Gefangenen Essen und Trinken vorenthalten würde. Einmal wurde auch ein Foto herumgereicht, schwarz-weiß und sehr unscharf, auf dem ein vor Polizisten kniender Mensch zu sehen ist, dem eine Art Tüte über den Kopf gestülpt wird. Propaganda oder Wahrheit? Das Problem: Details zu den Vorwürfen sind in der Regel nicht zu erfahren.
Gleiches behauptet die Gegenseite: "Von uns gibt es keine bewusste Verbreitung von Falschmeldungen", sagt Kavala-Sprecher Claassen, "ich weise das entschieden zurück." Allerdings seien in diesen Tagen 40 Sprecher im Einsatz, "ich kann nicht kontrollieren, was die sagen". In der Tat scheint das ein Problem zu sein: Wenig koordiniert erscheint vielen Journalisten der Polizei-Einsatz insgesamt - umso mehr gilt das wohl für die Pressearbeit. Zudem müssen sich die Sprecher auf die Informationen verlassen, die von den Einheiten am Einsatzort gesammelt und übermittelt werden.
Gab es gestern also tatsächlich Kartoffeln, die mit Nägeln gespickt waren, und Molotow-Cocktails an der Galopprennbahn vor Heiligendamm? Von den zahlreichen anwesenden Journalisten hatte dies keiner bemerkt.
"Wir haben Bilder, wie kleine Fetzen in Flaschen gesteckt wurden", sagt Claassen. Veröffentlichen will er sie allerdings nicht. Und warum meldete die Polizei zunächst, beim Einsatz verletzte Beamten würden von der Galopprennbahn ausgeflogen, um dies später selbst zu dementieren? "Man muss ja auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen", sagt Claasen. Offensichtlich handelte es sich um Polizisten, die vom langen Stehen und der Hitze total erschöpft waren. Die von seinen Leuten gemeldeten Steinewerfer, die habe es jedenfalls gegeben, betont Claassen, allerdings im Wald, daher für die Journalisten nicht zu sehen.
"Gestern rief mich ein Kollege an, der von einem hier im Einsatz getöteten Kollegen gehört hatte", sagt Claassen. Der Buschfunk funktioniert also auf beiden Seiten - und dazwischen sucht man mühsam nach der Wahrheit.
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