• Drucken
  • Senden
  • Feedback
10.06.2007
 

Neuer Liberalismus

Burnout in der Generation Guido

Von Franz Walter

Leistungsbereit, marktorientiert, fortschrittsgläubig - eine Generation wie Guido Westerwelle. Lange spiegelte dessen FDP die Wünsche und Ziele vieler heute 30-Jähriger wieder. Jetzt erleben sie ihr erstes Burnout-Syndrom und die Liberalen ihr blaues Wunder.

Vor einigen Jahren machte für eine Weile die Metapher von der "Generation Guido" die Runde durch die Medienlandschaft. Das war vor den horriblen Eskapaden des Jürgen W. Möllemann, auch vor der Pleite mit dem lustigen Guidomobil im schwerblütigen Hochwasserwahlkampf 2002. Die schöne Zeit der "Generation Guido" lag im Jahr 2000, als die CDU traurig in der Geldkofferdepression und die New Economy noch euphorisch im Höhenrausch lag.

Beschädigtes Westerwelle-Plakat: Grenzen der eigenen Leistungskraft und Belastungsfähigkeit erfahren
Zur Großansicht
DDP

Beschädigtes Westerwelle-Plakat: Grenzen der eigenen Leistungskraft und Belastungsfähigkeit erfahren

Schon in den Jahren zuvor hatte ihr Patron – eben Guido Westerwelle – zwar mit imposanter Hartnäckigkeit für sich die Rolle des Protagonisten einer neuen Generation reklamiert. Aber er blieb zunächst lange ein seltsamer, da einsamer Prophet ohne Anhänger. In seiner Generation – Westerwelle gehört dem Geburtsjahrgang 1961 an – schnitten und schneiden die Freien Demokraten weit überproportional schlecht ab, die Hauptgegner Westerwelles, die Grünen, hingegen außergewöhnlich gut.

Und doch lag Westerwelle mit seiner Wahrnehmung nicht rundum falsch. Die Anführer neuer politischer Generationen entstammen schließlich in aller historischen Regel niemals eben dieser Generation, sondern zumeist der vorangegangenen Kohorte.

Jedenfalls antizipierte Westerwelle unzweifelhaft früh, schon als Jugendlicher in den noch eher ökopazifistisch durchdrungenen frühen achtziger Jahren, dass sich der kulturelle Wind in der Republik drehen würde. Eben dies geschah in den ersten Jahren der langen Ära Kohl. Der zuvor so prägungsmächtige 68er Mainstream versiegte allmählich.

Dinks und Yuppies konnten mit Mao und Marx nichts anfangen

Vorbei ging es mit Hippielook, der "Peter, Paul und Mary"-Musik, dem Kult um die Sonnenblume, mit Mao, Marx und Marcuse. Die neuen Kohorten lasen "Tempo" und "Wiener" statt "Konkret" oder "Berliner Extradienst", kleideten sich chic statt schmuddelig. Steffi Graf und Boris Becker waren kongeniale Helden und Idole. Für die neuen Jahrgänge bürgerten sich im Laufe der Achtziger und Neunziger allerhand Kollektivbegriffe ein; zunächst sprach man von "Yuppies", dann kamen die Bezeichnungen "Dinks", "Dotcoms" und "Yetties" auf. In Deutschland wurde Florian Illies' Metapher "Generation Golf" so populär wie umstritten. Auch von "Ichlingen" war die Rede.

Derlei Sprachgirlanden haben viel Spott hervorgerufen. Die Generationenlampions galten als rein spekulativ, modisch, als Konstrukte originalitätsheischender Feuilletonschreiber. Doch selbst die stocknüchternen quantifizierenden Wahl- und Werteforscher stellten nach penibler Auswertung langer Datenreihen und wohl auch zur eigenen Verblüffung fest, dass sich die Orientierungen und das Wahlverhalten der Jahrgänge 1966 bis 1977 – eben derjenigen, die man fortan der "Generation Guido/Golf" zuordnete – von der sogenannten postmaterialistischen Vorgängergeneration ziemlich fundamental unterschieden.

Kurzum: Die "Generation Guido/Golf" himmelte nicht mehr Lafontaine, Schröder und Fischer an; sie schlug sich stattdessen mehrheitlich in das bürgerliche Lager von Union und FDP. Insbesondere die Freien Demokraten profitierten von dieser Gruppe. Und allen voran Guido Westerwelle konnte sich nach etlichen Jahren schlimmer freidemokratischer Niederlagen in Ländern und Kommunen, nach Legionen von hämischen Kommentaren schlussendlich als Mann im Recht fühlen, was er bekanntermaßen auch weidlich, mitunter reichlich enervierend kundtat.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 11 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.06.2007 von lars_laterne: Diese 'evolutionäre' Liberalismusgläubigkeit...

...verschwindet halt immer dann, wenn die vermeintlich 'Starken' irgendwann begreifen müssen, dass ihre 'Stärke' häufig auf als Eigenleistung attribuierten Zufällen und einer wirksamen Markteintrittsverhinderung (durch [...] mehr...

12.06.2007 von duke_widin: wenn und haette,bitte richtig verstehen!

"[QUOTE=Jan_Mokros;1225055][QUOTE=duke_widin;1224148] Liberal steht fuer Evolution,dass ist das Gegenteil von Revolution an die der linke Dumpfbacke offensichtlich noch glaubt,wer braucht so ein Buch? ---Zitat--- Liberal [...] mehr...

11.06.2007 von Steuerbürger: Erste Erschöpfungszustände bei den Radikalindividualisten

Die Generation der Yuppies, Dotcoms, Dinks, die ab Mitte der 90er Jahre die Unis verließen hatten tatsächlich einen unstillbaren Drang nach Leistung und Erfolg. Zumindest die BWLer, Juristen und Informatiker. Dies wurde noch [...] mehr...

11.06.2007 von Jan_Mokros: Evolution? Ne, lieber Revolution!

[QUOTE=duke_widin;1224148] Liberal steht fuer Evolution,dass ist das Gegenteil von Revolution an die der linke Dumpfbacke offensichtlich noch glaubt,wer braucht so ein Buch? [QUOTE] Liberal steht für Evolution? Also für das [...] mehr...

11.06.2007 von azorro: Revival

Wahrscheinlich ist ein guido-revival schon auf dem bilderberger- treffen in istanbul beschlossen worden! mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP