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Neuer Liberalismus Burnout in der Generation Guido

2. Teil: Wie der Zusammenbruch des Neuen Marktes für Ernüchterung bei den Dreißigjährigen sorgte

Seit 1983 - seit er damals die Jungen Liberalen anführte - hatte er unverdrossen auf eine veränderte Einstellungskultur neu herangewachsener leistungsorientierter, optimistischer, fortschrittsbejahender, marktorientierter Individuen gesetzt. Der Liberalismus, den er anpeilte, sollte sich dieses Neubürgertum als Fundament und Pionier zugleich nehmen.

Erfolg hatte er mit dieser strategischen Option allerdings erst im Jahr 2000, als die CDU tief im Schlamassel des Spendenskandals steckte. Seit dieser Zeit ist die FDP nicht mehr in erster Linie altmittelständisch und honoratiorenhaft, sondern auch sozialstrukturell neo-liberal, da sie nun die Gruppe der "Startups" und der jungen Experten aus den Sektoren Marketing und Mulimedia zu ihren neuen Kernwählern zählte.

Doch gehört es zu den Paradoxien, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen politisch oft genug erst dann umsetzen, wenn der soziale Prozess bereits abgeschlossen ist, die untergründigen kulturellen Bewegungen sich schon in eine neue Richtung geschoben haben. Und so gewann der apodiktische Neoliberalismus in der FDP Fahrt, als die gesellschaftlichen Dammbrecher dieses Kurses allmählich Angst vor der eigenen Courage bekamen und sich selbst hinter den zuvor verachteten Sicherheitsdeichen zurückzogen. Denn: Der Zusammenbruch des Neuen Marktes, der Sturz der Aktienkurse hatte einigen forschen Neubürgern das zuvor rasch und rasant akkumulierte Vermögen genommen, in nicht ganz wenigen Fällen vorübergehend auch den Arbeitsplatz gekostet.

Erste Erschöpfungszustände bei den Radikalindividualisten

Diese Erfahrung sorgte für beträchtliche Ernüchterungen, schuf einen neuen Realitätssinn. Und schließlich: Die "modernen Performer" der "Generation Guido/Golf" sind, ganz trivial, mittlerweile ein kräftiges Stück älter geworden, sind vor allem in die Familienphase eingetreten. Bis dahin waren die Akteure dieser hochbeweglichen und dynamischen Gruppe jeder für sich fortwährend auf Achse, unentwegt auf Reisen, immer auf Ausschau nach neuen Experimenten, Unternehmen und Ideen, nicht zuletzt: nach den Grenzen der eigenen Leistungskraft und Belastungsfähigkeit.

Nunmehr sind Erschöpfungszustände, ja erste Burnout-Syndrome unübersehbar. Die Radikalindividualisten von ehedem haben sich auf die Suche nach Verwurzelungen, verlässlichen Bindungen, sicheren Häfen für Einkehr und Regeneration begeben. Der früher vorbehaltlose Fortschritts- und Technikenthusiasmus tritt jetzt gedämpfter auf, enthält auch Skepsis und Einwände. Die "Generation Guido/Golf" wirkt dadurch im Jahr 2007 ernüchterter, wünscht sich nun ebenfalls kalkulierbare Rahmenbedingungen, ja Sicherheiten für sich, für (mögliche) Kinder, im eigenen Job. Als "Re-grounding" wird dies von Beobachtern des Zeitgeistwandels charakterisiert.

Ein Zufall jedenfalls dürfte es nicht sein, dass die FDP – die stärkste Oppositionspartei im Bundestag, wie ihr Chef und Generationsstratege zu prahlen nicht müde wird – ihren Höhenflug beendet hat und nun bei den meisten Befragungsinstituten gar hinter der Linkspartei und den Grünen gelandet ist. Es spricht viel dafür, dass der Frühling eines klirrenden Neuliberalismus nach Art der achtziger und neunziger Jahre passé ist.

Gute Chancen für schwarz-gelb-grünes Bündnis

Doch vermag der Mentalitätswechsel im nun stärker sicherheitsorientierten Neubürgertum der Freien Demokraten machtpolitisch auch Nutzen bringen. Da überbordende marktradikale Erwartungen jetzt auch in der liberalen Klientel nicht mehr gebieterisch angesagt sind, kann die FDP wieder stärker in die Mitte des parlamentarischen Kräftespiels rücken. Dadurch vermehrt sich die Zahl der Koalitionsmöglichkeiten, selbst in Richtung SPD.

Aber eben auch hin zu den Grünen. Und das dürfte sich mit den Aspirationen des deutschen Neubürgertums gerade aus der "Generation Guido/Golf" vollauf decken. Deren Sympathien gelten, wenn es – was sehr wahrscheinlich ist – für Schwarz-Gelb nicht reichen sollte, am ehesten einer Jamaika-Koalition.

Denn das wäre ein ganz neues Projekt, innovativ und frisch, hätte Charme und Erotik. Mit solchen Attributen kann man bei der "Generation Guido/Golf" – Ernüchterung hin, Regrounding her – wohl immer noch am stärksten Eindruck schinden.

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insgesamt 11 Beiträge
Nostro 10.06.2007
Dieser Artikel behauptet, dass die FTP immer nur die Generation Golf als Klientel hatte. Und das die Waehler wegbleiben, weil die Golffahrer jetzt Mercedes fahren. Gleichzeitig wird die FDP als radikalindividualistisch [...]
Dieser Artikel behauptet, dass die FTP immer nur die Generation Golf als Klientel hatte. Und das die Waehler wegbleiben, weil die Golffahrer jetzt Mercedes fahren. Gleichzeitig wird die FDP als radikalindividualistisch gekennzeichnet. Ich glaube, das geht ziehmlich weit an den wahren Gruenden vorbei. Zunaechst muss man festhalten, dass die FTP gar keine liberale Partei ist, sondern vielmehr eine Partei, die ganz gezielt Lobbyarbeit fuer ein bestimmtes Klientel macht. Das sind keine Radikalindividualisten, sondern Handwerksmeister, Juristen und Aerzte. Am deutlichsten wird es aber beim Kampf fuer private Krankenkassen. Ist es liberal, dass der Versicherte ein Mindeseinkommen vorweisen muss, damit er in die private Kasse einsteigen kann? Ist 'sonst gehen die privaten Krankenkassen kaputt und Arbeitsplaetze verloren' liberal? Bloedsinn, wenn man sich fuer ein freies System entscheidet, soll jeder Zugang bekommen koennen. Wenn man nicht konkurrenzfaehig ist, hat man keine Existenzberechtigung und wenn man sich fuer ein Solidarsystem entscheidet, hat auch jeder daran zu partizipieren, basta. Die FDP kann man einfach nicht ernst nehmen, dass ist wohl ihr groesstes Problem. Ich haette gerne eine wirklich liberale Wahlalternative. Die Kommentare vom Chefsozialisten Beck sprengen mal wieder alles und klingen stark nach Oskar Lafontaine. Ich glaube, der wuenscht sich die DDR als Staatsentwurf.
mboettcher 10.06.2007
Liegt das Buch von Walter immer noch wie Blei im Regal? Will es - trotz massiver Werbung durch den Spiegel - einfach nicht in der Bestseller-Liste auftauchen? Dann seht doch endlich ein: es interessiert sich niemand für das [...]
Liegt das Buch von Walter immer noch wie Blei im Regal? Will es - trotz massiver Werbung durch den Spiegel - einfach nicht in der Bestseller-Liste auftauchen? Dann seht doch endlich ein: es interessiert sich niemand für das Geblubber von Walter. Gebt das Buch ins Papier-Recycling, und gut ist. M. Boettcher
still alive 10.06.2007
Jetzt habe ich doch meine wertvolle Zeit tatsächlich für einen Artikel voller Spekulationen und haltloser Behauptungen vergeudet. Was haben Autor und Spiegel vor? Guido in die Rente zu schicken? Das geht auch sachlicher. Aber [...]
Jetzt habe ich doch meine wertvolle Zeit tatsächlich für einen Artikel voller Spekulationen und haltloser Behauptungen vergeudet. Was haben Autor und Spiegel vor? Guido in die Rente zu schicken? Das geht auch sachlicher. Aber nicht vergessen: Wann seine Zeit vorbei ist, entscheiden immer noch Parteifreunde und Wähler. MfG, ein Golffahrer, der noch nie auf die Idee kam gelb zu wählen.
andrku 10.06.2007
...von euch nicht nachvollziehen, auch wenn ich nie Radikalindividualist war und nie Golf fuhr, kann ich mich beschämenderweise teilweise wiedererkennen und auch einige Charaktere aus meiner näheren Altersgruppe. Ja ich habe [...]
...von euch nicht nachvollziehen, auch wenn ich nie Radikalindividualist war und nie Golf fuhr, kann ich mich beschämenderweise teilweise wiedererkennen und auch einige Charaktere aus meiner näheren Altersgruppe. Ja ich habe mal FDP gewählt (und schon am nächsten Tag bereut, heute gehe ich gar nicht mehr wählen). Allerdings hätten einige fundierte empirische Daten dem Artikel nicht geschadet, kommt er doch letztlich selbst nicht über Vermutungen hinaus. Imho sind die ganzen neoliberalen Konzepte im Großen und Ganzen gescheitert, auch wenn es mal einen Punkt gab, wo sie mir vollkommen einleuchtend schienen. Man lernt halt dazu und wird älter, außerdem hat sich seit den 90-igern das Internet und die damit verbundene Diskussions- und Nachrichtenkultur weiterentwickelt. Man fällt nicht mehr auf jeden Schmonzes rein, den ein Magazin schreibt/verdreht. AKu
Hartmut Dresia 11.06.2007
Franz Walters "Träume von Jamaika" werden Träume bleiben; selbst wenn die Grünen wollten, sie können nicht, der kulturelle Graben zu Union und FDP ist zu tief. Die FDP stellt sich dem zentralen Thema nicht. [...]
Zitat von sysopLeistungsbereit, marktorientiert, fortschrittsgläubig - eine Generation wie Guido Westerwelle. Lange spiegelte dessen FDP die Wünsche und Ziele vieler heute 30-Jähriger wieder. Jetzt erleben sie ihr erstes Burnout-Syndrom und die Liberalen ihr blaues Wunder. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,487710,00.html
Franz Walters "Träume von Jamaika" werden Träume bleiben; selbst wenn die Grünen wollten, sie können nicht, der kulturelle Graben zu Union und FDP ist zu tief. Die FDP stellt sich dem zentralen Thema nicht. Wettbewerb in der Kulturgesellschaft - Freiheit und Solidarität statt Kapitalismus (http://www.magazin.institut1.de/677_Sprache_Doping_und_Dumping_bedrohen_Freiheit_und_Solidaritaet.html) steht zur Diskussion an. Liberalismus ohne Solidarität ist ein Auslaufmodell. Auch die CDU scheint sich auf momentanen Umfrageerfolgen auszuruhen. Wie die FDP ignoriert sie, dass es zuletzt im letzten Jahrtausend eine Mehrheit jenseits von SPD/Grüne/Linke gab.
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