Von Franz Walter
Seit 1983 - seit er damals die Jungen Liberalen anführte - hatte er unverdrossen auf eine veränderte Einstellungskultur neu herangewachsener leistungsorientierter, optimistischer, fortschrittsbejahender, marktorientierter Individuen gesetzt. Der Liberalismus, den er anpeilte, sollte sich dieses Neubürgertum als Fundament und Pionier zugleich nehmen.
Erfolg hatte er mit dieser strategischen Option allerdings erst im Jahr 2000, als die CDU tief im Schlamassel des Spendenskandals steckte. Seit dieser Zeit ist die FDP nicht mehr in erster Linie altmittelständisch und honoratiorenhaft, sondern auch sozialstrukturell neo-liberal, da sie nun die Gruppe der "Startups" und der jungen Experten aus den Sektoren Marketing und Mulimedia zu ihren neuen Kernwählern zählte.
Doch gehört es zu den Paradoxien, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen politisch oft genug erst dann umsetzen, wenn der soziale Prozess bereits abgeschlossen ist, die untergründigen kulturellen Bewegungen sich schon in eine neue Richtung geschoben haben. Und so gewann der apodiktische Neoliberalismus in der FDP Fahrt, als die gesellschaftlichen Dammbrecher dieses Kurses allmählich Angst vor der eigenen Courage bekamen und sich selbst hinter den zuvor verachteten Sicherheitsdeichen zurückzogen. Denn: Der Zusammenbruch des Neuen Marktes, der Sturz der Aktienkurse hatte einigen forschen Neubürgern das zuvor rasch und rasant akkumulierte Vermögen genommen, in nicht ganz wenigen Fällen vorübergehend auch den Arbeitsplatz gekostet.
Erste Erschöpfungszustände bei den Radikalindividualisten
Diese Erfahrung sorgte für beträchtliche Ernüchterungen, schuf einen neuen Realitätssinn. Und schließlich: Die "modernen Performer" der "Generation Guido/Golf" sind, ganz trivial, mittlerweile ein kräftiges Stück älter geworden, sind vor allem in die Familienphase eingetreten. Bis dahin waren die Akteure dieser hochbeweglichen und dynamischen Gruppe jeder für sich fortwährend auf Achse, unentwegt auf Reisen, immer auf Ausschau nach neuen Experimenten, Unternehmen und Ideen, nicht zuletzt: nach den Grenzen der eigenen Leistungskraft und Belastungsfähigkeit.
Nunmehr sind Erschöpfungszustände, ja erste Burnout-Syndrome unübersehbar. Die Radikalindividualisten von ehedem haben sich auf die Suche nach Verwurzelungen, verlässlichen Bindungen, sicheren Häfen für Einkehr und Regeneration begeben. Der früher vorbehaltlose Fortschritts- und Technikenthusiasmus tritt jetzt gedämpfter auf, enthält auch Skepsis und Einwände. Die "Generation Guido/Golf" wirkt dadurch im Jahr 2007 ernüchterter, wünscht sich nun ebenfalls kalkulierbare Rahmenbedingungen, ja Sicherheiten für sich, für (mögliche) Kinder, im eigenen Job. Als "Re-grounding" wird dies von Beobachtern des Zeitgeistwandels charakterisiert.
Ein Zufall jedenfalls dürfte es nicht sein, dass die FDP – die stärkste Oppositionspartei im Bundestag, wie ihr Chef und Generationsstratege zu prahlen nicht müde wird – ihren Höhenflug beendet hat und nun bei den meisten Befragungsinstituten gar hinter der Linkspartei und den Grünen gelandet ist. Es spricht viel dafür, dass der Frühling eines klirrenden Neuliberalismus nach Art der achtziger und neunziger Jahre passé ist.
Gute Chancen für schwarz-gelb-grünes Bündnis
Doch vermag der Mentalitätswechsel im nun stärker sicherheitsorientierten Neubürgertum der Freien Demokraten machtpolitisch auch Nutzen bringen. Da überbordende marktradikale Erwartungen jetzt auch in der liberalen Klientel nicht mehr gebieterisch angesagt sind, kann die FDP wieder stärker in die Mitte des parlamentarischen Kräftespiels rücken. Dadurch vermehrt sich die Zahl der Koalitionsmöglichkeiten, selbst in Richtung SPD.
Aber eben auch hin zu den Grünen. Und das dürfte sich mit den Aspirationen des deutschen Neubürgertums gerade aus der "Generation Guido/Golf" vollauf decken. Deren Sympathien gelten, wenn es – was sehr wahrscheinlich ist – für Schwarz-Gelb nicht reichen sollte, am ehesten einer Jamaika-Koalition.
Denn das wäre ein ganz neues Projekt, innovativ und frisch, hätte Charme und Erotik. Mit solchen Attributen kann man bei der "Generation Guido/Golf" – Ernüchterung hin, Regrounding her – wohl immer noch am stärksten Eindruck schinden.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH