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11.06.2007
 

Schwund in der SPD

Juso-Gruppe setzt sich in Linkspartei ab

Von Christian Teevs, Hannover

Die SPD vergreist. Nun haben die Sozialdemokraten wieder fünf junge Mitglieder verloren - ausgerechnet an die Linkspartei. Ehemalige Juso-Genossen unterstellen den Konvertiten, nur die Karriere im Auge zu haben. Doch der Schwund könnte ein Trend werden.

Hannover - Die ganz in schwarz gekleidete Jannine Hamilton lacht bitter auf, ihr Freund Robert Menger verdreht die Augen. Was sie da hört, empfindet die junge Frau erst recht als Bestätigung: Ehemalige Genossen machen ihr schwere Vorwürfe - die abtrünnige Juso-Landesvorsitzenden sei durch "unprofessionelle Arbeit, undemokratisches Verhalten und mangelnde Kooperation" aufgefallen. Sie habe immer nur "ihr eigenes Ding machen wollen". Die Germanistik-Studentin holt tief Luft: "Die Vorwürfe bestätigen mich in meiner Entscheidung, die SPD zu verlassen und der Linkspartei beizutreten", sagt die 28-Jährige. "Wenn den Jusos die Argumente ausgehen, wird gnadenlos denunziert. Fehler werden nicht eingestanden." Gemeinsam mit drei weiteren jungen Hochschulpolitikern aus Hannover hat das Paar der SPD den Rücken gekehrt.

Zu einem taktisch klugen Zeitpunkt – das geben die beiden gern zu: "Wir haben uns schon länger zu diesem Schritt entschlossen, wollten aber bis zu dem Vereinigungs-Parteitag von Linkspartei und WASG warten", sagt Menger, 30, der im Landeskoordinator der Juso-Hochschulgruppen war und auch im entsprechenden Bundesvorstand saß.

Dass sie sich dafür entschied und den Zeitpunkt geschickt vor dem Parteitag von WASG und Linkspartei wählte, bringt ihr nun eine hohe Medienwirkung ein. Unaufhörlich klingelt das Handy - Interviewanfragen von überregionalen Tageszeitungen. Und am frühen Abend laden "RTL aktuell" und "Tagesthemen" zum Gespräch.

Über 30 E-Mails habe er erhalten, seit er am Sonntag ankündigte, sein Parteibuch zurückzugeben, sagt Menger. Es gebe viel Verständnis für die Entscheidung. "Viele sind uns bereits zuvorgekommen, haben das aber lautlos gemacht. Wir wollten mit einem Knall abtreten." Die SPD sei für junge Leute einfach nicht mehr attraktiv. "Es gibt keine charismatischen Führer wie damals Willy Brandt, der dafür stand, dass eine andere Politik möglich ist."

Über 40 Prozent der SPD-Mitglieder sind über 60

Stattdessen muss die SPD vermehrt Angebote für ihre stärkste Altersgruppe machen. Das sind mittlerweile die Senioren. Über 40 Prozent der Mitglieder sind über 60 Jahre alt. Die "AG 60plus" hat innerhalb der Parteistrukturen viel Macht und Prestige, von dem die AG der Jungsozialisten nur träumen können. Auf kommunaler Ebene geht es nur noch darum, wie man die zahlreichen Senioren zu mehr Engagement bewegen kann. Die vereinzelten Jusos werden in ihren Ortsvereinen lediglich belächelt. Sie spielen keine Rolle mehr im Machtgefüge der Volkspartei. Fast verzweifelt muten die Versuche an, Jugendliche für die SPD zu begeistern. Mit einer Peperoni werben die Jusos in vielen Städten auf Plakatwänden in einer Werbekampagne für sich. Sie behaupten, "rot und scharf" zu sein .

Aus der Sicht von Hamilton und Menger haben sie jedoch jegliche Schärfe verloren. Die beiden haben keinen Appetit mehr auf Juso-Gremienarbeit - nicht nur inhaltlich sehen sie bei der Linken mehr Überschneidungen mit ihren Positionen. Auch für ihr persönliches Engagement sehen sie dort bessere Chancen.

Neu ist der Mitgliederschwund der Jusos allerdings nicht. Seit den Hochzeiten in den siebziger Jahren verloren sie beständig an Mitstreitern. "Warum traten Hamilton und Menger dann 2002 ein?", fragt ein ehemaliger Genosse, der sich über die "Karrieregeilheit" der beiden mokiert. Mengers Antwort: Er habe Hoffnung gehabt, etwas zu ändern. "Ich bin gegen die Politik von Gerhard Schröder Sozialdemokrat geworden", erklärt der 30-Jährige, "und wollte innerhalb der Partei etwas ändern." Diese Hoffnung hat er aufgegeben. "Die Entwicklung der SPD ist nicht aufzuhalten."

"Unmöglich, dass sie so auf die Jusos draufhauen"

Richtig ärgerlich über diese Kritik ist Christian Henze, ehemaliger Gegenkandidat von Hamilton bei der Wahl um den Landesvorsitz 2005. "Sie können ja austreten, aber dass sie jetzt so auf die Jusos draufhauen, finde ich unmöglich. Sie hätten ja auf die Entwicklung des Verbandes Einfluss nehmen können."

Doch eben das sei nicht möglich, bekräftigt Hamilton. Bei Juso-Treffen belauerten sich die Genossen nach dem Motto: Wer kann mir gefährlich werden. Enttäuscht sei sie als Landesvorsitzende vor allem nach der Bundestagswahl 2005 gewesen. "Da haben wir es als Jusos nicht geschafft, eine Stellungnahme gegen die Große Koalition zu verfassen." Immer mehr habe sie sich die Frage gestellt, welche Funktion die Linke in der SPD noch habe. Ihr etwas unscharfes Fazit: "Die Linke ist ein zahnloser Tiger, der zwar immer noch über ein gutes Renommee verfügt, aber keinerlei Einfluss mehr hat."

Es sei bei vielen Sozialdemokraten eine pathologische Haltung zu beobachten, sagt die 28-Jährige. "Wie viele Kröten schluckt man noch? Agenda 2010? Okay. Hartz IV? Okay. Aber dann noch die Gesundheitsreform, die Unternehmenssteuerreform. Und irgendwann geht es einfach nicht mehr und man entscheidet sich für den Austritt."

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