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11.06.2007
 

Halberstadt

Polizei räumt Fehler nach Neonazi-Überfall ein

Nach dem brutalen Neonazi-Überfall auf eine Theatergruppe in Halberstadt mit fünf Verletzten hat die Polizei zahlreiche "Fehler und Pannen" bei der Verfolgung der Täter zugegeben - der zuständige Dienstgruppenleiter wurde suspendiert. Heftige Kritik kommt vom Zentralrat der Juden.

Hamburg/Halberstadt - "Der Einsatz war geprägt von einer Mehrzahl von Fehlleistungen", sagte Halberstadts Polizeipräsidentin Christiane Marschalk. Die ersten Beamten seien eine Minute nach Alarmierung vor Ort gewesen. Sie hätten die Situation dort als "unübersichtlich" empfunden und nach eigenen Aussagen unterschätzt. Polizisten hätten Tatverdächtige zunächst zu Fuß verfolgt, die Verfolgung jedoch nach zehn Minuten abgebrochen.

Neonazi-Aufmarsch in Halberstadt: Probleme mit Rechtsextremen sind im Nordharz bekannt
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DPA

Neonazi-Aufmarsch in Halberstadt: Probleme mit Rechtsextremen sind im Nordharz bekannt

"Eigentlich hätte ein Vorgesetzter die Maßnahmen koordinieren müssen. Das ist nicht passiert", sagte Marschalk. "Der hinlänglich bekannte Haupttäter hätte festgenommen werden müssen." Die polizeiinternen Ermittlungen in dem Fall würden fortgeführt.

Bei dem Angriff am frühen Samstagmorgen waren 5 von 14 Ensemblemitgliedern nach einer Premierenfeier brutal verprügelt worden. Die Opfer im Alter von 19 bis 32 Jahren erlitten Rippen- und Kieferverletzungen, Nasenbeinbrüche und Augenverletzungen. Einer befand sich heute noch im Krankenhaus. Auslöser für den Angriff war laut Polizei möglicherweise die Punkerfrisur eines der Opfer.

Opfer des Überfalls, die dem Ensemble des Nordharzer Städtebundtheaters angehören, hatten den Beamten vorgeworfen, sich zu lang mit ihren Personalien befasst zu haben, statt die insgesamt acht Täter zu stellen. Diese hätten sich zumindest teilweise noch in der Nähe des Tatortes aufgehalten. Zudem hätten Passanten den Überfallopfern nicht geholfen.

Ein Richter erließ inzwischen Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Haupttäter, der unter anderem wegen Körperverletzung und Verwendens von Nazisymbolen vorbestraft ist. Nach dem Überfall am Samstagmorgen hatte die Polizei zwar seine Personalien überprüft, ihn jedoch zunächst laufen lassen. Erst nach 40 Stunden wurde der 22-Jährige nach einer Fahndung gefasst. Nach den restlichen sieben Tätern wird weiter gesucht.

Zentralrat der Juden: Verhalten der Polizei ist "erschreckend"

Der Zentralrat der Juden in Deutschland bezeichnete das Verhalten der Polizei als "erschreckend". Er habe nicht den Eindruck, dass sich die Beamten in Sachsen-Anhalt darüber klar sein, "dass eine Bewusstseinsänderung dringend notwendig ist", sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan J. Kramer, dem "Tagesspiegel". Obwohl die Landesregierung unter dem Motto "Hingucken!" eine lobenswerte Kampagne gegen den Rechtsextremismus initiiert habe, "vermisse ich die längst überfällige Aufklärungsarbeit in der Polizei", sagte Kramer.

Er wolle die Beamten nicht pauschal als rechts abstempeln, doch offenkundig gebe es in der Polizei von Sachsen-Anhalt ein "strukturelles Problem". Polizei-Präsidentin Marschalk wies die Vorwürfe zurück, die Polizei im Vorharz sei auf dem rechten Auge blind. "Ich habe die Bekämpfung des Rechtsextremismus zum Schwerpunkt gemacht", sagte sie. Es habe sich bei dem Überfall nicht um ein gezieltes Verbrechen gehandelt, dem man hätte vorbeugen können.

Politiker aller demokratischen Parteien verurteilten den Überfall, kritisierten die Polizeipannen und forderten rasche Aufklärung. Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) zeigte sich "entrüstet". "Wir müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass Rechtsextremisten immer brutaler auftreten." Ähnlich äußerte sich Innenminister Holger Hövelmann (SPD): "Der rechte Mob hat scheinbar keinerlei Hemmschwellen mehr. Ich teile den Zorn der Opfer." Der Fall werde landesweit in den Polizeidienststellen ausgewertet.

"Zu konstatieren ist ein erschreckendes Versagen der Polizei", sagte Linkspartei-Fraktionschef Wulf Gallert. Ähnlich sieht das die FDP. Auch der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, verurteilte den Angriff und kritisierte das Vorgehen der Polizei.

flo/dpa/ddp

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