Von Matthias Gebauer
Berlin - Die sogenannte Lage am Dienstag im Bundeskanzleramt ist eigentlich Routine. In ruhigem Ton tragen die Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden vor, was ihre Ermittler in den vergangenen Tagen an relevantem Material beschafft und was die Kollegen aus dem Ausland mitgeteilt haben. Meist endet die Runde mit der abstrakten Einschätzung, Deutschland sei stets durch islamistischen Terrorismus gefährdet, aber es gebe bisher keine konkreten Hinweise auf Anschläge.
Diese Einschätzung hat sich in den vergangenen Tagen verändert. Am Donnerstagabend informierte der Innenstaatssekretär August Hanning mehrere Journalisten über die aktuellen Erkenntnisse der Behörden. Dabei benutzte der sonst sehr ruhige Hanning, der jahrelang dem Auslandsnachrichtendienst BND vorstand, dramatische Worte. "Wir sind alarmiert", sagte der Beamte.
Hanning führte nach Angaben von Teilnehmern der Runde aus, dass Deutschland so gefährdet sei wie seit dem Jahr 2001 nicht mehr. Er selber fühle sich an die Zeit vor dem 11. September erinnert. Wie damals bekommen deutsche und ausländische Sicherheitsdienste wieder sehr viele Hinweise auf Planungen, Gruppen und einzelne Extremisten, die möglicherweise etwas vorbereiten. Der sogenannte "Chatter", der abgefangene Informationen sammelt, besorgt Hanning extrem.
"Voll ins Zielspektrum des islamistischen Terrors gerückt"
Das Briefing an sich war aus Sicht von Teilnehmern mehr als ungewöhnlich und zeugt von der massiven Nervosität der Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden. Ziemlich offen gestanden sie ein, dass sie auch Erkenntnisse haben, die auf Anschläge in Deutschland hinweisen könnten. "Wir sind voll ins Zielspektrum des islamistischen Terrors gerückt", sagte Hanning. Zudem mahnte er an, die Hinweise sehr ernst zu nehmen.
Die neue und ungewöhnlich offen kommunizierte Lagebeschreibung speist sich aus drei Faktoren. Zum einen haben Experten bei Polizei und den Geheimdiensten ein Video ausgewertet, dass am 9. Juni 2007 im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet entstand und vor einigen Tagen vom US-Sender ABC ausgestrahlt wurde. Auf dem Band, für dessen Entstehung die Taliban extra einen pakistanischen Journalisten eingeladen hatten, ist der Bruder des kürzlich getöteten Taliban-Kommandeurs Mullah Dadullah vor einer Gruppe seiner Anhänger zu sehen.
Vor allem der Vortrag von Mansur Dadullah beunruhigt die deutschen Behörden: Vor laufender Kamera verabschiedet der Mann vier Gruppen angeblicher Selbstmordattentäter, die vermummt vor ihm hocken. Eine der Gruppen soll dem Band zufolge nach Deutschland aufbrechen, die anderen drei in die USA, Kanada und nach England - um sich mit Anschlägen für den Krieg in Afghanistan zu rächen.
Erkenntnisse über deutsche Extremisten
Hielten die Behörden das Band zunächst für eine bei den Taliban mittlerweile übliche Propaganda-Maßnahme, nehmen sie die Drohung inzwischen ernster. Zum einen befürchten sie weitere Attentate gegen die Bundeswehr in Afghanistan, wo erst vor einigen Wochen drei Soldaten bei einem Selbstmordanschlag ums Leben kamen. Zum anderen müssen die Experten annehmen, dass vielleicht tatsächlich Selbstmordattentäter aus Afghanistan oder Pakistan auf dem Weg nach Deutschland sind.
Die Befürchtungen werden untermauert durch Erkenntnisse über deutsche Extremisten, die seit langem beobachtet werden. Man geht im Innenministerium davon aus, dass mindestens zehn bekannte deutsche Extremisten zurzeit in Trainingslagern in Pakistan sind - und sich dort möglicherweise auf Missionen vorbereiten. Diese Analyse beruht hauptsächlich auf Recherchen der US-Dienste, die in Pakistan seit Jahren fast jedes Telefonat belauschen, fast jede E-Mail abfangen.
Konkret untermauert wird die Befürchtung durch zwei Festnahmen: Am 10. Juni wurden auf pakistanischer Seite der afghanischen Grenze drei Personen unter Terror-Verdacht festgenommen, zwei davon sind Deutsche, einer stammt aus Kirgisien. Die pakistanischen Behörden nehmen an, dass die Festgenommenen aus Trainingslagern von Terror-Gruppen kamen - oder dorthin wollten. Auffallend war vor allem die Ausstattung der Gruppe: Im Gepäck hatten sie Satelliten-Telefone und Funkgeräte.
Pakistan-Connection beunruhigt Terror-Ermittler
Einer der beiden Deutschen, die sich den Erkenntnissen zufolge seit längerem in Afghanistan aufhalten, ist für die Behörden besonders interessant: Der junge Mann aus Süddeutschland gilt seit Jahren als sogenannter "Gefährder". Nun muss befürchtet werden, dass der Mann in Afghanistan und Pakistan für Anschläge ausgebildet wurde. Möglicherweise war er sogar auf dem Weg von einem Lager zu einem möglichen Attentat. Noch aber haben deutsche Behörden keinen Zugang zu dem Mann - der wird jetzt vom pakistanischen Geheimdienst ISI verhört. Das Auswärtige Amt sagte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, man bemühe sich um die Klärung von Gerüchten über die Festnahme.
Kurz nach der Festnahme am 10. Juni wurde noch ein weiterer deutscher Extremist in der Region festgenommen. Auch er gilt als möglicher Attentäter und verstärkt die Sorge der Behörden, und gibt dem Drohvideo der Taliban eine neue Bedeutung.
Die Sicherheitsbehörden halten zurzeit nichts mehr für unmöglich, unter den Experten kursieren viele Szenarien: Zum einen halten es Experten für denkbar, dass die Taliban gezielt Drohungen ausstoßen und Anschläge in Afghanistan ausführen, um die Erneuerung des deutschen Afghanistan-Mandats im Herbst zu torpedieren. Konkret erinnerten Analysten in den vergangenen Tagen an die Geschehnisse in Madrid, als kurz vor einer Regierungswahl Bomben in Pendler-Zügen hochgingen.
Die sogenannte Pakistan-Connection aber beunruhigt viele der Terror-Ermittler noch stärker. Seit Monaten haben mehrere internationale Geheimdienste den Verdacht, dass sich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet Terror-Zellen bilden könnten, die sich auf den Weg nach Deutschland, den USA oder anderen Ländern machen könnten. Die Festnahmen allein untermauern diese Sorge, deshalb haben die deutschen Behörden ihre Kooperation mit ihren Partnerdiensten noch einmal verstärkt.
Jetzt haben Fahnder die Grenzposten rund um Deutschland angewiesen, verstärkt auf Reisende aus Pakistan und der Region zu achten. Namen von möglicherweise verdächtigen Personen wurden genannt, Profile von möglichen Extremisten durchgegeben, die in Taliban-Ausbildungslagern gewesen sein könnten. In jedem Fall wollen die Behörden verhindern, dass solche Personen nach Deutschland einreisen.
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